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Georg Noeldeke und Rahel Klein meistern die Werke des relativ unbekannten französischen Tonsetzers Joseph Bodin de Boismortier in der Stadtkirche tadellos.

Galante Sonaten

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Friedberg(gk). Die Besucher des zweiten Konzerts der Sommerkonzert-Reihe in der Stadtkirche durften einem französischen Tonsetzer begegnen, den wohl kaum jemand aus dem Publikum kannte. Es war Joseph Bodin de Boismortier. Geboren 1689 im lothringischen Thionville/Diedenhofen und auf seinem Landgut Roissy-en-Brie 1755 verstorben, den das Gambenduo "Les deux Violes" (Rahel Klein und Georg Noeldeke) mit sechs Sonaten für Viola da Gamba, die sogenannte "Kniegeige" als sechs- bis siebensaitiger Vorläufer des Violoncellos, vorstellte.

Der Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs gilt als ein Hauptvertreter des "galanten Stils" und nimmt eine Mittlerposition ein zwischen traditionell-höfischer Musik mit ihrem Hauptvertreter Jean-Ph. Rameau und dem melodiöseren italienischen Stil, der sich durch freien Umgang mit den überlieferten Formen des Barock auszeichnet.

Eine wahre Goldgrube

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts entbrennt ein erbitterter Streit zwischen den Vertretern der aristokratischen "tragédie lyrique" und der heiter-beschwingten Gattung der italienischen "opera buffa", die sich an ein bürgerliches Publikum wendet (sog. "Buffonistenstreit"). Boismortier greift, wenige Jahre vor seinem Tod, in diese Auseinandersetzung nicht mehr ein.

Dass "galanter Stil" nichts mit Gefälligkeit, Oberflächlichkeit, hohler Eleganz zu tun haben muss, demonstrierte das Duo mit seinem faszinierenden Spiel auf hohem Niveau, bei dem die Partner im Wechsel die "Führung" übernahmen. Vor allem ließ ihre kongeniale Interpretation von Boismortiers bis auf eine Ausnahme viersätzigen Piècen den Unterschied zwischen der traditionellen Suite mit ihren nur lose verbundenen Abschnitten in Form höfischer Tänze (Allemande, Courante, Sarabande) und der sich aus diesem Korsett befreienden Sonate greifbar werden.

Boismortiers Sonaten, von denen vier mit einer beschwingten Gigue ausklingen, reihen nicht aneinander, sondern verschmelzen die Sätze zu einer Einheit.

Dass die siebensaitige Viola da Gamba dem viersaitigen modernen Violoncello im Hinblick auf Klangfülle, Tonspektrum und Geschmeidigkeit nicht nachsteht, ist nicht nur bei schnellen Tempo- oder Rhythmuswechseln hörbar. Alle diesbezüglichen Schwierigkeiten der nur scheinbar schlicht daherkommenden Sonaten des Lothringers meisterte das Duo durch flexibles, fast tadelloses Zusammenwirken "auf Augenhöhe".

Dass Boismortiers Musik den Klischees, die sich mit dem Begriff "galanter Stil" verbinden, nicht entspricht, erhellt spätestens aus seiner sechsten, der C-Dur-Sonate. Bezeichnenderweise löst er sich hier völlig von den überlieferten Tanzformen und bezeichnet die Sätze - den späteren "empfindsamen Stil" vorwegnehmend - mit "fröhlich", "lebendig", "langsam" und "leger". Es ist ein unprätentiöses, in sich ruhendes, ausgeglichenes, dabei kontrastreiches Werk - abschließender Höhepunkt des Abends im Chor der Stadtkirche mit seiner exzellenten Akustik.

Wer sich Boismortiers Klängen vorurteilslos öffnet, wird der Einschätzung des französischen Musikhistorikers Jean de La Borde aus dem Jahr 1780 zustimmen müssen: "Wenn sich jemand die Mühe machte, in dieser reichhaltigen Mine zu schürfen, fände er darin so viel Goldstaub, um daraus einen Barren zu gießen."

Als große Bereicherung des Abends präsentierte Georg Noeldeke seine reizvolle, etwa zehnminütige Komposition mit dem Titel "Schatten". Hier wird ein vielfarbiges, kontrastreiches Tableau mit beeindruckendem Spannungsbogen zwischen monotonen Wiederholungen und schnellen Läufen, dem Abstieg in tiefste Tiefen und Aufschwung in schwindelnde Höhen entfaltet.

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