Schafstall haben die Friedberger die Holzbuden auf der Kaiserstraße genannt, in denen man vor bestimmten Lokalitäten sitzen und ein Eis oder einen Äppelwoi genießen kann. In Zeiten von Corona ein schwieriges Unterfangen.
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Schafstall haben die Friedberger die Holzbuden auf der Kaiserstraße genannt, in denen man vor bestimmten Lokalitäten sitzen und ein Eis oder einen Äppelwoi genießen kann. In Zeiten von Corona ein schwieriges Unterfangen.

Wirte in der Krise

Gastronomen und Bürger sind sauer: Keine Außenbewirtschaftung in Friedberg

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Das erste Wochenende, an dem Gaststätten und Cafés wieder geöffnet hatten, lockte die Bürger ins Freie. In Friedberg allerdings wurde die Außenbewirtschaftung untersagt.

Endlich! Endlich mit Freunden vorm Café treffen. Oder in einem der Schafställe auf der Friedberger Kaiserstraße Bier und Hausmannskost genießen. Die Lockerung der Ausgangsbeschränkung machte das möglich, rein theoretisch. Praktisch sah die Sache anders aus. Die Schafställe waren geschlossen, Außenbewirtschaftung nicht möglich, manche Wirte ratlos und viele Gäste stinksauer auf die Stadt.

Ein Friedberger schildert, wie er Freitagabend vorm Café Kaktus in der Neutorgasse einen »Aufruhr« wahrnahm: Ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes sei vorbeigekommen und habe den Wirt angewiesen, die Außenbewirtschaftung einzustellen. Ihn habe das »geschockt«, heißt es in einer Mail an den Bürgermeister. »Die Wirte in ganz Deutschland stehen seit Wochen unter Druck und hatten einen Umsatzeinbruch auf Null.« Die Außenbewirtschaftung sei für viele »die einzige Möglichkeit, einen wirtschaftlichen Betrieb aufrecht zu erhalten.« Die Gastwirte benötigten kulante Regeln und keine Steine, die man ihnen in den Weg legt.

Gastronomie in Friedberg: Keine Genehmigung für Außenbewirtschaftung 

Tatsache ist, dass das Café Kaktus und die Dunkel derzeit keine Genehmigung für eine Außenbewirtschaftung haben. Wirt Basti Beck: »Den Antrag haben wir im März gestellt. Es kam aber keine Antwort, weder eine Absage, noch eine Erlaubnis.« Aufgrund der Corona-Pandemie irgendwie verständlich. Beck dachte, es handele sich um eine Formalie, schließlich gibt es die Außenbewirtschaftung vor dem Kaktus, seit es das Kaktus gibt. Also öffnete er auf gut Glück. Und musste wieder schließen.

Am Sonntag blieb das Café geschlossen. Bei dem schönen Wetter wollte niemand drinnen sitzen. Auf der Facebook-Seite »Ideen für Friedberg« wurde darüber informiert, eine ganze Reihe von Nutzern der Seite äußerten ihr Unverständnis über das als zu rigide empfundene Verhalten der Stadt. Gleichzeitig wurde vor Falschmeldungen gewarnt.

Gastronomie in Friedberg: Unverständnis und erheblicher Zorn

Der ehrenamtliche Stadtrat Klaus Fischer (SPD) wollte das Problem am Montag im Magistrat ansprechen. »Da können Sie gerne mitteilen, dass sich in der Bevölkerung ein erheblicher Zorn und Unverständnis breit machen«, antwortete Friedrich Wilhelm Durchdewald (UWG). Andernorts würden Grenzen abgebaut, in Friedberg würden neue errichtet. Fischer schreibt, Friedberg sei »im Gegensatz zu Bad Nauheim tot.« In der Nachbarstadt war die Außenbewirtschaftung am Wochenende offenbar kein Problem. Oder doch?

Erste Stadträtin Marion Götz (SPD) betont, die Ordnungspolizisten hätten geltendes Recht umgesetzt (siehe Kasten). Wie Ordnungsamtsleiter Jürgen Schlerf sagt, wird bereits mit den Wirten an Lösungen gearbeitet. Wegen der Coronakrise hat die Stadt bisher keinen Schafstall genehmigt. Die aufgebauten werden aber geduldet. Das habe man den Wirten mitgeteilt, sagt Schlerf und zitiert die Mail samt Datum. Die Stadt hat also nichts vergessen.

Gastronomie in Friedberg: Auf Facebook äußern Bürger ihren Ärger

Aber hat die Stadt genug getan, um den Wirten in einer schwierigen Situation entgegenzukommen, wie es auf Facebook gefordert wird? Das Ordnungsamt sitzt hier gewissermaßen zwischen den Stühlen. Täglich gingen bei der Stadt Anzeigen von Privatpersonen ein, sagt Götz. Selbst die geringste Übertretung der Vorschriften durch den Nachbarn werde gemeldet. »Es gibt eine Flut an Beschwerden über Menschenansammlungen, etwa auf der Seewiese. Das kommt von Menschen, die Corona sehr ernst nehmen.« Schreitet die Ordnungspolizei ein, ist sie der Buhmann. Wenn nicht, dann auch, nur eben aus Sicht der anderen.

Eine Außenbewirtschaftung war am Wochenende aber auch in Friedberg möglich. Vorm Café Siebenkorn aßen zwei Kunden ihren Handkäs sitzend auf dem Gehweg, offenbar aus Protest. Vorm Musikbistro in der Bismarckstraße waren die Plätze im Garten schnell belegt. Der Garten ist privater Grund, genauso wie der Stadtkirchenplatz, wohin sich die Gäste des Café Novum verzogen, als die Außenbewirtschaftung untersagt wurde.

Die Grünen fordern in einem Antrag zur Stadtverordnetenversammlung am 28. Mai in der Stadthalle »mehr Außenfläche für die Gastronomie«, etwa auf Parkplätzen. Die Stadt solle dies »unbürokratisch« möglich machen.

Gastronomie in Friedberg: Erste Statdrätin Götz verteidigt Vorgehen der Stadt

Erste Stadträtin Marion Götz (SPD) verweist auf die aktuellen Bestimmungen zur Corona-Pandemie, die von den Wirten einzuhalten sind. »Eine Außenbewirtschaftung einfach in Betrieb zu nehmen, ohne erforderliche Genehmigung und ohne den Nachweis zu erbringen, dass alle erforderlichen Voraussetzungen vorliegen, kann in der momentanen Situation leider nicht geduldet werden.« Die Kommunen verfügten hierbei »über keinen Ermessensspielraum«. Was bedeutete, dass Tische und Stühle wieder eingeräumt werden mussten. Götz: »Dies gilt erst recht dann, wenn unmittelbar vor dem gastronomischen Betrieb ein hohes Laufaufkommen (wie z. B. der Durchgang zwischen Seewiese und Innenstadt) besteht.« Dann müsse gegebenenfalls sogar geprüft werden, »ob die Aufstellung von Trennwänden erforderlich ist, um die Mindestabstände, die vom Land vorgeschrieben sind, zu gewährleisten.«

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