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Zum Abschluss der Führung laden Norman und Eva-Maria Groh (Kultland-Brauerei) zur Bierprobe auf dem Adolfsturm ein.

Kostümführung

Woher der Spruch "Halt die Klappe!" stammt - Kostümführung durch Friedberg

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Burg gegen Stadt, diesen Gegensatz beleben "Bollemoschder" und "Owwermächer" bei einer Kostümführung in der Friedberger Altstadt. Ein unterhaltsamer Gang durch die Geschichte.

Heiß ist’s bei der Stadtführung am Samstag, was sich auch an der Amtstracht von "Bollemoschder" (Bürgermeister) Michael Bayer zeigt: Zu Barrett und schwarzer Robe trägt er offene Sandalen. "Die gab’s schon im Mittelalter", versucht der ehemalige Geschichtslehrer historische Bezüge herzustellen. Seinen Kollege Ulrich Eisenkrämer alias "Owwermächer" (Burgherr) trifft es noch härter: Er trägt einen dicken, braun-goldenen Umhang, einem Wohnzimmervorhang nicht unähnlich. "Heute haben wir großen Durst", sagt er voraus. Am Ende der Führung erwartet die Besucher eine Bierprobe. Doch bis dahin gibt es noch viel zu erzählen.

Das städtische Kulturamt hat 2019 ein neues Programm mit Stadtführungen aufgelegt. Die regulären Führungen (sonntags ab 14 Uhr am Wetterau-Museum) werden weiter angeboten. Dazu kommen Themenführungen zur Kriminalgeschichte, zum Burggarten oder zur Stadtkirche. Die letzte russische Zarin oder eine Nachtwächterin führen Besucher auf ganz verschiedenen Wegen durch die Geschichte Friedbergs.

Kostümführung: Michael Bayer (r.) und Ulrich Eisenkrämer (l.) führen die Gäste auf unterhaltsame Weise durch die Geschichte der Stadt.

Bayer und Eisenkrämer konzentrieren sich auf wenige Stationen: Stadtkirche, Mikwe, Burg und Adolfsturm. Im Blickfeld haben sie dabei die ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Burg und Stadt. Die Burg wurde 1216 erstmals erwähnt, die Stadt 1218. Für 1285 bereits ist ein erster Überfall auf die Burg erwähnt. Kein Wunder, dass die Burgmannen Einspruch erhob, als die Stadt zwei Kirchtürme bauen lassen wollte: Man befürchtete, die Burg würde von dort mit Kanonen beschossen.

Kostümführung durch Friedberg: Krach in der Stadtkirche

Was die Kostümführung besonders macht, ist die Leidenschaft, mit der die beiden Stadtführer zu Werke gehen. Bayer und Eisenkrämer sind pensionierte Lehrer, das merkt man besonders dem "Bollemoschder" an. Mit großen Gesten und viel Empathie vermittelt Bayer seinen Schülern, äh, nein, seinen Zuhörern die Ästhetik gotischer Hallenkirchen. Er erläutert, wie der Kirchenvorstand einst die russische Zarin "anbaggerte", damit diese ein Kirchenfenster stiftete und verrät, woher der Spruch "Halt die Klappe!" stammt: Die Aufforderung ging an die Altaristen im Chorgestühl. Waren sie unaufmerksam, knallte die (Sitz-)Klappe runter und ein dumpfer Schlag hallte durch die Kirche. Nachdem es auch bei der Kostümführung gewaltig knallte, dürften alle Beteiligten künftig die Klappe halten.

Ulrich Eisenkrämer kann nicht ganz mit dem Temperament seines Kollegen mithalten, dafür kennt er Daten und Fakten wie aus dem Effeff. Beim Besuch der Mikwe weist er auf eine schmale Brücke hin, die vom Garten des Hauses der Kirche über den Hirschgraben in die Burg führt: "Das war der Fluchtweg der Friedberger Juden." Diese standen einst unter dem Schutz des Kaisers. 700 Jahre lang gab es in Friedberg eine jüdische Gemeinde. Dass die Judengasse sonntags abgeschlossen wurde, damit die Christen nicht beim Kirchgang gestört würden, spricht nicht für problemloses Miteinander.

Kostümführung durch Friedberg: Wo bernsteinfarbenes Bier leuchtet

Kommen Bayer und Eisenkrämer ins Erzählen, wird’s nie langweilig. Setzen sie ihre mittelalterlichen Hüte ab, berichten sie auch aus späteren Jahrhunderten oder kommentieren die Baustile in der Burg. Sind, wie der Burgherr meint, die Bürger der Stadt schuld, weil sie die Burg immer wieder zerstörten? Oder eher die Bauaufsicht, die nach der hässlichen Turnhalle auch das Studentenwohnheim und Reihenhäuser genehmigte?

Zur Bierprobe geht es auf den Adolfsturm. Norman und Eva-Maria Groh von der Ockstädter Kultland-Brauerei haben eine riesige Tiefkühlbox mit Bierfässchen und -flaschen die Wendeltreppe hochgewuchtet. Beim Blick über die wogenden Getreidefelder erzählen sie von heimischer Gerste, naturtrübem Pils und vom Hellen, das kurioserweise in der "Dunkel" ausgeschenkt wird. Bernsteinfarben leuchtet das Bier im Glas, während die Besucher mehr über Kalthopfung und blumige Aromen erfahren. "Die Kühlbox sollte leer getrunken sein", sagt Norman Groh. Wegen dem Rückweg über die Treppe. Ohne Kühlbox, aber mit sechs bis sieben Gläsern Bier schafft man die über 200 Stufen übrigens spielend leicht; man muss einfach nur der Schwerkraft nachgeben.

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