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Ein 72-Jähriger soll es auf das Geld anderer Leute abgesehen haben. Wegen Anlagebetrugs und Steuerhinterziehung steht der geständige Mann nun vor Gericht. Unklar ist, welche Rolle seine Frau und sein Sohn bei der ganzen Sache gespielt haben. (Symbolfoto: dpa)

Schneeballsystem?

Prozess: Wetterauer soll 37 Menschen um ihre Ersparnisse gebracht haben

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Hat ein Anlageberater aus dem Wetteraukreis vielen Menschen eine faustdicke Lüge aufgetischt, um an deren Geld zu kommen? Mit dieser Frage beschäftigt sich gerade das Gießener Landgericht.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft sieht alles nach einem ausgeklügelten Schneeballsystem aus: Mit falschen Angaben konnte ein Mann aus dem Wetteraukreis 37 Menschen aus seinem näheren und weiterem Umfeld Geld aus der Tasche ziehen, um es selbst zu verbrauchen. Wegen dieses Vorwurfs müssen sich ein 72-Jähriger, seine zwei Jahre jüngere Ehefrau und deren gemeinsamer Sohn jetzt vor der Wirtschaftskammer am Gießener Landgericht verantworten.

Oberstaatsanwältin Löw wirft den dreien vor, gemeinschaftlich in 37 Fällen Personen um ihre Ersparnisse - jeweils zwischen 10 000 und 155 000 Euro - gebracht zu haben. Sie hätten ihnen weisgemacht, dass mit Blockheizkraftwerken das große Geld zu machen sei. In mehreren Fällen sei sogar die Rede von der Verdopplung des Einsatzes innerhalb von nur sechs Monaten gewesen. Von Ende 2010 bis Ende 2014 konnte der Angeklagte so mehrere Hunderttausend Euro einsammeln. Da er einen Teil davon wieder als angebliche Rendite an seine Geldgeber ausschüttete, blieb am Ende ein Schaden von 545 140 Euro übrig.

Hinzu kommen Steuerschulden. So hatte der Mann 2010 und 2011 gegenüber dem Finanzamt Abschläge für Investitionen, die es gar nicht gab, in Höhe von knapp 80 000 Euro geltend gemacht. Ähnliche Beträge für 2012 und 2012 hatte das Finanzamt nicht anerkannt. In diesen beiden Fällen blieb es beim Versuch. Auch deswegen fordert die Oberstaatsanwältin für die drei wegen gemeinschaftlichen Handelns eine Bestrafung wegen Betrugs und darüber hinaus für die Eheleute eine zusätzliche Strafe wegen Steuerhinterziehung.

Wetterauer vor Gericht: Über eine halbe Million Euro

Vor Gericht nahm der Angeklagte alle Schuld auf sich. Er sei zu blauäugig gewesen und habe es mit aller Gewalt seiner Frau gleichtun wollen, die es als Ärztin auf ein Jahreseinkommen von 140 000 bis 160 000 Euro brachte. Er habe nach der Volksschule zunächst eine Lehre gemacht, habe seinen Beruf dann aber später wegen einer Allergie nicht ausüben können. Er sattelte um und wurde Versicherungsvertreter.

"Zu diesem Zeitpunkt ging es uns richtig gut. Wir hatten zwei Kinder und bereits ein kleines Vermögen auf dem Konto." War es Habgier oder das Überstehen einer schweren Erkrankung, die den Mann ab 2009 aus der Bahn warf? "Nein, ich wollte meiner Frau nur ein gleichwertiger Partner sein", sagte der Angeklagte. Zunächst investierte er in Immobilien vor allem in der ehemaligen DDR. Doch irgendwann war der Boom vorbei und das Geld versiegt. Am Ende stand der Konkurs.

Um wieder schnell an viel Geld zu kommen, begann er, Photovoltaikanlagen zu verkaufen. Dabei lernte er einen Geschäftsmann kennen, der ihn davon überzeugte, dass mit Blockheizkraftwerken noch viel mehr Geld zu verdienen sei. Und so stieg er erneut um.

Da er nach der Immobilienpleite Konkurs hatte anmelden müssen, gründete er auf den Namen seines Sohnes eine Energieanlagenfirma. Darüber wickelte er alle Geschäfte ab. "Weder meine Frau noch mein Sohn hatten Ahnung davon, was ich wirklich machte", betonte der Angeklagte.

Wetterauer vor Gericht: Lockmittel für neue Geldgeber

Das Einsammeln von Gelder für die vermeintlichen Blockheizkraftwerke (BHKW) lief so gut, dass er 125 000 Euro als Einlage für eine zu gründende Aktiengesellschaft lockermachen konnte. Diese Gesellschaft sollte in Eigenregie BHKW mit neuester Technik bauen und vertreiben. Doch außer einem ausgeliehenen BHKW als Lockmittel für neue Geldgeber gab es keine Fortschritte. Da er diesen aber sofortige Rendite versprochen hatte, musste er auf die Einlagen zurückgreifen. "Ich schwöre, ich habe von den Gelder nichts für mich abgezweigt", versuchte der Angeklagte das Gericht umzustimmen.

Das indes mochte kaum glauben, dass er vier Jahre gutgläubig gewesen sei und keinen Verdacht gegenüber dem anderen Geschäftsmann geschöpft habe. "Momentan sieht das nach einem simplen Schneeballsystem aus. Mit neuem Geld alte Gläubiger bezahlen, bis die Kasse leer ist", meinte der Vorsitzende Richter Holtzmann. Zumindest eines aber scheint das Gericht dem 72-Jährigen abzunehmen: Seine Frau und sein Sohn haben mit den Geschäften nichts zu tun. Aber noch steht der Prozess am Anfang. Er wird in diesen Tagen fortgesetzt.

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