Gehörlosengemeinde

Von Gottesdiensten und Gebärden

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Claudia Weyel und Gerald Mielke-Weyel gebärden. Tochter Annalisa übersetzt in gesprochene Sprache - von der Gehörlosengemeinde in Friedberg. Und davon, wie sich die Gehörlosen in einer Welt voller Hörender gegenseitig helfen.

Wer die Dinge nicht selbst angeht, kann lange warten. Claudia Weyel hat das früh gelernt. In ihrer Jugend zum Beispiel, als sie tanzen wollte, es aber keine Angebote für Gehörlose gab. Sie übte selbst mit Freundinnen Tänze für Sommerfeste und Geburtstage und leitete später eine Jazz-Tanz-Gruppe für Gehörlose. "Es ist typisch, dass Gehörlose alles selbst organisieren. Von außen gibt es keine Hilfe."

Die Butzbacherin ist seit ihrer Geburt gehörlos. Sprechen hat sie trotzdem gelernt. Weil es früher normal gewesen ist, gehörlose Kinder zum Logopäden zu schicken. Dennoch kommuniziert sie lieber in Gebärdensprache.

Ihre Arme und Hände bewegen sich schnell, die Lippen formen Worte. Sie erzählt. Von der Gehörlosengemeinde, von den Gottesdiensten, von der Gemeinschaft.

Ihr gegenüber sitzen Mann Gerald Mielke-Weyel und Tochter Annalisa. Die 19-Jährige kann hören. Doch da ihre Mutter gehörlos und ihr Vater schwerhörig ist, kennt sie beide Welten - und sagt: Hörende können sehr viel lernen von der Gemeinschaft und dem Zusammenhalt der Gehörlosen. "Als wir unser Haus renoviert haben, hat die ganze Gemeinde geholfen."

Sie meint die Mitglieder der evangelischen Gehörlosengemeinde in Friedberg, die ihre Mutter vor 35 Jahren mitgegründet hat.

Wie bei Hörenden - nur ohne Ton

Claudia Weyel lebte damals in Friedberg. Als gläubiger junger Mensch organisierte sie mit einer kleinen Gruppe einen Hauskreis in ihrer 35-Quadratmeter-Wohnung. Sie beteten, lasen in der Bibel, tauschten sich aus - und wurden mit der Zeit immer mehr Leute.

Auf der Suche nach einem größeren Raum erfuhr sie von der Stadtmission. "Ich bin einfach hingegangen, ohne Dolmetscher." Dennoch hat die Verständigung funktioniert. "Wenn jemand langsam spricht, kann ich gut von den Lippen ablesen." Die Rahmenbedingungen waren rasch geklärt: Der Pastor zeigte ihr einen Raum, in der Woche darauf traf sich die Gruppe dort.

1984 war das. Seither ist die Gemeinde gewachsen. Es gibt Freizeiten und einen Frauenkreis. Feiern und Ausflüge. Das Wichtigste jedoch sind die Gottesdienste. An zwei Sonntagen im Monat treffen sich rund 50 Gehörlose. Manche kommen aus Koblenz, Limburg, Darmstadt oder Wiesbaden, andere aus Fulda, viele aus Frankfurt. An sich unterscheiden sich die Gottesdienste nicht von denen der Hörenden, sagt Gerald Mielke-Weyel. "Sie sind nur ohne Ton."

Was aber anders ist: die Zeit danach. Keiner fährt nach Hause. Alle setzen sich zusammen, trinken Kaffee, essen Kuchen, unterhalten sich.

Dadurch, dass im Alltag kaum Unterstützung für Gehörlose angeboten wird, sind sie untereinander gut vernetzt. "Es gibt sehr wenige Psychologen für Gehörlose und beispielsweise auch zu wenige Eheberater, die Gebärdensprache können", sagt Gerald Mielke-Weyel. Also muss man sich selbst helfen. Die Gemeinde bietet beispielsweise Seelsorge an, unterstützt bei Behördengängen oder bei Problemen auf der Arbeit. Ein Freund der Familie war kürzlich im Krankenhaus. Die Kommunikation dort war schwierig. Gerald Mielke-Weyel übersetzte - auch wenn er als Schwerhöriger selbst kaum noch hört.

