Prof. Reimer Gronemeyer sagt: "Die Corona-Pandemie führt in Pflegeheimen zu besonderen Schwierigkeiten." Auch im Bezug auf die Herausforderungen für die dort pflegenden Menschen, die "einen zentral wichtigen Einsatz für die Gesellschaft leisten".
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Prof. Reimer Gronemeyer sagt: "Die Corona-Pandemie führt in Pflegeheimen zu besonderen Schwierigkeiten." Auch im Bezug auf die Herausforderungen für die dort pflegenden Menschen, die "einen zentral wichtigen Einsatz für die Gesellschaft leisten".

Demenz und Corona

Geschützt, aber sehr einsam

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Die Situation ist schwierig. Für die meisten von uns. Doch, sagt Prof. Reimer Gronemeyer: "Wenn man auf Menschen mit Demenz schaut, ist die Dramatik noch größer."

Es ist noch nicht ganz ein Jahr her, Prof. Reimer Gronemeyer hat gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert, da hat er gesagt: "An dem Umgang mit Menschen mit Demenz kann man viel über unsere Gesellschaft lernen. Es ist wie mit dem Sprichwort: Wenn Du etwas über die Katze wissen willst, musst Du die Mäuse fragen."

Das Thema Demenz ist schon lange ein Schwerpunkt in der Arbeit des Gießener Soziologen. Seit vielen Jahren forscht er dazu, schreibt Bücher darüber und ist Vorsitzender des Vereins Aktion Demenz. Nun, vor dem Hintergrund der Corona-Krise, macht der Soziologe das, was ihn und seine Arbeit auszeichnet: Er fragt die Mäuse.

"Die Menschen mit Demenz gehören zu den Schwächsten unserer Gesellschaft, und deswegen dürfen sie keine Nebenfiguren sein, sondern müssen im Zentrum der moralischen Integrität stehen."

So kam ihm die Idee, "ganz schnell eine Task Force aufzustellen, die zumindest ein Monitoring dessen macht, was mit den Menschen mit Demenz unter dem Druck der großen Krise passiert". Der Projektname lautet "Demenz und Corona". Zudem will das Team auch das Thema Behinderung in diesem Kontext betrachten. Das Ziel von Gronemeyer und seinem Team ist es, Geschichten aus dem Alltag zu sammeln - um daraus etwas zu lernen und es im Idealfall besser zu machen.

Was sind Ihre ersten Eindrücken bei der Arbeit mit diesem Thema?

Prof. Reimer Gronemeyer:Die Corona-Pandemie führt insbesondere in Pflegeheimen zu ganz besonderen Schwierigkeiten. Menschen dürfen ihre pflegebedürftigen Angehörigen nicht besuchen. Das hat sicher gute Gründe. Aber wenn man auf die Demenz schaut, ist die Dramatik noch größer. Für viele Angehörige stellt sich die Frage: Wird meine Mutter, mein Vater oder mein Mann mich überhaupt wiedererkennen?

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Neben diesem Aspekt, sagt Reimer Gronemeyer, kommt die soziale Isolierung hinzu - "die für Menschen mit Demenz nur sehr schwer zu realisieren ist. Zumal sie ja auch gerne unterwegs sind." Und weil sie oft in einem Zustand seien, in dem sie die Aufforderung zur sozialen Distanz nicht verarbeiten und begreifen könnten. Einer der wichtigsten Punkte, mit denen sich Gronemeyer und sein Team beschäftigen, ist daher die Frage nach der sozialen Isolierung.

Gronemeyer:Die erleben wir alle im Moment. Aber für Menschen in Pflegeheimen und für Menschen mit Orientierungsschwierigkeiten ist es noch einmal schwieriger. Das wirft die Frage auf, ob die Folgen dieser Isolation und dieser Einschließung nicht in ihrer Dramatik unterschätzt werden. Also wie viele suizidal-, depressiv- und verwirrungverstärkende Folgen hat diese Isolation? Was haben wir an längerfristigen Folgen zu bewältigen, wenn wir das fortsetzen? Wir sehen im Moment nur das Virus und hören, was Infektionsmediziner und Politiker sagen. Darauf wird mit Freiheitsbeschränkungen reagiert. Doch, das ist der Appell an die Politik: Wir sollten die guten Gründe, die es für die Isolation gibt, noch einmal überdenken, im Hinblick darauf, was uns langfristig als Folge erwartet.

