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Marco Laßmann (l.), Niclas Nern und Inka Litzenberger machen während ihrer Arbeit im Rettungsdienst regelmäßig Erfahrung mit latenter Aggression.

Aggressive Stimmung

Gewalt gegen Rettungskräfte: Drei Wetterauer berichten

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf Mitarbeiter des Rettungsdienstes. Wie ist die Lage in der Wetterau? Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes Wetterau in Friedberg berichten.

Gewalt gegen Rettungssanitäter ist ein Problem, das aufgrund von Medienberichten derzeit im Gespräch ist. Marco Laßmann, Niclas Nern und Inka Litzenberger vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Friedberg fallen allerdings nur wenige tätliche Angriffe ein. Etwas anderes dagegen sei die latente Aggressivität. »Wenn man von körperlichen Blessuren redet, bin ich der Meinung, dass es nicht mehr und nicht weniger geworden ist«, sagt Rettungsdienstleiter Nern.

13 110 Rettungswagen-Einsätze inklusive Krankenhaustransporte fuhr das DRK Wetterau, zu dem die drei Rettungswachen in Bad Vilbel, Butzbach und Friedberg gehören, im vergangenen Jahr. Insgesamt sei es in diesem Zeitraum zu zwei tätlichen Übergriffen gekommen. »Dabei wurden die Mitarbeiter nicht verletzt, aber die Wagen beschädigt.«

Vor Schlägen in den Wagen gerettet

Beide Fälle betrafen die Rettungswache in Butzbach. »Das eine war auf der A 5. Der Patient versuchte mehrfach, das fahrende Fahrzeug zu verlassen. Er randalierte und schubste. Die Kollegen fuhren an den Seitenstreifen und riefen die Polizei«, schildert Nern die Situation. Im Rettungswagen schlug der Mann daraufhin auf die Medizingeräte ein. Im zweiten Fall wurde der Rettungsdienst zu einer Versammlung Jugendlicher und junger Erwachsener auf einem öffentlichen Platz gerufen. »Alkohol war im Spiel«, berichtet der 28-Jährige. Ein stark betrunkener Mann sollte eine Infusion erhalten, wehrte sich und behauptete gegenüber seinen Freunden, er sei im Rettungswagen geschlagen worden. Daraufhin wollten die Freunde die Mitarbeiter verprügeln, welche sich einschlossen und die Polizei riefen. Erbost traten die Betrunkenen Beulen ins Auto.

Auch der Transport zur Kur kann unangenehm werden

Gewalt gegen den Rettungsdienst wird laut Kreisgeschäftsführer Laßmann erst seit ein paar Jahren thematisiert: Dass Menschen am Einsatzort Sanitäter schlagen, treten und bespucken. Häufiger als körperliche Attacken und Sachbeschädigung seien aber emotionale und verbale Gewalt, was in Brennpunkten wie dem Frankfurter Bahnhofsviertel anders sein möge.

Zu latenter Aggression könne es beispielsweise kommen, wenn jemand zur Kur soll und das Gepäck viel zu groß und sperrig ist. Angehörige haben laut dem 50-Jährigen mitunter trotzdem die Erwartungshaltung: »Das hat der Krankentransport mitzunehmen.« Lautes Hupen, weil ein Rettungswagen wegen eines Verletzten an Bord langsam fährt, sei ein weiteres Beispiel. Er sei auch auch schon als »Nazi« beschimpft worden, sagt Laßmann.

Angehörige in Stressituationen

Gerade in der Corona-Zeit können laut Notfallsanitäterin Litzenberger Erwartungshaltungen enttäuscht werden: Beispielsweise, wenn der Transport nicht zur gewünschten, sondern zu einer anderen Zielklinik fahre, oder wenn Familienmitglieder nicht mit könnten. »Da kann schon mal was verbal entgleisen, denn die Angehörigen sind ebenfalls in einer Stresssituation.« Geschimpft werde auch, wenn der Rettungswagen angeblich falsch parke. »Da kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, nach denen wir mitunter sprachlos im Auto sitzen. Daran habe ich mich auch nach 20 Jahren noch nicht gewöhnt«, bekennt Litzenberger. Der Rettungsdienst komme im Gedanken, helfen zu wollen - und plötzlich laufe es anders als vorher gedacht. Wie die Notfallsanitäterin hinzufügt, müsse man dabei unterscheiden, ob der Patient bewusst oder nicht bewusst agiere. »Bei Demenz etwa kann es auch sein, dass die Person aggressiv wird, ohne böse Hintergedanken zu haben«, sagt die 38-Jährige.

Wie Kreisgeschäftsführer Laßmann konstatiert, müssten die Sanitäter mit solchen Dingen rechnen, Ausnahmesituationen gehörten zu dem Beruf dazu. »Die Grundstimmung ist allerdings schlimmer geworden.« Was den Rettungsdienst mehr belaste, seien letztlich aber andere Dinge: »Etwa, dass die Zahl der Krankenhäuser immer mehr heruntergefahren wird. Man hat eine weite Fahrt in die Klinik, findet dort eine überlastete Schwester vor - dann streiten sich Rettungsdienst und Krankenhaus wegen eines gesellschaftlichen Problems.«

Einen wichtigen Faktor dürfe man nicht übersehen, fügt Rettungsdienstleiter Nern hinzu: »Vereinzelte Negativ-Erlebnisse bleiben viel stärker im Gedächtnis als die vielen positiven Fälle.«

Treten, schlagen, schubsen - eine Statistik

Die Beobachtungen der Rotkreuz-Mitarbeiter Marco Laßmann, Niclas Nern und Inka Litzenberger decken sich mit einem aktuellen Bericht des Deutschen Ärzteblatts. Demnach gehören Übergriffe zum Alltag von Rettungspersonal. Wie aus einer Studie des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) hervorgehe, seien 40,3 Prozent der Studienteilnehmer ausschließlich von verbaler Gewalt betroffen, etwa ein Drittel machte die Erfahrung tätlicher und verbaler Aggression, 14,1 Prozent hatten es laut Studie ausschließlich mit körperlichen Angriffen zu tun. Täter sind laut der Expertise in Dreiviertel der Fälle die Patienten, sowie Freunde (42,6 Prozent) und Angehörige (40,7 Prozent). Am häufigsten wird getreten und geschlagen (32,7 Prozent), gefolgt von schubsen (31,5 Prozent).

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