Eigentlich liest Gerhard Stadelmaier vor Publikum. Das geht derzeit nicht. In die Buchhandlung Bindernagel ist er trotzdem gekommen. Mit dabei waren - mit genügend Abstand - Friederike Herrmann von der Buchhandlung Bindernagel und ihr Bruder Moritz sowie WZ-Mitarbeiter Gerhard Kollmer. 	FOTOS: Gk/PV
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Eigentlich liest Gerhard Stadelmaier vor Publikum. Das geht derzeit nicht. In die Buchhandlung Bindernagel ist er trotzdem gekommen. Mit dabei waren - mit genügend Abstand - Friederike Herrmann von der Buchhandlung Bindernagel und ihr Bruder Moritz sowie WZ-Mitarbeiter Gerhard Kollmer. FOTOS: Gk/PV

Geisterlesung bei Bindernagel

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Die in Corona-Zeiten allseits beobachtbare »Virtualisierung« von abgesagten Veranstaltungen wie der Bad Nauheimer Buchmesse, des Rheingau-Musikfestivals und vielen anderen kann zwar kein vollwertiger Ersatz für ein reales Kulturereignis sein - ebensowenig, wie die TV-Übertragung einer Oper auch nur im Entferntesten einen Eindruck von der Atmosphäre im Konzertsaal vermitteln kann.

Aber bevor die reale Kulturwelt im ganzen Land zur trostlosen Wüste verödet, sollte man über ihre virtuelle Auferstehung nicht die Nase rümpfen. Genau dies hat sich Moritz Herrmann von der Buchhandlung Bindernagel gedacht. Als Online-Experte kam ihm die Idee, wenigstens einige der in den nächsten Wochen in der Region ausfallenden Vorträge, Lesungen, Konzerte zu virtualisieren.

Den Erfolg versprechenden Anfang dieser so faszinierenden wie ein wenig unheimlichen Transformation bildete die Premierenlesung Gerhard Stadelmaiers aus seinem jüngst erschienenen Buch »Don Giovanni fährt Taxi« im Obergeschoss der Buchhandlung an der weitgehend menschenleeren Kaiserstraße.

Die öffentliche Lesung des in Bad Nauheim-Steinfurth lebenden ehemaligen Theaterkritikers der FAZ war ursprünglich für Donnerstag, 2. April, geplant. Daraus wird - Corona sei’s geklagt - nichts. Stattdessen erklärte sich der Autor bereit, sie im Beisein von Friederike und Moritz Herrmann sowie dem Vertreter der WZ virtuell auf den Samstagnachmittag vorzuziehen. Zum ursprünglich geplanten Termin wird die Lesung dann ab 20 Uhr auf der Homepage von Bindernagel (www.bindernagel.buchhandlung.de) mitzuerleben sein.

Zwei seiner insgesamt neun »Novelletten« und ein »Intermezzo« las Stadelmaier in seinem knapp anderthalbstündigen »Privatissimum« vor wunderbarer Buchkulisse so lebendig, sprachgewaltig, expressiv, dass man nur bedauern kann, auf deren live-Präsentation vor zahlreicher Hörerschaft verzichten zu müssen.

Bitterböser Rundumschlag

Die erste, im Theatermilieu angesiedelte Novelette »Die Frau mit der Schlange« spiegelt Stadelmaiers profunde Kenntnis der »Bretter, die die Welt bedeuten« wider. In einem bitterbösen Rundumschlag gegen modernes Regietheater stellt er einen jungen »Zeitgeist«-Regisseur bloß, der in seiner Inszenierung vor keiner Geschmacklosigkeit, keiner Obszönität zurückschreckt und das Publikum damit nicht fasziniert, sondern hochgradig irritiert. Schließlich lässt sich eine alternde Diva von ihm überreden, im Alter von etwa 60 Jahren das fünfzehnjährige »Käthchen von Heilbronn« in Heinrich v. Kleists gleichnamigem Drama zu geben.

Um das Maß vollzumachen, drapiert sie der durchgeknallte Regisseur mit einer Boa Constrictor um den Hals, von der das in die Jahre gekommene Käthchen schließlich gebissen wird. Fazit: Jede Ähnlichkeit mit der dramatischen Vorlage ist rein zufällig.

Angesichts von so viel Peinlichkeit bleibt dem Zuhörer das Lachen im Hals stecken. Stadelmaiers großes Talent sind - neben seinem Einfallsreichtum - die kunstvoll gefügten, sich nicht selten über mehr als ein Dutzend Zeilen erstreckenden »Bandwurmsätze«. Die sich überschlagenden, über den Hörer hereinstürzenden Wortkaskaden beseitigen den letzten Zweifel daran, dass der Autor den renommierten »Deutschen Sprachpreis« zu Recht erhalten hat.

Ganz anders die zweite Novelette mit dem Titel »Die Fledermaus«. Hier gelingt dem Schwaben eine von großer Empathie für die kindliche Hauptperson getragene, anrührende Erzählung.

»Produkt« einer temporären Liebschaft zwischen zwei Menschen, in deren Lebensplanung ein Kind so gar nicht passt, wächst der künstlerisch begabte Junge bei einer Pflegemutter auf, die ihn liebevoll betreut. Auch in dieser Novelette kann sich Stadelmaier Seitenhiebe auf ein bestimmtes Milieu, dessen Mitgliedern es nur um Karriere geht, nicht ganz verkneifen.

Auf eine Zugabe, die von einem leider am Erscheinen gehinderten Publikum mit Sicherheit eingefordert worden wäre, verzichtete der Autor.

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