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Christian Redl liest im Alten Hallenbad 80 Minuten voll konzentriert, blickt so gut wie nie vom Manuskript hoch. Bekannt ist Redl aus den Spreewaldkrimis des ZDF.

Kriminalfälle

Gänsehaut beim »Kopfkino«: Schauspieler liest wahre Kriminalfälle in Friedberg vor

  • VonHarald Schuchardt
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Es ist Kopfkino, das Gänsehaut verursacht: Schauspieler Christian Redl erzählt mit sonorer Stomme von zwei wahren Kriminalfällen, die die Zuhörerinnen und Zuhörer förmlich in ihren Bann ziehen.

Friedberg – Als Kommissar Thorsten Krüger jagt Christian Redl im Spreewaldkrimi im ZDF regelmäßig Mörder. Zwei wahre Kriminalfälle präsentierte der bekannte Schauspieler am Samstagabend (02.10.21) in der szenischen Lesung im voll besetzten Theater Altes Hallenbad.

Es sind Fälle aus dem »True-Crime Magazin« des Stern, in dem wahre Kriminalfälle ausgiebig beleuchtet werden. Die Idee, diese Fälle auf die Bühne zu bringen, kam von der Stern-Redaktion. In Redl, der in zahlreichen Filmen auch viele abgründige Figuren, wie den Hammermörder, spielte, wurde die Idealbesetzung für »Wahre Geschichten - wahre Verbrechen« - so der Titel des Programms - gefunden.

In Zusammenarbeit mit dem St.-Pauli-Theater wurde das Format entwickelt und mit großem Erfolg erstmals 2017 aufgeführt. »Wir haben die Lesung tourneetauglich gemacht«, meinte Redl im Gespräch.

Die Inszenierung beginnt anders als gewohnt. Das Licht im Saal geht aus. Redl betritt wortlos die Bühne, nimmt am Tisch Platz, und auf der daneben aufgebauten Leinwand flimmert ein Vorspann, das erinnert an Kino.

Christian Redl liest wahre Kriminalfälle konzentriert und mit sonorer Stimme in Friedberg vor

Im Verlauf des Abends werden auf der Leinwand Original-Bilder der Akteure gezeigt, immer wieder erklingen kurze musikalische Sequenzen. Das erinnert eher an ein Hörbuch. Redl liest 80 Minuten voll konzentriert, blickt so gut wie nie vom Manuskript hoch. Die Besucher jedenfalls lauschen gespannt den Worten Redls, der mit seiner sonoren Stimme dazu beiträgt, das Geschehen lebendig werden zu lassen.

Als »Kopfkino« bezeichnete das Hamburger Abendblatt die Aufführung im St.-Pauli-Theater. Das trifft es auf den Punkt. Sich vorzustellen, was der Hamburger gerade vorliest, verursacht schon ein gewisses Unbehagen, gerade beim ersten Fall mit dem eher unverfänglichen Titel »Die Witwe«.

Schauspieler Christian Redl liest in Friedberg von einbetonierten Leichenteilen und Zufallsfunden

Dabei handelt es sich um den Fall Estibaliz C. Die spanisch-mexikanische Geschäftsfrau erschoss 2008 in Wien ihren Ehemann und zwei Jahre später ihren Liebhaber. Beide zerstückelt sie mit einer Kettensäge, friert die Leichenteile ihres Ehemanns vorübergehend ein, um sie dann im Keller Nummer 6 unter dem Eissalon, den das Paar betreibt, einzubetonieren, so wie später auch ihren Liebhaber.

Redl erzählt die Lebensgeschichte der zierlichen Frau, die schon während ihrer Jugendliebe »diese Gedanken« hatte. Detailgenau werden die Morde beschrieben, aber auch die Gedanken der Mörderin, die sich die Handhabung der Kettensäge im Baumarkt genau erklären lässt - eine von mehreren komischen Momenten.

Nach dem ersten Mord lebt sie weiter, als sei nichts geschehen. Das ist nach Mord Nummer 2 nicht anders, sie hat den nächsten Liebhaber und ihr Lebenstraum wird wahr: Sie wird schwanger. Ein Zufall hilft bei der Aufklärung der bestialischen Morde. Nach einem Wasserschaden finden Bauarbeiter im Keller Leichenteile. Die »Eislady«, - wie sie im Boulevard genannt wird - schreibt im Gefängnis ihre Autobiografie und sorgt dafür, dass nicht der Vater ihres Sohnes, sondern ihre Mutter in Spanien das Sorgerecht erhält.

Von Liebe, Mord und Selbstmord: Christian Reld liest im Alten Hallenbad in Friedberg wahre Kriminalfälle vor

Weit unspektakulärer und längst nicht so brutal ist der zweite Fall, den Redl liest. »I love you« ist der Titel einer »Romeo-und-Julia-Geschichte«, die in Fuerteventura mit der großen Liebe auf den ersten Blick beginnt und mit Mord und Selbstmord in Hamburg endet.

Die 28 Jahre alte Anna, die in einer PR-Agentur arbeitet, lernt im Urlaub den fünf Jahre jüngeren Brasilianer William kennen, der in Hotels jobbt. Zu Annas 29. Geburtstag kommt er nach Hamburg und bleibt. Er entpuppt sich jedoch als rasend eifersüchtig.

Der »männliche Aschenputtel« (Redl) schlägt Anna, zieht sie an den Haaren. Immer wieder folgt die Versöhnung, bis auf den einen Moment, in dem er sie erwürgt. »Von einer auf die andere Sekunde explodierte mein Zorn«, sagt William, der nach seiner Festnahme noch einen Brief an Annas Mutter schreibt, bevor er sich mit dem Betttuch am Gefängnisfenster erhängt.

»William, der Romeo« sind die letzten Worte Redls, der unter dem Beifall der Besucher die Bühne wieder wortlos verlässt. Das leise Ende des Kopfkinos.

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