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Gegen die Einbahnstraße bedeutet: Ohne Umweg von A nach B

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Von: Jürgen Wagner

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Fahrrad fahren gegen die Einbahnstraßen-Richtung: Das ist in Friedberg in insgesamt 22 Straßen erlaubt. Die Erste Stadträtin Marion Götz macht’s vor: Sind Auto- und Radfahrer aufmerksam, gibt’s keine Probleme. © Nicole Merz

Fahrradfahren gegen die Einbahnstraßenrichtung: Das ist in Friedberg in insgesamt 22 Straßen erlaubt. Und es funktioniert. Unfälle sind dem Ordnungsamt bislang keine zu Ohren gekommen.

Ich fahre in Friedberg mit dem Rad vom Haingraben kommend auf der Bismarckstraße. Dort gibt es sogar einen schmalen Radstreifen. Trotzdem muss man aufpassen, wenn man mit dem Rad eine Einbahnstraße in Gegenrichtung befährt. Das erfahre ich an der nächsten Kreuzung. Aus der Ludwigstraße kommt ein Kleinwagen. Die Fahrerin hat weder mich noch den übrigen Verkehr im Blick, dafür ihr Handy. Ohne zu stoppen biegt sie nach rechts ab. Hätte ich nicht abgebremst, müsste ich diese Zeilen auf dem Krankenbett in den Laptop tippen.

Aber alles ist gut gegangen. »Man muss aufpassen, dann geht’s«, sagt eine Rentnerin, die oft mit dem Rad unterwegs ist. Eine andere Frau sagt, sie fahre nicht in Einbahnstraßen rein. »Das ist mir zu eng. Nicht alle Autofahrer sind aufmerksam. Manche fahren sogar extra weit links, damit die Radfahrer keinen Platz haben.« Ob diese Autofahrer die Beschilderung nicht beachtet haben?

Verantwortlich für diese Regelung ist die Erste Stadträtin Marion Götz (SPD). Sie legt fast alle privaten und beruflichen Wege mit dem Rad zurück, ist Expertin. Wie sind ihre persönlichen Erfahrungen? »Ich genieße die direkte Fahrt von A nach B nach C und freue mich, keine Umwege mehr fahren zu müssen oder zwischendurch absteigen und die Radfahrt unterbrechen zu müssen, wo früher Teilstrecken ohne Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung mangels Radfahrmöglichkeit nur zu Fuß überbrückt werden konnten.«

Positive Reaktionen, aber auch Besorgnis

Von den 22 Straßen, in denen Radfahrer in Gegenrichtung fahren können, wurden die meisten seit Juli 2018 unter Marion Götz umgewidmet. »Hinzu kommt die Freigabe von Radverkehr in der Fußgängerzone in 2020.« Ein paar der freigegebenen Strecken gingen auf Anregungen aus der Bürgerschaft oder des ADFC zurück. »Für alle Strecken habe ich auf eine ausdrücklich radverkehrsfreundliche Prüfung durch unsere Straßenverkehrsbehörde hingewirkt. Wo Spielraum bestand, haben wir diesen zugunsten des Radverkehrs genutzt.« Die Erfahrungen seien »sehr gut«, sagt die Erste Stadträtin. »Es gibt viele positive Rückmeldungen und sogar Dankschreiben von Radfahrerinnen und Radfahrern. Von einzelnen Autofahrern wurde Besorgnis geäußert.« Unfälle sind der Stadt nicht bekannt.

Radwege-Lücke am Goetheplatz

Die Regelung soll ausgeweitet werden. Es gibt noch eine Lücke im Radwegenetz: der Goetheplatz. Von der Ludwigstraße kommend können Radfahrer nicht direkt zur Kaiserstraße fahren. Würde man dort einen Radstreifen anlegen, würden 10 bis 12 Parkplätze wegfallen. Derzeit werden auf dem Goetheplatz Schulcontainer aufgestellt, die Örtlichkeit verändert ihren Charalter. Ja, sagt Götz, es gebe Überlegungen zu dem Ort. Mehr dazu will sie in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung bekannt geben. Weitere Lücken im Radwegenetz sollen 2023 im Rahmen eines Radverkehrsgutachtens erfasst werden.

Es gibt auch eine Radwegelücken im überörtlichen Netz: die Strecke von Friedberg nach Bad Nauheim über die Gießener Straße. Bürgermeister Dirk Antkowiak hatte jüngst berichtet, die Stadt habe die erste Ausschreibung der Bauarbeiten zurückgezogen. Es lag kein »wirtschaftliches Angebot« vor. Mittlerweile sind fünf neue Angebote eingegangen. Götz: »Das Amt für Stadtentwicklung bereitet die Beschlussvorlage für die Auftragsvergabe vor. Die Baumaßnahme soll noch in 2022 umgesetzt werden.«

Es gibt an dieser Stelle eine alternative Route: Von der Ottostraße führt ein Feldweg über eine kleine B 3-Brücke ins Industriegebiet von Bad Nauheim. Dieser Weg ist aber weder ausgeschildert noch ordentlich befestigt. In Friedberg ist das Problem bekannt. In der Nachbarschaft offenbar nicht, denn der holprige Feldweg liegt auf Bad Nauheimer Gemarkung. Passionierte Radfahrerinnen und Radfahrer wissen freilich: Es gibt für diese Strecke noch eine Alternative, fern von jeglichem Autoverkehr: der Usatal-Radweg.

In diesen Straßen gilt die Regelung

In 22 Tempo-30-Zonen in Friedberg dürfen Radfahrerinnen und Radfahrer in Gegenrichtung zur Einbahnstraße fahren:

- Am Edelspfad (Abschnitt Mainzer-Tor-Anlage bis Saarstraße)

- Bahnhofspassage

- Bismarckstraße

- Breslauer Straße

- Burgsiedlung

- Dieffenbachstraße (Abschnitt Lutheranlage bis Lindenstraße)

- Gartenfeldstraße

- Kettelerstraße

- Hanauer Straße (Abschnitt Ludwig-/Haagstraße/Schnurgasse)

- Hanauer Straße (Abschnitt Ludwigstraße und Haingraben)

- Leonhardstraße (Dieffenbachstraße bis Schützenrain)

- Schützenrain

- Tepler Straße

- Wintersteinstraße (Zubringer zur Ockstädter Straße)

- Ludwigstraße

- Am Runden Garten (B 275 bis Am Kindergarten)

- Gartenfeldstraße;

Im Stadtteil Dorheim:

- Im Anger

- Karl-Ulrich-Straße

Im Stadtteil Ockstadt:

- Allmendstraße (Nauheimer Straße bis Alte Burgstraße)

- Borngasse (zwischen Bachgasse und Pfarrgasse)

- Pfingstbrunnenstraße (zwischen Bachgasse und Am Schwimmbad).

In Ossenheim, Bruchenbrücken und Bauernheim gibt es bislang keine derart ausgewiesenen Straßen.

»Die Freigabe von Einbahnstraßen für Radverkehr in Gegenrichtung unterliegt rechtlichen Voraussetzungen, die der Verkehrssicherheit dienen«, sagt Erste Stadträtin Götz. Die Freigabe ist nur möglich, wenn in der Straße Tempo-30 gilt, eine ausreichende Begegnungsbreite vorhanden ist (kurze Engstellen sind möglich) und die Verkehrsführung im Streckenverlauf sowie an Kreuzungen und Einmündungen übersichtlich ist. Diese Prüfung wird zusammen mit der Polizei vorgenommen, oft unter Einbeziehung des ADFC.

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