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Als Vorsitzende von »Kultur auf der Spur« referiert Ursula Stock letztmals im Alten Hallenbad.

»Gelehrter zwischen den Fronten«

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Dass er zu einer Lichtgestalt des europäischen Humanismus im beginnenden konfessionellen Zeitalter werden würde, hat dem jungen, 1466 in Rotterdam geborenen unehelichen Priestersohn Geert Geerts niemand vorausgesagt. Geprägt von der Laienbewegung »devotio moderna«, die sich einem weltfrommen Leben in der Nachfolge Christi abseits der Amtskirche und ihrer Dogmen verschrieben hat, tritt der junge Mann 1492 ins Kloster ein.

Dort eignet er sich umfangreiche Kenntnisse des klassischen Griechisch an, studiert die antiken Autoren (deren Schriften oft jahrhundertelang vergessen in den Klöstern schlummern), das griechische Neue Testament, die Kirchenväter, die hochmittelalterliche Scholastik und die italienischen Renaissacehumanisten.

Recht des Kindes erkannt

1517 - im Jahr von Luthers Thesenanschlag - lässt sich der bereits durch zahlreiche theologisch-philologische Schriften Bekanntgewordene vom Mönchsgelübde entbinden, um sich unter dem Namen Erasmus von Rotterdam ganz den »studia humanitatis« widmen zu können.

Leben und Werk dieses europaweit bis in unsere Tage strahlenden »Leuchtturms« der Wissenschaft präsentierte Ursula Stock in ihrem letzten Vortrag als Vorsitzende von »Kultur auf der Spur«. Ihr einstündiges Referat im Theater Altes Hallenbad atmete in jedem Satz den Geist des Mannes, der lebenslang seine wissenschaftliche und religionspolitische Unabhängigkeit bewahrt.

Im Namen eines undogmatischen christlichen Humanismus will Erasmus, so Ursula Stock, zusammenführen, nicht spalten. Deshalb wendet er sich nach anfänglicher Sympathie bald von Luther ab und bleibt dem Katholizismus - als unabhängiger kritischer Kopf - bis zu seinem Tod 1536 in Basel verbunden.

Mit untrüglichem Gespür für deren geistigen Gehalt stellte die Referentin die bedeutendsten Schriften des Erasmus in kurzen Porträts vor und legte den roten Faden frei, der sie miteinander verbindet. 1526 veröffentlicht er die gegen Luthers These vom »servo arbitrio« (dem unfreien Willen) gerichtete Abhandlung »De libero arbitrio« (Vom freien Willen). In diesem Schlüsseltext postuliert er die Fähigkeit des Menschen zu freier Entscheidung, ohne die kein moralisch selbstverantwortliches Leben möglich ist.

In seinen Schriften »Handbüchlein des christlichen Streiters« und »Erziehung eines christlichen Fürsten« plädiert er für Toleranz und Humanität - als Gegenpol zu Machiavelli in seinem 1516 erschienenen »Principe«. Und in seiner Friedensschrift »querela pacis« verurteilt Erasmus jede Art von Krieg (zum Beispiel gegen die »Ungläubigen«) aus dem Geist eines unbedingten Pazifismus. Angehörige jeder Religion haben, so Erasmus, dasselbe Recht auf Leben wie die Christen. Solch bemerkenswerte Thesen kann der berühmte Basler Gelehrte vertreten, ohne um seine Verurteilung als Ketzer fürchten zu müssen.

Wenig bekannt ist, dass Erasmus in »Über die Notwendigkeit einer frühzeitigen Erziehung der Kinder« aus dem Jahr 1529 die - überraschend moderne - These vom Recht des Kindes (das mehr als ein kleiner Erwachsener ist) auf eine altersgemäße Erziehung verficht.

Die Tragik des Gelehrten besteht darin, dass er sein Bestehen auf Unabhängigkeit und moralische Integrität mit dem Verzicht des Einflusses auf die religionspolitischen Streitereien seiner Zeit bezahlt.

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