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Seit über 20 Jahren spricht Psychologin Miriam Vermeil mit Kindern, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Manchmal geht das besser, wenn eine Handpuppe mit dabei ist.

Doktorspiele

Kindliche Sexualität oder Übergriff? Eine Wetterauer Psychologin ordnet ein

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Wenn Kinder ihre Sexualität entdecken, wirft das bei Eltern mitunter Fragen auf. Was ist normal, was sexuelle Gewalt? Das weiß Psychologin Miriam Vermeil von Wildwasser Wetterau.

Welche Erfahrungen mit Sexualität sind bei Kindergartenkindern "normal" und gehören zur Entwicklung?

Miriam Vermeil:Kinder erleben von klein auf Körperlichkeit und haben Spaß daran. Anfangs bezieht sich das vor allem auf den eigenen Körper. Ab dem Kindergartenalter, ab drei bis vier Jahren, steigt die Neugier darauf, wie andere nackt aussehen. Sie schauen hin, untersuchen sich und fassen sich auch mal an. Diese kindliche Sexualität unter Gleichaltrigen nennt man auch Doktorspiele. In der Entwicklung ist das ganz normal.

Also sollte man sie einfach machen lassen?

Vermeil:Nein. Man sollte die Kinder begleiten, klare Regeln aufstellen und Grenzen setzen. Zum Beispiel: Es ist in Ordnung, dass ihr Euch auszieht und anschaut, aber es ist wichtig, dass alle beteiligten Kinder auch mitmachen wollen. Natürlich darf auch niemand verletzt werden oder Dinge eingeführt werden. Wo die Grenzen liegen, entscheiden die Eltern. Manche finden anschauen okay, anfassen aber nicht. Auch die Regeln der Kitas spielen eine Rolle. Wenn sie Raum für körperliche Erfahrung bieten, muss klar sein, wann und wo. Beim Mittagessen in der Gruppe wäre das zum Beispiel unpassend.

Wie erkenne ich einen sexuellen Übergriff zwischen Kindern?

Vermeil:Wenn ein Kind gezwungen wird, mitzumachen oder übergangen wird, dass es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr möchte - Unfreiwilligkeit ist ein klares Zeichen für einen sexuellen Übergriff. Oft ist das übergriffige Kind zudem älter, stärker oder angesehener - übt also Macht aus. Bei Doktorspielen sind zwei Jahre Altersunterschied schon kritisch. Ein Sechsjähriger hat meist ein ganz anderes Standing als ein Vierjähriger. Als Warnsignal zu werten ist außerdem, wenn Kinder Praktiken aus der Erwachsenensexualität anwenden, also einen Finger oder den Penis einführen oder ihn in den Mund nehmen.

Wie kommen Kinder auf solche "erwachsenen" Sexpraktiken?

Vermeil:Das kann verschiedene Ursachen haben. Sie können es gesehen haben, etwa wenn sie ins Elternschlafzimmer geplatzt sind oder in Pornos, die nicht sicher verstaut waren. Möglich ist auch, dass sie selbst schon solche Erfahrung gemacht haben, etwa durch Missbrauch.

Was steckt dahinter, wenn Kinder sexuelle Gewalt ausüben?

Vermeil:Dass übergriffige Kinder selbst sexuelle Gewalt erlebt haben, ist meist die erste Vermutung. Aber das muss nicht der Fall sein. Ein Kind will durch einen Übergriff meist Macht ausüben. Diesen Impuls kann es auch haben, wenn es zu Hause geschlagen wird. So ein Vorfall zeigt also vor allem, dass es einem Kind nicht gut geht. Was genau dahinter steckt, müssen Eltern, Pädagogen und Einrichtungen wie Wildwasser dann im Einzelfall herausfinden.

Und wie geht es den betroffenen Kindern damit?

Vermeil:Wird sexuelle Gewalt von Jugendlichen oder Erwachsenen ausgeübt, ist das für Kinder meist eine traumatische Erfahrung. Durch das große Machtgefälle fühlen sie sich hilflos und ausgeliefert. Manche haben Todesangst. Das kann man bei Übergriffen durch andere Kinder nicht pauschal sagen. Für manche ist es heftig, aber viele fühlen sich in der Situation mit anderen Kindern nicht so hilflos und können einen solchen Übergriff besser verarbeiten.

Also leiden die Kinder als Erwachsene nicht mehr darunter?

Vermeil:Es kann sein, dass ein Übergriff in der Kindheit Folgen bis ins Erwachsenenalter hat - etwa wenn die Kinder mit niemandem darüber sprechen konnten und es mehrfach über einen längeren Zeitraum Übergriffe gab.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor sexuellen Übergriffen durch andere Kinder zu schützen?

Vermeil:Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Hilfreich ist es aber, seine Kinder zu selbstbewussten Menschen zu erziehen, sie zu eigenen Entscheidungen zu ermutigen und ihnen zu zeigen, dass sie über alles sprechen dürfen. Solche Kinder können sich besser gegen sexuelle Übergriffe wehren, aber auch gegen Mobbing oder Erpressung. Das kann aber auch heißen, dass ein Kind mal keine Umarmung von der Oma oder einen Gute-Nacht-Kuss von mir bekommen will. Damit muss man dann leben. Natürlich muss man aber nicht jede Gegenwehr eines Kindes akzeptieren. Wenn ein Kind nicht Zähne putzen will, kann man noch einmal erklären, wie wichtig das ist, danach muss es aber sein. Kinder dürfen Nein sagen, aber es ist nicht ihre Pflicht. Eltern sollten darauf achten und erkennen, wenn dem Kind eine Situation unangenehm ist, und was gut für es ist. Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen, die Kinder zu schützen.

Was macht Wildwasser Wetterau?

Wildwasser Wetterau ist ein gemeinnütziger Verein mit Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt in der Kindheit. Die vier Mitarbeiterinnen beraten und betreuen Kinder, Mädchen und Frauen, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben oder noch erleben, sowie deren Angehörige. Therapeutisch behandelt werden Mädchen und Jungen ab drei Jahren. Jungen ab zwölf Jahren verweist die Stelle an Pro Familia. Auch Erzieher, Kitas, Schulen und andere Fachkräfte können sich an Wildwasser wenden. Neben Beratung gibt es Kurse, z. B. zur Stärkung von Kindern oder zur Kindeswohlgefährdung für Fachkräfte. Die Beratungsstelle in Friedberg (An der Burg 18) ist erreichbar unter 0 60 31/6 40 00 (Mo. 10-12 Uhr, Di. 11-13 Uhr, Do. 13-14 Uhr).

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