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Für ihn ist der Weg das Ziel

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Von: Gerhard Kollmer

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Journalist Thomas Böhm stellt in der Buchhandlung Bindernagel sein Buch »Da war ich eigentlich noch nie« vor. GK © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »Wozu in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.« Dieser altbekannte Spruch muss kein Ausdruck bornierten Provinzialismus sein. Wer am Freitag das Glück hatte, in der voll besetzten Buchhandlung Bindernagel im Rahmen von »Friedberg lässt lesen« dem Journalisten und Literaturvermittler Thomas Böhm bei der Vorstellung seines jüngst erschienenen Reisebuchs mit dem bezeichnenden Titel »Da war ich eigentlich noch nie« zu lauschen, verstand bald, dass es nicht unbedingt (Flug-)Reisen in ferne Länder sein müssen, die bleibende Eindrücke hinterlassen.

»Wir reisen nicht mehr; wir überwinden Distanzen, fahren oder fliegen nur noch irgendwohin«, sagte Böhm zu Beginn seiner 90-minütigen Buchpräsentation. Wer ins ferne Indien fliegt, hat meist nur wenig Kenntnis von den Ländern mit ihren Kulturen, die »auf dem Wege liegen«. Dabei ist der Weg oft genauso interessant wie das Ziel. Was bedeu-tete Reisen im deutschsprachigen Kulturraum in früheren Zeiten? Auf diese Frage hat- te Böhm eine Reihe von heiter-informativen Antworten parat.

Erlebnisse mit »Kurschatten«

Das um 1555 erschienene »Rollwagenbüchlin«, eine Schwanksammlung des elsässischen Autors Jörg Wickram, wartet unter anderem mit lustigen Geschichten von Pilgerfahrten auf - der damals häufigsten Form des Reisens. Wegen der heute kaum noch nachvollziehbaren Langsamkeit der Fortbewegung per pedes, Ochs, Esel, Pferd oder Rollwagen (dem Vorläufer der Postkutsche) hatte jeder/jede reichlich Gelegenheit zum Kennenlernen der am Wege liegenden Städte, durchwanderten Landschaften, etc.

Aus einem 91 Regeln enthaltenden Reiseführer für (meist aristokratische) Bildungsreisende im 18. Jahrhundert stellte Böhm einige Ratschläge (u. a. nicht auf ein »Pistol« zu verzichten) vor.

Welche Gepäckstücke benötigt ein »Fußreisender« unbedingt zum sicheren Fortkommen? Darauf gibt ein Ratgeber zu Beginn des 19. Jahrhunderts Antwort. Dank der Anlage von gepflasterten Chausseen und Fernstraßen seit Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Reisen mit der Kutsche etwas bequemer. Dieses legendäre Verkehrsmittel ist Gegenstand einer Vielzahl von Liedern, Gedichten, Erzählungen. Auch diese Phase des Reisens beleuchtete Thomas Böhm mit heiteren Texten aus seinem Füllhorn. »Auf der Schwäb’sche Eisebahne«: Die heroischen Jahrzehnte der Eisenbahnreise erlebte der Berliner Schriftsteller Theodor Fontane während seines England-Aufenthalts mit. Er stand diesem Verkehrsmittel skeptisch gegenüber und zog - soweit möglich - das Wandern vor. Aus dem Zweiten Band seiner großartigen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« trug Böhm eine längere Passage über das Schloss Freienwalde vor.

Das Thema »Kuren« nahm einen prominenten Platz in Böhms literarischem Reisebuch ein. Auch diesseits der legendären Badeorte wie Karlsbad, Meran, etc. konnte die »Badekur« samt »Kurschatten« zum unvergesslichen Erlebnis werden.

1905: Berlin zählt über zwei Millionen Einwohner und wird - einschließlich seiner Vergnügungsviertel - zum Besuchermagneten. Aus einem Band der zeitgenössischen »Großstadtdokumente« trug Böhm einen ironisch-kritischen Bericht unter dem Titel »Appell der roten Laternen« vor. Köstlich!

Nach einem gereimten Lobgesang auf Speise- und Schlafwagen aus den 20er Jahren erheiterte das Zitat aus einer Speisekarte der Eisenacher Bahnhofs-Gaststätte von 1957 - DDR-Charme pur!

Böhm beendete die mit herzlichem Applaus bedachte Präsentation nicht, ohne auf den von ihm mitgegründeten Verlag »Das kulturelle Gedächtnis«, in dem es erschienen ist, hinzuweisen.

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