Welche Folgen sehen Sie?

Gronemeyer:Es wird eine steigende Rate von Depressionen und Suiziden unter älteren Menschen zu befürchten sein, da sie durch die Situation vereinsamen. Möglicherweise haben wir am Ende durch den Schutz, der jetzt durch Isolation organisiert wird, einen größeren Schaden erzielt, als wenn wir die Menschen nicht so radikal eingesperrt hätten.

Wie könnte ein besserer Umgang mit der Situation aussehen?

Gronemeyer:Das ist sehr schwer zu beantworten. Der erste Schritt ist schon geschehen. Eine Zeit lang konnten Menschen nicht ihre sterbenden Angehörigen besuchen. Aber das ist ja wohl weitgehend zurückgenommen. Es ist eine Frage der Abwägung: Ist das Infektionsrisiko größer als das Risiko der verschärften Verwirrung und der Isolation von Menschen mit Demenz? Viele Menschen in Pflegeheimen bleiben durch den Besuch ihrer Angehörigen lebendig. Möglichkeiten, und solche Dinge geschehen ja schon, sind Gespräche über den Balkon. Oder unter Umständen, wenn die Angehörigen das wollen, mit Schutzmasken etc. Vielleicht kann auf diesem Weg doch mehr Kontakt möglich sein, als es die jetzige strenge Regelung vorsieht.

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Gerade, weil Gronemeyer Antworten auf die Fragen nach dem Umgang mit der Situation sucht, hat er das Projekt gestartet. Das Team will beobachten und Probleme sichten, aber auch schnell Ergebnisse und Lösungsvorschläge anbieten. Denn, sagt er: "Eins ist klar: Es wird dauern. Das wird für Menschen in Pflegeheimen nicht in ein paar Wochen vorbei sein. Und es ist unsere Aufgabe als Sozialwissenschaftler, da nicht irgendwelche Faktensammelei zu betreiben, sondern zu schauen, was die Anforderung an die Gesellschaft ist, die vielleicht im Moment zu sehr durch die Virus-Infektions-Brille schaut."

Ein weiteres Thema, das im Fokus der Projektarbeit stehen soll, ist die Frage nach den ethischen Grundsätzen der medizinischen Behandlung. Zum Beispiel: Werden Menschen ausgewählt, wenn die Zahl der Intensivbetten oder die Zahl der Beatmunggeräte knapp ist?

Gronemeyer:In der öffentlichen Diskussion taucht die Idee auf, dass Dialysepatienten oder Menschen mit Demenz zuerst diejenigen sind, die beispielsweise einer Mutter mit drei Kindern oder einem rüstigen 80-Jährigen weichen müssen. Die Lage in Deutschland ist zwar noch nicht so dramatisch. Aber für den Fall, dass es ernst wird, stellt sich die Frage: An welcher Stelle in der Auswahl rangieren Menschen mit Demenz? Das ist eine ganz schwierige Frage - sowohl für Mediziner als auch für Angehörige und nicht zuletzt für die Betroffenen selbst. Da ist es wichtig, was Ethiker sagen: Dass es nicht angehen kann, Menschen, nur weil sie Demenz haben, gewissermaßen eher aus der Intensivbehandlung herauszunehmen als andere.

Erfahrungsberichte gewünscht:

Das Team um Prof. Reimer Gronemeyer - Dr. Oliver Schultz, Anne Zulauf und Prof. Reinhilde Stöppler - möchte für das Projekt "Demenz und Corona" mit Betroffenen Kontakt aufnehmen. Wer in der aktuellen Situation Erfahrung mit Menschen mit Demenz macht, kann seine Erlebnisse und Eindrücke gerne per E-Mail an das Team schicken oder telefonisch Kontakt aufnehmen. Der Soziologe sagt: "Das ist eine tolle Möglichkeit, damit wir Geschichten und Erfahrungen bekommen. Oder Vorschläge: Was habe ich erlebt? Wie geht es meinen Angehörigen in der aktuellen Situation? Was würde ich mir wünschen?"

Wer dem Team von seinen Erfahrungen berichten möchte, kann eine E-Mail schicken an: reimer.gronemeyer@sowi.uni-giessen.de oder schultzoliver169@googlemail.com. Oder anrufen unter Tel. 01 57/37 57 71 33 (Schultz) oder 01 51/22 33 11 33 (Gronemeyer).

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