Keine Mimik sichtbar: Der vorgeschriebene Mundschutz im ÖPNV und beim Einkaufen erschwert hörgeschädigten oder tauben Menschen die Kommunikation. Sie sind auf Gebärdensprache und Gesichtsmimik angewiesen.	FOTOS: DPA/PRIVAT
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Keine Mimik sichtbar: Der vorgeschriebene Mundschutz im ÖPNV und beim Einkaufen erschwert hörgeschädigten oder tauben Menschen die Kommunikation. Sie sind auf Gebärdensprache und Gesichtsmimik angewiesen. FOTOS: DPA/PRIVAT

Problematische Masken

Gehörlose: Wenn die Welt plötzlich verstummt

  • vonAnne-Rose Dostalek
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Das Tragen von Mund-Nasen-Masken wegen der Corona-Pandemie erschwert gehörlosen und hörgeschädigten Menschen die Kommunikation. Da die Masken den Mund komplett verdecken, können viele Gehörlose nicht erkennen, wenn sie jemand anspricht.

Wer auf die visuelle Kommunikation angewiesen ist, tut sich mit der vorgeschriebenen Gesichtsmaske schwer. Das gilt in Corona-Zeiten besonders für gehörlose und schwerhörige Menschen. »Hörende Menschen können sich ganz schlecht vorstellen, wie sehr das den Alltag draußen erschwert«, sagt Pfarrerin Julia Held, die seit drei Jahren die Gehörlosengemeinde im evangelischen Dekanat Wetterau seelsorgerisch begleitet.

Sie sorgt sich um ihre Gemeinde, denn schon das Kontaktverbot, die Einstellung aller Gruppentreffen und der Gottesdienste in Friedberg und Gießen waren herbe Einschnitte. »Ich mag mir gar nicht vorstellen, welche Einsamkeit entstanden ist«, sagt sie und hat dabei ihre vielen älteren Gemeindemitglieder im Sinn.

Für jüngere Menschen, die sich mit Skype, WhatsApp und anderen digitalen Medien auskennen, sei es nicht so schwierig, zu Hause zu bleiben und trotzdem die Kommunikation aufrechtzuerhalten.

»Ich dagegen erreiche einen Großteil meiner Gemeinde nur postalisch«, erklärt Held und hat deswegen viele Briefe und Postkarten verschickt. Sie ist froh, dass Kollegen im Dekanat sie dabei unterstützt haben.Wie sie ihren Gottesdienst in Zukunft mit dem geforderten großen Abstand gestalten soll, weiß sie noch nicht so genau. Denn können ihre Gemeindemitglieder dann noch Mundbild und Mimik der Pfarrerin erkennen?

Keine Mimik, kein Lächeln sichtbar

Der jetzt vorgeschriebene Mund-Nasen-Schutz trägt ihrer Ansicht nach zur weiteren Verunsicherung bei. Hörende Menschen könnten sich schnell mit ein paar Worten verständigen, sagt sie. Ihnen sei es beim Einkaufen kein Problem, andere zu bitten, etwas Platz zu machen und den Abstand einzuhalten. Das sei tauben Menschen nicht möglich. Sie seien auf die Gebärdensprache und die Gesichtsmimik angewiesen, auf das direkte Gegenüber. Dafür wünscht sie sich Verständnis in der Öffentlichkeit und Ausnahmeregelungen von der Mundschutzpflicht, wenn es die Situation erfordert. »Die gehörlosen Menschen brauchen unsere Solidarität gerade jetzt«, betont sie.

