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»Inspiration ist nicht planbar«, sagt Wolfgang Michael Weiß. Mit einem Frühsommertag kam sie, und er setzte sich ans Klavier.

Geschichten vom Ausklang des Lichts

  • vonHanna von Prosch
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Friedberg (hms). Vier Stunden eines Frühsommerabends im ersten Corona-Lockdown: Empfindungen der Seele in meditative Töne gebettet, die aus den Fingern in die Tasten fließen und sich festhalten lassen auf einer CD. Der Friedberger Pianist Wolfgang Michael Weiß nennt sie »Visions of the Heart«.

Wie klingt das seine Farbe verändernde Grün? Wie das letzte Blau? Und wie die Nacht? Auf der CD »Herz-Visionen« kann man Musik erleben, so wie ihr Schöpfer sie beim Einspielen empfunden hat: in hellen und dunklen Tonfarben, zurückhaltend und munter, funkelnd, fließend.

Es war ein lauer Junitag 2020, als der Pianist, Organist, Sänger, Chorleiter und Musiklehrer Wolfgang Weiß aus der ersten Starre erwachte, welche die Pandemie mit sich gebracht hatte. »Man müsste sich wieder aufraffen«, dachte er, »der Alltagsdruck und auch die ungewohnte Entspannung sind vorbei. Es war so ein langsames Decrescendo über Wochen.« Doch die Situation macht ihm deutlich, es geht gerade nicht viel in der Musik, und wer weiß, wie lange noch. »Viele erfinden sich jetzt gerade neu. Was soll ich tun?«, fragte er sich.

Und auf einmal sei er an einem Punkt gewesen, an dem alles andere so viel mehr Bedeutung erlangte. Was gerade in der Natur selbstverständlich ist und er sonst kaum wahrgenommen hatte, erschien ihm in einem besonderen Licht.

Er fühlt die ersten warmen Sonnenstrahlen, sieht von seinem Fenster hinaus in die Weite, hört die Vögel zwitschern, bemerkt ihr plötzliches Verstummen, nimmt wahr, wie sich der Abend über Bäume und Wiesen senkt. Das Grün verändert seine Farbe, und das letzte Blau liegt über dem Horizont. Die Sterne beginnen zu funkeln, die Stille der Nacht entfaltet ihren eigenen Klang. An diesem Junitag wird Weiß bis in den frühen Morgen am Klavier sitzen und seine Eindrücke in Klängen verarbeiten. Sieben oder acht Stunden, immer neu bereit für die langsame Veränderung um ihn herum. Aus der Inspiration wird 60 Minuten Musik in Echtzeit. Neun Stücke sind entstanden, ohne Nachbearbeitung, rein, echt, aus dem Allerinnersten heraus.

Seit seinem vierten Lebensjahr sind Klavierspiel und Gesang eine Konstante in seinem Leben. Das Klavier in seiner Sensibilität und Unmittelbarkeit mag er am liebsten. Beim Hören der CD spürt man, dass er sein Herz in jeden Ton legt: Wie er ihn anschlägt, klingen lässt, welchen Rhythmus er dem Lauf der Zeit gibt, wie er die Farben in Zeitlupe changieren lässt oder die Lieder der Nacht in Traummelodien gießt.

In der Pandemie, in der er nur seine Lehrtätigkeit fortführen konnte, in der jegliche Gesangsaufträge und die Chorarbeit wegbrachen, kam er der Natur ein Stück näher. »Waren es früher mehr zwitschernde Vögel? Wie gehen wir mit dem Klimawandel um?«, fragte sich der 57-Jährige. »Meine Wahrnehmung hat sich verändert. Ich weiß, wir müssen uns entschleunigen.« Weiß hatte Glück, er hat noch ein Auskommen, wenn auch weniger. Seine Chöre zahlten ihn weiter und eine Kirchengemeinde in Frankfurt nutzte seinen Bass-Bariton-Stimme für den gottesdienstlichen Gesang mitsamt Orgelspiel. Unermüdlich versucht er seine Stimme fit zu halten und beschäftigt sich inzwischen auch mit neuen Möglichkeiten der Digitalität in der Musik. Auch in seiner Künstler-WG entstehen bereits spannende Projekte für die Zeit danach. Weiß ist zuversichtlich: »Wir haben doch alle Hunger nach Kultur. Es muss bald wieder weitergehen.«

Und er hat mit seiner CD etwas sehr Authentisches geschaffen: eine Geschichte, die sich selbst erzählt und, wie er auf dem Cover schreibt, »zu den Herzen derer spricht, die wahrhaft hören.«

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