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Das Ensemble »Halva« spielt Titel, in die Elemente jüdischer Klezmermusik und der musikalischen Folklore des Balkan einfließen.

Frühstück in Kiew, Dinner in Sofia

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Weltmusik der Extraklasse: Wieder einmal wurde das Alte Hallenbad, dieser inspirierende Ort, zum Schauplatz eines außergewöhnlichen Konzerts. Das sechsköpfige Ensemble »Halva« mit seinem Leiter Nicolaas Cottenie war am Samstagabend aus Gent angereist, wo am Vorabend erstmals Titel aus der zweiten CD »Dinner in Sofia« vorgestellt wurden.

Im Rahmen eines zweijährigen Forschungsprojekts an der Musikhochschule Antwerpen habe er die traditionelle Musik Südosteuropas von der Ukraine über Rumänien und Bulgarien bis Griechenland und den Vorderen Orient studiert, sagte Cottenie in seiner Begrüßung. Daraus ist die neue CD mit Eigenkompositionen hervorgegangen, in die Elemente jüdischer Klezmermusik und der musikalischen Folklore des Balkan einfließen.

Reise in eine andere Welt

Die nun folgende fast zweistündige Reise in einen Kosmos, wo das aschkenasische, das heißt, mittel- und osteuropäische Judentum über Jahrhunderte hinweg auskömmlich mit seiner christlichen und muslimischen Umwelt zusammenlebte, beginnt mit einem »Bulgar«, dessen abrupte Rhythmus- und Tempowechsel sofort ins Blut gehen. Gleiches gilt für den darauf folgenden griechisch-jüdischen »Saba-Syrto«. Türkisch-arabische »Untertöne« sind unüberhörbar.

In Städten wie Saloniki und Kiew lebten große jüdische Gemeinden über Jahrhunderte in fruchtbarem Austausch mit ihrer Umwelt - bis zur Zerstörung durch deutsche Wehrmachtstruppen im Zweiten Weltkrieg. Deshalb mischt sich in die Begeisterung über »Halvas« mitreißende Klänge eine gewisse Trauer. Der unvergleichliche musikalische Kosmos Südosteuropa, wie ihn Cottenie so eindrucksvoll beschwört, existiert nicht mehr. Aber er lebt weiter in der Musik.

In der rasend schnellen bulgarischen »Sirba« brilliert Anja Günther an der Klarinette und erhält rauschenden Applaus. Der Akkordeonist Ira Shiran hat seinen großen Auftritt in dem rumänischen »Geamparale«. Bewunderungswürdig ist, was Robbe Kieckens aus wenigen kleinen Trommeln hervorzaubert.

Der zweite Teil des Konzerts beginnt mit dem Stück »Dinner in Sofia«. Ihm folgt »Khosidl für das neue Leben« - ein spirituelles Stück aus dem Geist der jüdischen Mystik. Eine Art archaischer Monotonie strahlt von diesen Klängen aus.

»Breakfast in Kiew«: Auf jüdisch-ukrainische Klänge folgt eine rumänische Hirtenmelodie, in der die Klarinette exotische Panflötenklänge hervorzaubert.

Eline Duerinck ist mit ihrem Cello ruhender Pol, »Gravitationszentrum« des Ensembles, erhält aber - wie auch Nicolaas Cottenie und Alina Bauer an den Violinen - auch immer wieder Gelegenheit, ihr solistisches Können zu zeigen. Allen Akteuren steht die Freude am gemeinsamen Musizieren ins Gesicht geschrieben. Sie überträgt sich auf das Auditorium, das immer herzlicher applaudiert.

Im Paris des Nahen Ostens

Mit der Zugabe »Coffee in Beirut« geht das Konzert zu Ende. Wir sind im einstigen mondänen »Paris des Nahen Ostens« angelangt. Auch hier lebten Juden und Muslime lange in friedlicher Eintracht - ebenso wie im türkischen Istanbul. Der Weg von Kiew bis ans Mittelmeer war weit. Nicolaas Cottenies, vom »Halva«-Ensemble mitreißend präsentierte Kompositionen, die einer - quer zu allen nationalistischen Grenzen stehenden - im besten Sinn kosmopolitischen Musiktradition ein bleibendes Denkmal setzen, zählen zweifellos zu den besonderen Höhepunkten im Programm des Theaters Altes Hallenbad.

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