Illona Geupel und Susanne Klein (o. l.) schildern Natalie Pawlik (o. r.) und Lisa Gnadl die aktuelle Situation und den Einfluss der Corona-Pandemie auf das Wetterauer Frauenhaus. FOTO: PM
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Illona Geupel und Susanne Klein (o. l.) schildern Natalie Pawlik (o. r.) und Lisa Gnadl die aktuelle Situation und den Einfluss der Corona-Pandemie auf das Wetterauer Frauenhaus. FOTO: PM

Fünf Anfragen auf einen Platz

  • vonred Redaktion
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Wetteraukreis(pm). "Schon im ersten Lockdown haben wir ein Drittel mehr Hilfe suchende Frauen und ihre Kinder betreut als in normalen Zeiten", sagt Illona Geupel. Sie leitet mit Susanne Klein das Wetterauer Frauenhaus. Über die Auswirkungen der Pandemie sprachen sie neulich mit Landtagsabgeordneter Lisa Gnadl und Kreistagsabgeordneter Natalie Pawlik (beide SPD) bei einer Videokonferenz.

"Wir haben große Bedenken, was auf uns zukommen wird. Schon jetzt kommen auf einen Frauenhausplatz fünf Anfragen", sagte Geupel. Das Wetterauer Frauenhaus habe Anfang April vier zusätzliche Appartements für Schutz suchende Frauen und Kinder angemietet und die verfügbaren Plätze von 24 auf 32 erhöht. Allerdings seien diese Plätze Mitte April schon belegt gewesen. Zudem habe man die erhöhte Nachfrage mit dem gleichen Personalstamm bewältigen müssen. "Das war schon vorher eine Herausforderung, mittlerweile ist es kaum noch auszuhalten", schilderte Geupel die Belastung der Mitarbeiterinnen.

"Die Pandemie ist wie ein Brennglas, das die Versäumnisse der Vergangenheit offenlegt. In Hessen fehlen zum Beispiel 300 Familienzimmer in Frauenhäusern, um auch nur die Mindestanforderungen der Istanbul-Konvention zu erfüllen", sagte Gnadl. Dabei handelt es sich um ein Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. "Aber es reicht natürlich nicht, nur neue Appartements bereitzustellen. Es braucht auch Personal, um die Schutzsuchenden beraten zu können."

Die notwendige Digitalisierung in Corona-Zeiten sei für das Frauenhaus eine weitere Herausforderung, sagte Geupel. Neben der Aufrüstung von Technik seien Schulungen zur Nutzung der digitalen Tools sowie für den Aufbau der Online-Beratung nötig gewesen. Gleichzeitig habe während des ersten Lockdowns die Online-Beschulung der Schüler sichergestellt werden müssen. Neben den veränderten Arbeitsstrukturen durch die Digitalisierung habe sich die Arbeitsbelastung der Gewaltschutzstellen erhöht, weil der Zugang zu Behörden, Ämtern und Institutionen stark eingeschränkt gewesen sei.

Pawlik betonte, auch der Wetteraukreis müsse seinen Teil beitragen, um die Ziele der Istanbul-Konvention zu erfüllen. "Wir haben im Kreistag beschlossen, eine Bestandsaufnahme zu machen, wo wir den Zielen noch hinterherhinken und welche Maßnahmen wir ergreifen müssen, um sie zu erfüllen", sagte sie.

Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses seien bereits in die Arbeit zur Umsetzung der Istanbul-Konvention eingebunden. Aber auch dazu brauche es Personal, sagte Klein. "Es wundert mich nicht, dass von den Corona-Hilfen des Landes für den Gewaltschutz von Frauen und Kindern erst ein Drittel abgerufen wurde. Viele Frauenhäuser haben es nicht geschafft, die Mittel zu beantragen." Gnadl versprach, sich dafür einzusetzen, dass diese Gelder nicht verfallen würden.

Mehr Personal nötig

"Diese kurzfristigen Maßnahmen sind notwendig, sie reichen aber nicht aus. Wir müssen das Netz an Frauenhäusern und Beratungsstellen auf eine ganz neue Ebene heben: mit genügend Personal, das sichere Arbeitsverträge bekommt und ordentlich bezahlt wird. Und wir brauchen eine Koordinierungsstelle auf Landesebene, die die Umsetzung der Istanbul-Konvention überwacht", sagte Gnadl.

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