Von außen haben Orgeln oft prachtvolle historische oder schlichte, dem Raum angepasste Fronten, den Orgelprospekt. Von innen sind sie imposante Bauwerke aus Tausenden von Pfeifen, dazu Hebel, Registerzüge, Ventile, Windlade, Kabel und jede Menge Elektronik. FOTOS: MVFOTOGRAF/PV
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Von außen haben Orgeln oft prachtvolle historische oder schlichte, dem Raum angepasste Fronten, den Orgelprospekt. Von innen sind sie imposante Bauwerke aus Tausenden von Pfeifen, dazu Hebel, Registerzüge, Ventile, Windlade, Kabel und jede Menge Elektronik. FOTOS: MVFOTOGRAF/PV

Geschichte in Pfeifen und Tasten

  • vonHanna von Prosch
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Wetteraukreis(hms). Die Landesmusikräte küren seit 2008 jedes Jahr ein Instrument des Jahres. Blasinstrumente und Streicher waren schon dabei, jetzt ist es gleich das ganze Orchester - in Form der Orgel. Sie steht in Kirchen und Konzertsälen, in Schulen und Wohnhäusern. Deutscher Orgelbau und Deutsche Orgelmusik zählen seit 2017 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Das musikalische Wunderwerk aus Pfeifen und Tasten wurde vor mehr als 2000 Jahren in Alexandria erfunden. Statt Luft erzeugte Wasser einen gleichmäßigen Winddruck, der Metallröhren aus Bronze zum Klingen brachte. Bei den Griechen und Römern war die Orgel ein rein profanes Instrument. Da unter anderem die brutalen Arenakämpfe der Römer, bei denen auch Christen starben, damit untermalt wurden, verwendeten Christen die Orgel erst ab 800 n. Chr. In Bischofskirchen und Klöstern gab es zunächst kleine Portative.

In der Hochrenaissance entwickelten sich voll ausgebaute Orgeln mit Blasebälgen zur Lufterzeugung. Das 17. und 18. Jahrhundert, beispielhaft vertreten durch das Orgelwerk Bachs, gilt als die Blütezeit des Orgelbaus, sogar mit lebhaftem Export. Aus dieser Zeit stammt auch die historische Onymus-Orgel in der Basilika von Ilbenstadt. Sie wird nach einer Restaurierung gerade intoniert, damit sie bald wieder in voller Pracht erklingen kann.

Moderne Technik ab 1906

In der Barockzeit beeinflussten besonders die Orgelbauer Gottfried Silbermann in Mitteldeutschland und Arp Schnitger in Norddeutschland die Weiterentwicklung. Der Klang des französischen Orgelbauers Caviallé-Coll prägte die Spätromantik.

Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich der Theologe, Arzt und Organist Albert Schweitzer für einen neuen Orgeltyp ein: Er sollte den Plenum-Klang der französischen spätromantischen Orgel, die verschmelzungsfähigen Zungenstimmen der deutschen und englischen Romantik und den Obertonreichtum der alten klassischen Orgeln miteinander verbinden.

1906 erhielt die neu erbaute Dankeskirche in Bad Nauheim eine große Walcker-Orgel nach damals modernstem Stand der Technik und deutschem spätromantischem Klangbild. Mit der Erneuerung 1965 wurde der Klang frischer, lebendiger und vielseitiger. Der damalige Kantor Rainer Lille galt als einer der deutschen Wegbereiter der französischen Orgelmusik mit Komponisten wie Vierne, Dupré, Messiaen und Widor. "Er inspirierte alle", würdigt ihn Kantor Frank Scheffler.

Orgelmusik nimmt den ganzen Menschen ein. "Fehlt die Orgel in der Kirche, ist der Raum "wie ein Körper ohne Seele", formulierte es Albert Schweitzer. Etwa alle 20 Jahre muss das Instrument gereinigt werden. In diesem Zusammenhang werden häufig auch Reparaturen durchgeführt oder das Instrument wird, wie in diesem Jahr in der Stadtkirche in Friedberg, erweitert. Ist eine Orgel nicht mehr reparabel, steht ein Neubau an, wie in der Bad Nauheimer Dankeskirche. Für das größte Orgelprojekt im Wetteraukreis läuft derzeit die Ausschreibung. Man ist gespannt auf Aussehen und Klang des neuen Ins-truments. "Jede Orgel ist ein Unikat, weil sie einzig für den architektonischen Raum erbaut wird, in dem sie erklingen soll", erklärt Christoph Wulf von der Deutschen UNESCO-Kommission.

Das für Orgelbau und Orgelmusik hoch spezialisierte Wissen und die besonderen Fertigkeiten sind von Handwerkern, Komponisten und Musikern über Jahrtausende weiterentwickelt worden. Viele von ihnen haben sich im Netzwerk "Deutsche Orgelstraße" zusammengeschlossen. Eines der Anliegen ist die Jugendförderung, wozu das auch in Bad Nauheim durchgeführte Projekt "Königskinder" zählt. Die "Deutsche Orgelstraße" plant unter anderem eine Deutsche Orgelakademie, an der Nachwuchsorganisten Meisterkurse belegen können. Im Netzwerk sind auch der Licher Orgelbauer Förster und Nicolaus und die Dankeskirche vertreten.

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