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Sind die Standards, zu denen in der Wetterau produziert werden, mit denen in Brasilien vergleichbar?, fragen die Landwirte.

Freihandelsabkommen

Verbandschefin im Interview: Landwirte beklagen Bauernopfer

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Die Wirtschaft jubelt über den neuen riesigen Markt mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten. Scharfe Kritik kommt von Landwirten. Ein Interview mit Bauernverbandschefin Andrea Rahn-Farr.

Warum entpuppen sich Landwirte und Umweltschützer als größte Kritiker des vorliegenden Handelsabkommens mit Südamerika?

Andrea Rahn-Farr: Wir Landwirte wehren uns dagegen, dass unsere hochwertigen Erzeugnisse wie Rindfleisch, Rübenzucker und Geflügel als Tauschprodukte für den Export von Autos und Maschinen dienen. Ein echtes "Bauernopfer".

Gesprochen wird von einem Import von fast 100 000 Tonnen Rindfleisch. Wie viel ist das überhaupt?

Rahn-Farr:In Deutschland werden jährlich etwas mehr als eine Million Tonnen Rindfleisch erzeugt. Dazukommen Importe in Höhe von rund 510 000 Tonnen Rindfleisch, zum größten Teil aus der EU. Aus Drittländern wie den Mercosur-Staaten kamen bisher 62 000 Tonnen. Das Handelsabkommen kann also zu einer deutlichen Ausweitung dieser Lieferungen aus Brasilien, Argentinien und so weiter führen.

Was ist so schlecht daran, wenn sich Fans von argentinischem Rumpsteak bald auf günstigere Preise freuen können?

Rahn-Farr:Ich weiß nicht, wie man ein Fan von argentinischem Rindfleisch sein kann. Wenn das auf der Karte steht, dann bestelle ich es nicht. Und zwar deshalb, weil die Mast der Tiere überwiegend in sogenannten Feedlots erfolgt, also auf engstem Raum zusammengesperrt, gefüttert mit Soja- und Erdnussschrot, Baumwollsamen, Pellets aus Orangenschalen, Mais und Zuckerrohr. Vieles davon aus dem Anbau genveränderter Pflanzen.

Also sehen Sie das Essen von Argentinischem Steak als Affront.

Rahn-Farr:Ja, schon. Wir Bauern stöhnen zwar des Öfteren wegen der hohen Auflagen und Regeln für unsere Produktion, beispielsweise bei Tierwohl und Tiergesundheit, Umwelt- und Arbeitssicherheit und Hygiene. Wir gehen aber davon aus, dass unseren Verbrauchern diese Dinge wichtig sind. Unsere hohen Standards werden jedoch unterlaufen, wenn Produkte ins Land gelassen werden, die unter ganz anderen Bedingungen hergestellt worden sind. Es geht nicht nur um das Stück Fleisch selbst, sondern es ist ja das Ergebnis eines Produktionsprozesses.

Ist das ein ethisches Problem?

Rahn-Farr:Es ist nicht in Ordnung, wenn wir solches Fleisch importieren und damit Probleme beim Umweltschutz beispielsweise der Lagerung und Ausbringung der Exkremente, Behandlung mit Antibiotika und so weiter sowie beim Arbeitsschutz, Stichwort: schlechte Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne, exportieren.

Andrea Rahn-Farr

Landwirtschaft ist mehr als Tierhaltung. Wie sieht es mit den Standards im Ackerbau im Vergleich zu Südamerika aus?

Rahn-Farr:Es ist so, dass in Brasilien großflächig genveränderte Pflanzen angebaut werden, die beispielsweise gegen Totalherbizide wie Round-up resistent sind. Dort werden große Mengen davon zum Teil per Flugzeug ausgebracht, auch über bewohnten Gebieten. Von sachgerechter Anwendung nach europäischem Standard kann da keine Rede sein. Die Debatte um Glyphosat nahm übrigens dadurch ihren Anfang. Hier bei uns gibt es keinen Anbau von genveränderten Pflanzen, und Glyphosat wird äußerst sparsam und nicht auf wachsenden Kulturen, sondern nur nach der Ernte oder vor der Aussaat eingesetzt.

Welche Produkte sind noch davon betroffen mit welchen Folgen für die Wetterau? Stichwort: Zuckerrüben.

Rahn-Farr:Brasilien ist derzeit weltweit größter Zuckerproduzent. Wenn weitere zollfreie Kontingente für Zuckerimporte freigegeben werden, dann bedeutet das eine sinkende Produktion für inländischen Rübenzucker. Es steht zu befürchten, dass das auch Auswirkungen auf den sowieso schon schwächelnden Rübenanbau in der Wetterau hat.

Gibt die EU durch die Hintertür eines Handelsabkommens die Umweltstandards frei, gerade auch im Hinblick auf das Einsparen von CO2?

Rahn-Farr:Die Abholzung beziehungsweise das Abbrennen von tropischem Regenwald setzt riesige Mengen CO2 frei. Wie man in der jüngsten Ausgabe im Spiegel nachlesen konnte, wurde 2018 und 2019 so viel Regenwald abgeholzt wie seit Jahren nicht mehr, um die Agrarflächen der Länder auszuweiten.

Die Landwirtschaft erlebt noch immer einen riesigen Strukturwandel. Immer mehr Höfe machen dicht, in vielen Wetterauer Dörfern gibt es keine Bauern mehr. Wird dieser Prozess durch solche Abkommen beschleunigt? Wo endet das?

Rahn-Farr:Das steht zu befürchten. Es ist um jeden Betrieb schade, der seine Tore schließen muss. Ein Ende des sogenannten Strukturwandels ist nicht in Sicht, es ist in meinen Augen auch kein normaler Strukturwandel mehr, sondern hat mit etwa fünf Prozent weniger Tierhaltern pro Jahr längst eine galoppierende Form angenommen.

Die Gerstenernte in der Wetterau ist abgeschlossen. Die Landwirte sind zufrieden mit dem Ertrag. Gerste wird hauptsächlich als Futtermittel verwendet. Andere Entwicklungen machen den Wetterauer Bauern Sorge: Die Vereinbarungen zum Freihandel mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten.

Es soll weitere Ausgleichszahlungen an die Landwirtschaft geben, wenn das Abkommen angenommen werden würde. Wie schätzen Sie als Landwirtin diese Zusagen ein?

Rahn-Farr:Der Sache ist nicht zu trauen. Die Politik ist ja nicht mal in der Lage, die jetzigen Ausgleichszahlungen für die nächste Finanzierungsperiode der EU zu garantieren. Diese Ausgleichszahlungen, etwa 170 Euro je Hektar, reichen jetzt schon nicht aus, um die Wettbewerbsnachteile der heimischen Landwirte gegenüber den Kollegen aus der EU und gar aus Drittländern auszugleichen. Der Markt honoriert über die Produktpreise leider nicht die Leistungen der Landwirte für die Umwelt und den Erhalt der Kulturlandschaft, auch nicht im Ökobereich.

Hat es nicht auch Vorteile, wenn Weizen, Fleisch oder Milchpulver aus Deutschland nach Südamerika verschifft werden?

Rahn-Farr:Der Freihandel selbst ist gar nicht mal das Problem, Agrarprodukte können und sollen weltweit gehandelt werden, auch um regionale Engpässe auszugleichen. Das Problem besteht aber darin, dass hierzulande hohe Auflagen und Regulierungen die einheimische Produktion verteuern. Und dann Produkte importiert werden dürfen, die diese Standards nicht erfüllen. Bei uns vor Ort wird streng kontrolliert, und für die Importe gelten dann die Standards des Herstellerlandes.

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