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Wie viele sexuelle Übergriffe es zwischen Kindern im Wetteraukreis gibt, lässt sich nicht genau sagen. Einige dieser Fälle landen bei der Beratungsstelle Wildwasser Wetterau, dem Jugendamt oder der Polizei. (Symbolbild: ambrozinio/panthermedia)

Kinderschutz

Sexuelle Gewalt unter Kindern im Wetteraukreis: Vorfälle, Zahlen, Hilfe

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Sexuelle Übergriffe zwischen Kindern gibt es immer wieder - auch in Wetterauer Kitas. Wie oft kommt so was vor? Wie sollten sich Erwachsene verhalten und wer hilft Betroffenen?

Es ist ein bestürzendes Szenario, das sich in einer Wetterauer Kita abgespielt haben soll: Eine Sechsjährige lockt andere Mädchen hinter das Haus, zwingt sie, sich auszuziehen und fasst sie an - unangebracht, zwischen den Beinen. Anschließend droht sie den Kindern, etwa: "Wenn du das jemandem erzählst, komme ich zu dir nach Hause und tue deiner Familie weh." Die Vorfälle, von denen mehrere Mädchen betroffen sein sollen, machen bald die Runde unter den Eltern. Angeblich sind Kita-Leitung und Behörden informiert. Aber keiner weiß etwas Genaues. Verunsicherung und Angst machen sich breit. Einige Zeit später muss die Sechsjährige die Einrichtung verlassen. Was bleibt, sind viele Fragezeichen.

"Es gibt bei diesem sensiblen Thema viele Unsicherheiten, Empörungen und spontane Überreaktionen oder schnelle Urteile, aber auch Fragen zum Vorgehen", sagt die Erste Kreisbeigeordnete Stephanie Becker-Bösch über sexuelle Gewalt zwischen Kindern im Allgemeinen. Wie oft kommt so etwas vor? Wie sollten sich Erwachsene verhalten, wann Jugendamt oder Polizei einschalten? Antworten geben die zuständigen Behörden und die Fachberatungsstelle Wildwasser Wetterau.

Sexuelle Gewalt unter Kindern: Mindestens ein Fall im Monat

Sexuelle Übergriffe zwischen kleinen Kindern gibt es immer wieder. Etwa einmal im Monat meldeten sich aufmerksame Erwachsene nach sexuellen Übergriffen zwischen Kindern im Kindergarten- oder Grundschulalter, sagt Miriam Vermeil von Wildwasser Wetterau. Der Verein berät und betreut Mädchen, Jungen und Frauen, die in der Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben, sowie deren Angehörige und Fachkräfte wie Erzieher.

Eine Statistik, die alle sexuellen Übergriffe zwischen Kindern im Wetteraukreis aufführt, gibt es nicht - zum einen, weil Jugendamt, Polizei und Co. nicht immer involviert sind. Zum anderen, weil nicht allen Fälle nachgegangen wird. Beim Jugendamt des Wetteraukreises wurden 2018 weniger als zehn Übergriffe zwischen Minderjährigen gemeldet. Nur in seltenen Einzelfällen seien Kinder unter sechs Jahren betroffen, teilt der Kreis mit.

Bei der Polizei wurden 2018 insgesamt 33 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern im Wetteraukreis angezeigt oder bekannt. Unter den Tatverdächtigen sind sechs Minderjährige, alle älter als elf Jahre, erklärt Polizeipressesprecherin Sylvia Frech. Stehe eine strafbare Handlungen im Raum, sei die Polizei erster Ansprechpartner und vermittele bei Bedarf Kontakt zu anderen Stellen.

Strafmündig sind Minderjährige erst mit Vollendung des 14. Lebensjahres. Kinder unter sechs Jahren seien nicht straffähig, erklärt Polizeisprecherin Corinna Weisbrod. Zur Meldung bei der Polizei sei man in solchen Fällen nicht verpflichtet. Die Polizei sei aber zuständig, wenn Erziehungsberechtigte oder Aufsichtspersonen die Übergriffe nicht sofort beendeten, ignorierten oder gar involviert seien.

Sexuelle Gewalt unter Kindern: Strenge Vorgaben für Kitas

Besteht der Verdacht, dass ein übergriffiges Kind selbst von sexueller oder sonstiger Gewalt betroffen ist, kann das ein Grund sein, Jugendamt und Polizei einzuschalten. Der Fachdienst Jugendhilfe des Wetteraukreises geht Hinweisen auf mögliche Kindeswohlgefährdung nach. Er schätzt das Gefährdungsrisiko für das Kind ein und erstellt ein Schutzkonzept - oft zusammen mit den Eltern. "Hierbei wird auch der Umstand beachtetet, das ›Täterkinder‹ oftmals selbst Opfer von sexuellen Übergriffen waren oder sind", sagt Kreisbeigeordnete Becker-Bösch. Selbst bei Kindeswohlgefährdung besteht jedoch keine Pflicht, das Jugendamt zu informieren.

