Sie haben die Matinee in Erinnerung an Fritz Usinger gestaltet: Pianistin Natella Volkow (l.), Rezitatorin Monica Keichel und WZ-Mitarbeiter Gerhard Kollmer. 	FOTO: EMH
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Sie haben die Matinee in Erinnerung an Fritz Usinger gestaltet: Pianistin Natella Volkow (l.), Rezitatorin Monica Keichel und WZ-Mitarbeiter Gerhard Kollmer. FOTO: EMH

Friedbergs bedeutendster Schriftsteller

  • vonHaimo Emminger
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Friedberg (emh). Der Friedberger Schriftsteller Fritz Usinger, der 1946 den erstmals verliehenen Büchner-Preis bekam, übrigens die bis heute auch finanziell höchstdotierte deutsche Literaturauszeichnung, wäre am 5. März 125 Jahre alt geworden. Ergänzend zu der in der Wetterauer Zeitung dazu bereits erschienen Würdigung von Friedbergs bedeutendstem Schriftsteller, brachte der Volksbildungsverein in der Reihe »Kultur auf der Spur« den wegen seiner komplexen Werke und Ausdrucksweise nie im vordersten Rampenlicht gestandenen Autor in einer musikalischen Matinee am Sonntag überraschend lebensnah, verständlich und anrührend auf die Bühne des Alten Hallenbades.

Dahinter steht als Spiritus Rektor und Regisseur der Usinger-Kenner und WZ-Mitarbeiter Gerhard Kollmer, der den Lebensweg des Friedberger Autors skizzierte und interpretierte.

Damit ebnete er den Weg zum Verständnis dessen umfangreichen literarischen Kosmos, aus dem die Friedberger Schauspielerin und Rezitatorin Monica Keichel mit ausgewählten kommentierten Gedichten, Zitaten und Aphorismen das Werk Usingers vorstellen konnte. Pianistin und Musikschulleiterin Natella Volkow aus Bad Nauheim übernahm den musikalischen Part und eröffnete die Matinee kraftvoll zupackend, dann aber verträumt endend zunächst mit der Elegie op. 3 No1 von Sergej W. Rachmaninow, dem zeitgenössischen und Lieblingskomponisten von Usinger.

Liebe zur Heimat und zur Wetterau

Auch die weiteren sieben Stücke aus der Feder des Komponisten passten wunderbar zu den rezitierten Gedichten. Die Pianistin hatte sich intensiv von den Zeilen Usingers berühren lassen und sagte zum Schluss unter dem Beifall des Publikums, es sei erstaunlich wie russisch die Gedichte klingen, es sei unglaublich, wie alles zusammenpasse. Usinger spreche ihre russische Seele intensiv an.

Rational allerdings ist Usinger schwer zu fassen, »sein Leben hat keinen roten Faden«, wie Kollmer erläutert. In Usingers Gedichten erkenne man Strömungen des Dadaismus bis zur kritischen Hinterfragung des Seins sowie der Dinge an sich bis hin zur Selbstaufgabe. Neben solchen psychologischen Äußerungen kommen aber seine Liebe zur Heimat, zu Friedberg und zur Wetterau immer wieder zu Wort.

In seiner Usa-Hymne will Usinger »die Heimat vergegenwärtigen durch Beschwörung der Vergangenheit«: »Der Geist der Heimat hat mich mit Wurzeln gefesselt!« Monica Keichels überzeugende Diktion und Gestik waren oft der Schlüssel, um aus heutiger Sicht skurril wirkende Gedankengänge rezipierbar zu machen. In »Die Sprache der Dinge« heißt es unter anderem: »Es spricht ein jeder von Zeit und Ort, man hört es nur nicht.«

Den Clown apostrophiert der Dichter als Sinnbild der Vergänglichkeit, als Inbegriff des Scheiterns und Zerrbild des Menschen, der sich selbst belacht und beweint.

Und im »Joch der Worte« verkommen Worte zu Wörtern. Abschließend zitierte Keichel aus »Das Haus«, in dem sich Usinger von dieser Welt verabschiedet: »Wohin ich gehe? Wo ihr mich nicht findet. Es ist Zeit, dass ihr mich vergesst!«. Und setzt hinzu: »Nun: Wir vergessen dich nicht - in dieser Gedenkstunde.« Der starke Beifall des Publikums, in dem sich leider keine offiziellen Vertreter der Stadt fanden, veranlasste Keichel zu der Zugabe »Ich habe mich in meine Gedichte verwandelt«, am Klavier untermalt von Natella Volkow.

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