Eine andere Sache sind Freizeitangebote. Gibt es für Gehörlose kaum - zumindest nicht im ländlichen Raum. Claudia Weyel, die schon immer gerne tanzt, hat deswegen als Jugendliche einfach mit Freundinnen Tänze geübt und aufgeführt. In den 90ern, als sie schon Erzieherin in der Gehörlosenschule Friedberg war, hat sie mit ihren Schülern bei den Hessischen Tanz-Theater- Meisterschaften den 1. Platz gemacht. Obwohl es die einzige gehörlose Gruppe war, die angetreten ist. "Wir haben die Tänze zuerst nach Zahlen geübt", erzählt sie. "Wenn das klappt, mit Musik. Meistens von Michael Jackson, zum Beispiel ›Come together‹, oder Bonny M." - und mit spürbarem Bass.

Durch die Tanzgruppe hat Claudia Weyel später ihren Mann kennengelernt. Er ist von einer Arbeitskollegin mit auf die Weihnachtsfeier gebracht worden. Auch wenn er erst Angst hatte, wie er heute lachend erzählt. "Als Schwerhöriger konnte ich keine Gebärdensprache." Das Problem erübrigte sich sehr schnell. Die zwei verliebten sich, er lernte Gebärdensprache - "und irgendwann musste ich ihm gar nicht mehr helfen", sagt sie.

Das Ehepaar ist heute sehr gut vernetzt. Beide engagieren sich in der Gemeinde. Er hat zum Beispiel viele Freizeiten organisiert. Aber auch über Deutschland hinaus sind sie mit Gehörlosen in Kontakt. Kürzlich waren Gäste aus Italien da; vergangenes Jahr kamen Pastoren aus Gehörlosengemeinden der ganzen Welt zu einem Treffen. Das, sagt Gerald Mielke-Weyel, ist das Schöne an Gebärdensprache: "Wir können auf der ganzen Welt miteinander kommunizieren."

Pizza bestellen und Weltreise

Eine gehörlose Freundin von Claudia Weyel ist vor einiger Zeit zu einer Weltreise aufgebrochen. Als sie wieder zu Hause war, hat sie einen Vortrag in der Gehörlosengemeinde gehalten, von ihren Erlebnissen erzählt und Bilder gezeigt. Und sie hat eine Frage in die Runde gestellt: "Was glaubt ihr - in welchem Land ist es am schwierigsten, als Gehörlose zu kommunizieren?" Ihre Antwort: in Deutschland.

Dolmetscher per Video-Chat

In anderen Ländern seien die Menschen offener gewesen, hätten sich schnell darauf eingestellt, dass ihr Gegenüber nicht hören kann - und entsprechend mit "Händen und Füßen" kommuniziert.

Das funktioniere übrigens in vielen Fällen gut, erzählen Claudia Weyel und Gerald Mielke-Weyel. Irgendwie klappt es immer mit der Kommunikation - und zur Not kann man etwas aufschreiben.

Vieles sei durch die Möglichkeiten, die das Internet bietet, einfacher für Gehörlose geworden. Es gibt zum Beispiel ein Service-Angebot ("Tess", auch als App verfügbar), das es Gehörlosen ermöglicht, Telefonate zu führen - sei es, um einen Notruf abzusetzen oder um eine Pizza zu bestellen. Der App-Nutzer nimmt Kontakt per Video-Chat mit einem Gebärdendolmetscher auf, erklärt sein Anliegen, und der Dolmetscher führt das entsprechende Telefonat. Dass es heutzutage die Möglichkeit von Video-Chats gebe, mache überhaupt vieles einfacher. Was aber zurzeit schwierig ist: Durch die Maskenpflicht ist es für Gehörlose unmöglich, von den Lippen zu lesen. Manchmal kann das Problem gelöst werden, indem man das Anliegen notiert oder die Maske kurz abnimmt. Es ist aber auch schon vorgekommen, erzählt Gerald Mielke-Weyel, dass er ein Geschäft verlassen hat, ohne dass man ihm weiterhelfen konnte.

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