Der Gedankenschmuggler

  • vonGerhard Kollmer
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»Hänge deine Wurzeln an die Luft und klettere auf die Sterne. Erst dann blickst du über die Grenzen/ins andere Land, ins andere Herz ins eigene Land, ins eigene Herz.« Diese Zeilen aus seinem Gedicht »Die Luftwurzel« bringen das Anliegen des 1944 im Elsass geborenen Autors Martin Graff auf den Punkt. Er will Vermittler, Grenzgänger zwischen zwei Nationen mit höchst unterschiedlicher Geschichte und Kultur sein – zwei Ländern, die in zahlreichen Kriegen übereinander hergefallen sind und bis heute immer noch zuwenig voneinander wissen.

»Hänge deine Wurzeln an die Luft und klettere auf die Sterne. Erst dann blickst du über die Grenzen/ins andere Land, ins andere Herz ins eigene Land, ins eigene Herz.« Diese Zeilen aus seinem Gedicht »Die Luftwurzel« bringen das Anliegen des 1944 im Elsass geborenen Autors Martin Graff auf den Punkt. Er will Vermittler, Grenzgänger zwischen zwei Nationen mit höchst unterschiedlicher Geschichte und Kultur sein – zwei Ländern, die in zahlreichen Kriegen übereinander hergefallen sind und bis heute immer noch zuwenig voneinander wissen.

Mit einem funkensprühenden Feuerwerk nahm der ehemalige lutherische Theologe Graff sein zahlreiches Publikum am Mittwochabend im Alten Hallenbad mit auf eine schwindelerregende Tour de Force durch das deutsch-französische Verhältnis in Vergangenheit und Gegenwart. Im Mittelpunkt stand dabei sein 2015 im Kehler Morstadt Verlag zweisprachig erschienenes Buch »Der lutherische Urknall/Le big bang luthérien« mit geistreichen Glossen zum französischen Lutherbild und zum 500-jährigen Reformationsjubiläum.

»Es luthert«: Graff zieht den Rummel um den Reformator gehörig durch den Kakao und macht sich über Lutherkitsch aller Art (wie die Playmobilfigur) lustig. Kurzweilige Ausflüge in die Geschichte – zum Beispiel des Elsass, als jahrhundertelang umkämpfte Grenzregion zwischen Frankreich und Deutschland, oder des französischen Protestantismus bis zur Austreibung der Hugenotten unter Ludwig XIV. – verknüpft Graff geschickt mit witzigen Rundumschlägen, zum Beispiel gegen den derzeitigen französischen Staatspräsidenten Macron, in dem er eine Mischung aus Napoléon und Göttervater Jupiter sieht. Hier wird zwar mit satirischen Pfeilen scharf geschossen, aber niemals plump draufgehauen. Graff ist ein Meister des geistreichen bonmots – in bester französischer Tradition. Albert Schweitzer, Jean Jaurès, Daniel Cohn-Bendit, de Gaulle, Adenauer: Der »Gedankenschmuggler« (nach dem Titel seiner jüngst erschienenen Anthologie) erweist ihnen als deutsch-französischen Vermittlergestalten seine verbalen Referenzen.

Witzige Rundumschläge

Kunstvolles Jonglieren zwischen Dichtung und Wahrheit löst immer wieder Lachsalven im Publikum aus – z. B. wenn der Elsässer von seiner angeblichen Dissertation über die Unterschiede des Schlafverhaltens beidseits des Rheins oder seiner auf dem Hochseil balancierenden Mama plaudert. Martin Graff ist kein seichter Kosmopolit. Stolz spricht er über seine Verwurzelung im allemannischen Dialekt. Aber wer über Grenzen blicken will, muss eben seine Wurzeln an die Luft hängen – wie es im eingangs zitierten Gedicht so schön heißt. Der Abend klingt nach einer ergreifenden allemannisch-deutsch-französischen Ode an Freiheit und Toleranz in lang anhaltendem Beifall aus.

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