Strenger sind die Vorgaben jedoch für Einrichtungen. Gibt es etwa einen sexuellen Übergriff zwischen Kindern in einer Kita, muss die Einrichtung die Kitafachaufsicht informieren und sollte mit einem Berater das weitere Vorgehen und eine mögliche Kindeswohlgefährdung prüfen, zum Beispiel über Wildwasser. "Das Thema wird heute nicht mehr unter den Teppich gekehrt wie vor 20 Jahren", sagt Vermeil. Mit dem Wunsch nach Beratung meldeten sich heute vor allem die Einrichtungen selbst, seltener die Eltern. "Vorkommen kann es, aber am Umgang damit zeigt sich auch die Qualität einer Kita. Sie muss umgehend für den Schutz der Kinder sorgen, sich Beratung holen und offen mit den Eltern reden."

Sexuelle Gewalt unter Kindern: Vorfälle richtig ansprechen

"Es ist sehr wichtig, sexuelle Übergriffe ernst zu nehmen - auch im Kindergartenalter - nicht zu bagatellisieren, aber auch nicht zu dramatisieren", sagt Psychologin Vermeil. "Kinder brauchen klare Grenzen, und sie müssen die Konsequenzen ihres Handelns verstehen lernen." Habe ein Kind in der Kita zum Beispiel ein anderes gegen seinen Willen ausgezogen, könne man ihm für eine Woche verbieten, mit dem betroffenen Kind zu spielen sowie in der Nähe der Erzieher zu bleiben. Solche Maßnahmen seien altersabhängig, sollten zeitlich begrenzt sein und nachvollziehbar mit dem Vorfall zu tun haben. Danach habe das Kind wieder eine Chance verdient.

Dem betroffenen Kind solle man zuhören, es ernst nehmen und zeigen, dass man für seinen Schutz sorge. "Das wirkt sich alles sehr positiv auf den Verarbeitungsprozess aus, vor allem, wenn es zeitnah nach dem Übergriff passiert", sagt Vermeil. Auch mit dem übergriffigen Kind solle man das Gespräch suchen und fragen: Wie bist du darauf gekommen, das zu tun? Hat das schon mal jemand bei dir gemacht? Gespräche mit Kindern, Eltern und Erziehern führt auf Wunsch auch Wildwasser.

"Gab es nur einen einzigen Übergriff zwischen zwei Kindern, reicht es in der Regel, mit deren Eltern zu sprechen", rät Vermeil. Seien mehrere Kinder betroffen oder kam es häufiger zu Vorfällen, sei es hingegen ratsam, alle Eltern der Gruppe zu informieren - allerdings ohne die beteiligten Kinder bloßzustellen. Zu empfehlen sei es, die Eltern eher allgemein über kindliche Sexualität aufzuklären und wie sie sich bei Vorfällen verhalten sollten.

Wer hilft bei Übergriffen?

Wildwasser Wetterau:Verein für individuelle Hilfe und Unterstützung für von sexueller Gewalt betroffene Mädchen, Jungen und Frauen. Kontakt und Infos: info@wildwasser.wetterau.de, 0 60 31/6 40 00.

LIEBIGneun:Hilfseinrichtung für Eltern von sexuell übergriffigen Kindern in Gießen; auch in der Wetterau aktiv. Kontakt und Infos: 0641-7970958, kontakt@liebigneuen.de, www.liebig9.de.

Jugendamt:Beratung und Hilfe für Betroffene, Eltern und Fachkräfte; zuständig bei Kindswohlgefährdung (je 0 60 31/83-): Fachdienst Jugendhilfe: J. Messerschmidt (- 32 00), Fachstelle Allgemeiner Sozialer Dienst: K. Riemenschneider (-32 02), Kinderschutzteam (-32 32, kinderschutz@ wetteraukreis.de), Fachstelle Erziehungsberatung: Y. Messinger (-36 20), ISEF-Beratung für Fachkräfte (-36 17).

Polizeiist Ansprechpartner, wenn strafbare Handlungen im Raum stehen. Zum Beispiel Direktion Wetterau: 0 60 31/60 10.

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