Da half auch kein Preisnachlass: Im Mai 2013, als dieses Foto entstand, stellte das Kaufhaus Joh Insolvenzantrag. Im September des gleichen Jahres schloss das Haus am Friedberger Elvis-Presley-Platz. Seither steht das Gebäude leer.
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Da half auch kein Preisnachlass: Im Mai 2013, als dieses Foto entstand, stellte das Kaufhaus Joh Insolvenzantrag. Im September des gleichen Jahres schloss das Haus am Friedberger Elvis-Presley-Platz. Seither steht das Gebäude leer.

Vergleich Bad Nauheim-Friedberg

Kaufhäuser in Bad Nauheim und Friedberg: Warum es hier funktioniert und dort nicht

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Das Kaufhaussterben geht um. Welche Rolle Warenhäuser für Kleinstädte spielen, lässt sich am Beispiel von Friedberg und Bad Nauheim nachvollziehen.

Was mer hat, des hat mer, und hat mer’s net, dann fehlt’s ei’m.« Das sang die hessische Kultband »Flatsch« in dem Lied »Kaufhaus«: »Socken sind immer knapp / Da nehm isch gleich ’n Hunderterpack.« Der Sänger singt sich in den Kaufrausch, weil’s im Kaufhaus einfach alles gibt, und meistens noch sehr günstig.

Das war einmal. Die große Zeit der Kaufhäuser ist vorbei. In Bad Nauheim aber funktioniert das Kaufhaus-Konzept noch. »Wenn es einer hat, dann Weyrauch.« Dieser Satz ist unter Bad Nauheimern öfter zu hören. Er spiegelt das umfangreiche Angebot des Kaufhauses am Aliceplatz wider. Davon profitiert der gesamte Handel in der Kernstadt, wie Natascha Schmidt (Vorsitzende) und Norbert Brodda (Stellvertreter) vom Vorstand des Vereins »Erlebnis Bad Nauheim« bestätigen: »Das Kaufhaus Weyrauch spielt für die Attraktivität des innerstädtischen Einzelhandels eine tragende Rolle.« Das breite Sortiment und das gute Preis-Leistungs-Verhältnis sorgten für eine hohe Anziehungskraft - auch überregional.

Für Schmidt und Brodda ist das Kaufhaus ein »Frequenzbringer«. Dank Weyrauch und anderen Geschäften könne die Kernstadt den Kunden ein Vollsortiment präsentieren. Bad Nauheim verfüge über eine Art Alleinstellungsmerkmal, Städte vergleichbarer Größe verfügten in der Regel nicht mehr über ein Kaufhaus.

Blick auf den gesamten Handel

Wichtig sei, diesen Vorteil mit einem attraktiven Umfeld zu unterfüttern. Die vielseitige Gastronomieszene, die Parks und das Ambiente der attraktiven Innenstadt rundeten das Bild ab. »Die Stadt bietet einen überdurchschnittlichen Verweilwert. Diese Einschätzung von Fachleuten teilen wir«, sagen die beiden Erlebnis-Vorsitzenden. Aufgabe der Politik sei es, den Handel zu stärken, etwa durch die Bereitstellung von genügend Parkplätzen.

»Die Schließung des Kaufhauses hätte dramatische Auswirkungen auf die Innenstadt. Nicht nur ein zentraler Nahversorger, sondern ein Magnet würde wegfallen«, betonen Schmidt und Brodda. Wie Beispiele in anderen Städten zeigten, »folgen dem großen Leerstand viele kleinere«.

Die Bedeutung des Kaufhauses für die Innenstadt unterstreicht auch Bürgermeister Klaus Kreß: »Für uns ist das wie ein Sechser im Lotto.« Gleichwohl gebe es keine Sonderbehandlung. Vielmehr werde der gesamte Einzelhandel als Einheit betrachtet, die sich gegenseitig befruchte. Die Politik leiste ihren Beitrag zum Erhalt einer attraktiven City, habe das Erscheinungsbild durch Förderprogramme verbessert, sorge für Sicherheit, ein Kleinkunst-Angebot und verkaufsoffene Sonntage.

Als »Schwachpunkt« sieht Kreß, dass es in der Innenstadt nicht genügend Parkplätze gibt. Ziel müsse es sein, die Pendler mit ihren Fahrzeugen auf citynahe Großparkplätze zu lenken, damit es im Zentrum mehr Parkplätze für Kurzzeit-Besucher gibt.

Kaufhaus sorgt für Schlagzeilen

In Friedberg gibt es Parkplätze in der Innenstadt, das City-Parkhaus liegt nur fünf Fußminuten von der Kaiserstraße entfernt. Nur das Kaufhaus fehlt seit Jahren. Schaut man da neidisch auf die Nachbarstadt? »Nein«, sagt Friedbergs Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU). »Bad Nauheim hat das Glück, dass das Kaufhaus läuft. Wir hatten auch ein Kaufhaus mit einem breiten Warenangebot. Es lag nicht an Friedberg, dass es schließen musste.« Es war das Stammhaus in Gelnhausen, das in Schwierigkeiten geraten war.

»Wer ins Joh ging, ging auch in die Apotheke nebenan und in andere Geschäfte. Viele haben davon profitiert, auch die Gastronomie«, sagt Antkowiak. Und nun? Kaufhäuser in reine Wohnhäuser umzuwandeln, wie dies in Frankfurt diskutiert werde, hält er nicht für sinnvoll. »Zumindest im Erdgeschoss und im 1. Stock müssen wir wieder Geschäfte reinkriegen. Ich habe nichts dagegen, wenn ab dem 2. Stock Arztpraxen und Wohnungen entstehen. Und das Dachcafé kann ich mir gut vorstellen.«

Zuletzt gab es Ärger mit Obdachlosen, die den Hintereingang des ehemaligen Kaufhauses belagerten; der Investor ließ mehrfach den B-Plan ändern; die Stadtverordneten lehnten den städtebaulichen Vertrag mit dem Investor ab. Die Politik hatte höhere Vertragsstrafen und kürzere Laufzeiten gefordert. »Wir haben kein Druckmittel«, sagt Antkowiak. Mit dem Investor habe man eine Rechtsnachfolgeklausel nachverhandelt.

Neben dem zweiten Standbein Internethandel, den die Stadt unterstütze (www.wetterau-bringts.de), müsse für ein attraktives Umfeld gesorgt werden, sprich: Die Sanierung der Kaiserstraße müsse fortgesetzt werden, sagt der Bürgermeister. »Der Baubeginn ist Sache der Stadtverordneten, die die Mittel müssen zur Verfügung stellen. Es fehlt auch noch der Beschluss, ob wir die Sanierung nach Norden oder Süden fortsetzen. Das Bauamt ist an den Planungen dran.«

Info: Einzelhändler haben Forderungen an die Stadt

Ist die Ära der Kaufhäuser vorbei? »In den Großstädten schon, mit den dortigen riesigen Dimensionen«, sagt Ulf Berger, Vorsitzender der Werbegemeinschaft »Friedberg hat’s«. »In der Kleinstadt müsste das nicht so sein.« Die Schließung des Joh habe Friedberg einen Frequenzverlust gebracht. Schließe ein Kaufhaus, schwinde die Attraktivität der Stadt. »Die Leute sind ja früher ins Kaufhaus, auch wenn sie nichts kaufen wollten und einfach nur spazieren gingen.« Für das Joh-Gebäude kann sich Berger ein Mischkonzept vorstellen. »Einkaufen, Kultur, Arztpraxen und von mir aus auch Wohnen.« Der Internethandel nimmt zu, gefährdet den Einzelhandel. Was müssen die Städte tun, um diesen Trend entgegenzuwirken? Berger: »Die Attraktivität der Innenstädte muss besser werden. Das fängt bei breiteren Bürgersteigen an, geht weiter mit dem Bodenbelag, den Mülleimern, mehr Bänken, mehr Grün. Wir brauchen ein besserer ›Rahmenprogramm‹.« Gerne wird betont: Die Kaiserstraße ist selbst eine Art Open-Air-Kaufhaus. Allerdings ein sanierungsbedürftiges. Die Politik schiebt die Fortsetzung der Sanierung aufgrund der Finanzlage der Stadt seit Jahren vor sich her. Auch Ulf Berger kann sich bei diesem Punkt nur wiederholen: »Es müsste langsam mal vorangehen. Das sagen wir seit Jahren. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, ich bin ja noch jung.«

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