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»Es ist beinahe unmöglich, unpolitisch zu sein. Alles hat mit Politik und Gesellschaft zu tun«, sagt Tanasgol Sabbagh.

»Für mich ist Schreiben ein Versuch der Nähe«

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Friedberg (pm). In Kooperation mit dem Junity Friedberg und gefördert durch »Demokratie leben« beteiligt sich das Internationale Zentrum Friedberg mit der Veranstaltung »Wasser und Salz« an den Interkulturellen Wochen im Wetteraukreis. Die ehemalige Augustinerschülerin Tanasgol Sabbagh und Samuel Kramer aus Offenbach treten heute Abend in einer »Spoken Word Show« gemeinsam auf.

Anna Rüther-Hoth, ehemalige Lehrerin an der Augustinerschule und jetzt aktives Mitglied des Internationalen Zentrums hat vorab mit Tanasgol Sabbagh gesprochen.

Du bist in Friedberg zur Schule gegangen, in Bad Nauheim hattest Du Deinen ersten Poetry-Slam-Auftritt. Heute lebst Du in Berlin.

Ich habe dann ein paar Jahre in Marburg Orientwissenschaften und Politik studiert, habe dort einen Bachelor gemacht und bin ich vor fünf Jahren nach Berlin gezogen. Noch ein bisschen in Hessen geblieben, mit einem halben Fuß in Friedberg an den Wochenenden. In Berlin habe ich mich dann selbstständig gemacht. Ich hatte viele Auftritte, habe Workshops gegeben und habe Jugendarbeit gemacht. Parallel besuche ich Literaturseminare an der Uni. Dieser Input durch die Wissenschaft ist für mich auch sehr wichtig.

Ist Deine Lyrik politisch?

Ich habe die Haltung, dass es beinahe unmöglich ist, unpolitisch zu sein. Alles hat mit Politik und Gesellschaft zu tun. Welche Bühne habe ich, wer fragt meine Texte nach, wer sucht gerade eine Frau mit Migrationshintergrund. Es gibt viele Menschen, die die Privilegien, die sie haben, nicht so ganz wahrnehmen, wie das Drumherum aussieht und deshalb vieles für unpolitisch halten.

Was ist für heute Abend geplant?

Wir werden uns heute als politische Künstler verstehen, gleichzeitig auch zur Debatte stellen, was politisch überhaupt bedeuten soll. Auch das ist politisches Verständnis, dass es um Entwicklung geht, dass es nicht ein statischer Endpunkt des Denkens ist: Jetzt habe ich die Welt verstanden.

Kannst Du das genauer erklären?

Ich stehe im Dialog zu allem, was mich umgibt. Auf Poetry-Slam-Bühnen wird das besonders deutlich, aber ich denke, jeder Text steht im Dialog mit denjenigen, die ihn lesen. Für mich jedenfalls ist Schreiben ein Versuch der Nähe.

Was meinst Du damit?

Dass ich dabei vielleicht auf Unterschiede verweise, steht für mich nicht im Gegensatz zu einem generellen Potenzial des Miteinanders innerhalb einer Gesellschaft. Es muss Möglichkeiten geben, die Unterschiedlichkeit zu betonen und sich trotzdem auf Augenhöhe zu begegnen.

Du bist Mitglied einer Lesegesellschaft, die sich »parallelgesellschaft« nennt, ein umstrittener Begriff, oder?

Der Name ist ein Begriff, mit einem Schulterzucken in Richtung Politik und Medien, wo ja recht schnell von Parallelgesellschaften gesprochen wird, über Menschen, die marginalisiert sind und sich gemeinsam finden. Einfach auch, weil Menschen immer wieder danach streben, eine Gemeinschaft zu haben. Diese Gemeinschaften sind bedrohlich für die »Dominanzgesellschaft«. Zum Beispiel, wenn Frauen sich zusammenfinden, um über ihre Erfahrung zu sprechen mit Diskriminierung, mit dem Leben und Leiden im Patriarchat. Dann gibt es oft den Vorwurf: ›Ihr öffnet euch nicht. Ihr bildet eine Gruppe und schottet euch ab, ihr trennt euch von der Gesellschaft, und ihr wollt gar nicht, dass man mit euch zu tun hat‹

Wie stehts Du dazu?

Das stimmt so nicht. Ich komme gar nicht aus der Verteidigungsschlaufe heraus, wenn ich über Themen reden will, die mich angehen, die viele Leute angehen, aber von den meisten so abgetan werden als Fußnoten von dem, was eigentlich wichtig und besprechenswert ist. Deshalb ist es sehr sinnvoll, dass Leute sich zusammenschließen und Interessensgemeinschaften bilden, finde ich.

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