»Die Barrierefreiheit in der Kommunikation ist ein hohes Gut«, erklärt Michael Schwaninger, Vorsitzender des Cochlea-Implant-Verbandes Hessen-Rhein-Main. Er ist in jungen Jahren ertaubt, kann aber dank einer Hörprothese und weil er mit der Lautsprache aufgewachsen ist, hören und normal sprechen. Als problematisch für hörgeschädigte Menschen schätzt auch er die Gesichtsmasken ein. Sie erschwerten die nonverbale Kommunikation, kein Lächeln sei sichtbar, keine Mimik, erläutert der Butzbacher. Selbstverständlich stünde die Gesundheit an erster Stelle. Aber wenn alle Hygieneregeln und der Abstand eingehalten würden, müsse es möglich sein, dass die Gesprächspartner die Gesichtsmasken abnehmen. Ohne fürchten zu müssen, dass ihnen deswegen ein Bußgeld aufgebrummt wird. Schwaninger wünscht sich, dass mehr Gesichtsvisiere, also die transparenten Masken, an relevanten Orten zum Einsatz kommen.

Den Betroffenen rät er, sich nicht zu scheuen, auf ihre Hörschwierigkeiten hinzuweisen, Stift und Papier hervorzuholen oder das Smartphone mit Spracherkennungs-App zu nutzen.

Der 42-jährige Sascha Nuhn ist von Geburt an gehörlos. Ehrenamtlich engagiert er sich als Stadtverordneter (Grüne) in Bad Vilbel. Beruflich ist er tätig für den hessischen Verband für Gehörlose und schwerhörige Menschen.

Herr Nuhn, gibt es coronabedingte Einschränkungen, die Sie aufgrund ihrer Gehörlosigkeit als besonders hart erleben?

Ich bin bislang gut durch die Corona-Zeit gekommen. Für die kommunikativen Barrieren, die diese aktuelle Zeit mit sich bringt, fällt es mir nicht schwer nach Lösungen zu suchen. Ich bin da recht kreativ. Beispielsweise kündige ich schon zu Beginn einer stattfindenden Kommunikation an, dass ich taub bin und dass doch bitte Zettel und Stift zum Einsatz kommen sollen.

Was ist das Problem mit dem Mund-Nasen-Schutz ?

Viele gehörlose und hörbehinderte Menschen sind auf das Lippenablesen angewiesen. Durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist das nicht möglich. Die Erschwernis hängt allerdings vom Hörstatus und von der persönlichen Kommunikationsfähigkeit der betroffenen Personen ab. Auch decken die Masken einen Großteil des Gesichts ab, so dass die Mimik des Gegenüber schwerer erkennbar ist. Nicht alle Gehörlosen oder hörgeschädigten Menschen brauchen gleichermaßen das Mundbild zum Verständnis. Diejenigen, die schon als Kinder stärker auf die deutsche Gebärdensprache orientiert waren, kommen auch ohne gesprochenes Mundbild gut zurecht. Viele Betroffene sind allerdings in ihrer Kindheit noch lautsprachlich erzogen worden. Erst später haben sie sich die Gebärdensprache angeeignet. Diese Personen müssen den Mund des Gesprächspartners sehen. Ansonsten verstummt ihre Welt.

Haben Sie ein Beispiel für kritische Situationen?

Ich denke da vor allem an den medizinischen Bereich - in Krankenhäusern, sowie in Arztpraxen. Ich verstehe, dass sich das medizinische Personal schützen möchte. Natürlich haben sie auch Sicherheitsauflagen, an die sie sich halten möchten. Mein Vorschlag hier ist es, dass ohne Maske mit Einhalten des Sicherheitsabstandes mit den gehörlosen oder hörbehinderten Patienten kommuniziert werden soll. Genauso kann dies beim Einkaufen praktiziert werden.

Ist eine Lösung in Sicht?

Der hessische Verband für Gehörlose und hörbehinderte Menschen hat ein Schreiben an die hessische Regierung verfasst und um eine Sonderreglung für diese Zielgruppe in Bezug auf die Maskenpflicht gebeten. Unter Einhaltung des angegebenen Sicherheitsabstandes dürfen die Gehörlosen und Menschen mit Hörbeeinträchtigung, sowie diejenigen, die mit ihnen kommunizieren, für den Zeitraum des Gespräches die Maske abnehmen. Vor Kurzem hat die hessische Regierung einen Erlass herausgegeben, dass diese Forderung auch umgesetzt wird. dos/FOTO: ANNE-ROSE DOSTALEK

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