»Gefühle wie ein Bauchgefühl«

  • vonHarald Schuchardt
    schließen

Friedberg (har). Von der Wetterauer Poetry-Slam-Szene war in den letzten Monaten kaum etwas zu sehen oder zu hören. Die Corona-Pandemie forderte auch hier ihren Tribut. Am Samstag meldete sich die Szene live aus dem Theater Altes Hallenbad zurück - zumindest virtuell.

Andreas Arnold, Dominik Rinkart und Thorsten Zeller gehören zum Kern der Wetterauer Slam-Szene. Zusammen mit ihrem Gast, der jungen Poetry-Slammerin Pauline Puhze aus Frankfurt, präsentierte das Trio den gut 150 Zuschauern an den Geräten zu Hause eine Art »Poetry-Slam-Revue«, wie es Andreas Arnold formulierte.

»Wir sind hier im Saal mit fast mehr Technikern als Mitwirkenden«, meinte Arnold in seiner Begrüßung und erinnerte die Besucher daran, dass es sich bei der Poetry-Show um eine Benefizveranstaltung handelt. »Alle Spenden gehen ans Alte Hallenbad, damit das alte Mädchen bald fertig renoviert werden kann«, sagte Arnold.

»Es sind seltsame Zeiten«, meinte Dominik Rinkart, der die Poetry-Revue mit einem »Up-Date-Text« eröffnete. In »All die Alten Bilder« verarbeitete Rinkart romantische Motive, so wie bei seiner Slam-Premiere vor genau zehn Jahren.

Nach diesem ersten Blick zurück nahm Rinkart mit dem »Kongress der Zeitreisenden« die Besucher mit in eine äußerst unterhaltsame fiktive Veranstaltung, in der Goethe, Kant oder Walther von der Vogelweide Workshops und Diskussionsrunden veranstalteten, während Angela Merkel und Cleopatra tratschend durch die Räume liefen.

Sehnsucht nach der Bühne

Mit einem »noch gar nicht ganz fertigen Text« überzeugte Puhze, die über ihre verschiedenen Ichs sinnierte. »Das Ego hat sich vors Mikro gestellt«, verkündete die Wahl-Frankfurterin.

Anschließend hatte Puhze für die drei Wetterauer »Slam-Veteranen« eine knifflige Aufgabe parat. Die Texte von sieben Pop- und Rock-Klassikern hatte die Slammerin auf Deutsch übersetzt. Das Trio musste die Originaltitel erraten, was beim überraschend lyrischen Text eines AC/DC-Songs nicht gelang. Dreimal war Arnold erfolgreich, bei ABBAS »Dancing Queen« zeitgleich mit Rinkart, während sich Zeller bei »diesem kleinen Musikwettstreit dezent zurückhält«, wie es Puhze formulierte. Doch dass der Kreisstädter durchaus mit Musik etwas anfangen kann, zeigte er anschließend. Nach einem Vortrag, der sich mit Pausen und »Gefühlen wie ein Bauchgefühl« beschäftigte, setzte er sich ans Klavier. »Das ist jetzt eine Weltpremiere«, meinte Zeller, der verriet, dass er sich in Pandemie-Zeiten mit neuen Texten sehr schwergetan habe. Daher hat er seinen älteren Text »Wenn ich sag, ich wäre gern...«, in dem er seine Sehnsucht nach der Bühne beschreibt, vertont. Ein aktueller Text, der die momentane Situation der Kulturszene widerspiegelt, ohne das C-Wort - also Corona - zu erwähnen. »Das wird heute nicht ausgesprochen«, meinte Andreas Arnold, der mit seinen Gedanken zum Tragen von Gesichtsmasken für viele Lacher sorgte.

»Masken tragen heißt den Dingen einen neuen Rahmen geben. Das ist die Methode des Reframing« stellte Arnold fest.

Und er nannte Beispiele: »Man tut so, als würde man lächeln und streckt dem Gegenüber hinter der Maske die Zunge raus.«

Auf Instagram hatten Nutzer Themenvorschläge gemacht. Gewünscht wurde eine Horror-Romanze in der Burg mit einer ängstlich-hoffnungsvollen Pauline Puhze als Hauptprotagonistin.

Abwechselnd und spontan gelang es dem Quartett mit jeweils nur einem Wort, die Vorgabe mit viel Humor umzusetzen. Es war der gelungene Schlusspunkt eines etwas anderen Poetry-Slam-Abends, der bei den Nutzern vor den Bildschirmen sehr gut ankam, was sich in durchweg positiven und lobenden Kommentaren widerspiegelte.

Dominik Rinkart

Rubriklistenbild: © Harald Schuchardt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare