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Was ist das Besondere an der Kaiserstraße? Einzelhändler Ulf Berger ("Lederwaren Steck" wird von TV-Journalistin Silke Klose-Klatte (l.) interviewt.

Film-Dreh in Friedberg

Kaiserstraße Friedberg wird zum Filmset

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Ein Filmteam des Hessischen Rundfunks dreht derzeit eine Dokumentation über die Friedberger Kaiserstraße. Anfang 2020 soll das Werk im Fernsehen zu sehen sein.

Ulf Berger betritt den Laden. Er hat eine zerknautschte Ledertasche in der Hand, vom Lastenfahrrad bis zur Ladentür sind es nur wenige Schritte. Ulf Berger geht so, wie alle gehen, wenn sie aufgefordert werden, genau dies zu tun: etwas steif und eckig. Die Kamera folgt ihm und verharrt, als er den Laden betritt, auf dem Firmenlogo von Lederwaren Steck. "Bitte noch einmal", sagt Fernsehjournalistin Silke Klose-Klatte. "Und nicht so langsam gehen, vielleicht ein bisschen beherzter."

Filmdreh in Friedberg: Geduld ist gefragt

Es soll authentisch wirken. Also betritt Ulf Berger noch einmal den Laden. Und noch einmal und auch ein viertes Mal, weil das Werbeschild von der Bäckerei weggeräumt werden muss und Passanten der Kamera ausweichen. Als sich vier Schulmädchen nähern und unbekümmert durchs Bild laufen, macht sich Berger wieder auf den Weg. "Das war’s", sagt Klose-Klatte und überprüft, was Kamerafrau Katja Brinkmann und Tontechniker René Biernat eingefangen haben: "Die Kinder sind nicht zu erkennen." Datenschutz! Und Ulf Berger geht authentisch.

Berger ist einer der Protagonisten einer HR-Reportage über die Friedberger Kaiserstraße. Er muss, als er mit dem Lastenrad zu seinem Laden gefahren ist, jede Menge Geduld mitgebracht haben. In der nächsten Kameraeinstellung durchquert er das schmale Ladengeschäft und verschwindet in der Werkstatt, während die Kamera einen Schwenk auf seine Mitarbeiterin Hedwig Mayer macht, die Rucksäcke aus dem Regal holt. Auch diese Szene wird mehrmals gedreht. Mal betritt eine Kundin den Laden, mal bringt der Briefträger die Post, und dann platzt der Fahrer eines Paketdienstes herein.

Filmdreh in Friedberg: Lob für die Kaiserstraße

Von der Ledertasche wird noch eine Nahaufnahme gemacht: das knautschige, leicht abgelebte, aber dennoch Charme versprühende Design der alten Tasche: Gilt das nicht auch für die Kaiserstraße insgesamt? Auch Fernsehjournalisten müssen Geduld mitbringen. Vor allem müssen sie die Fähigkeit haben, ihre Protagonisten dazu zu bringen, das Gleiche immer wieder zu sagen, nur mit anderen Worten. Zeitungsjournalisten können die Antworten ihrer Interviewpartner kürzen und Passagen streichen. Beim Film ist das schwieriger. "Du schaust nicht in die Kamera, sondern zu mir", sagt Klose-Klatte zu Berger. Sie steht neben der Kamerafrau, stellt ihm Fragen. Der erste Versuch klappt recht gut. Wie es dem Einzelhandel in Friedberg gehe? "Es ist wie in der Landwirtschaft. Wir Kaufleute sind nie zufrieden", sagt Berger mit einem Schmunzeln.

Die nächste Kameraeinstellung: drei Taschen und ein Bauhaus-Bildband. Zwei Studenten aus Weimar haben die Taschen aus dem Material alter Friseurstühle gefertigt, Berger hat das Start-up-Unternehmen unterstützt. Nun bietet er die Taschen in seinem Laden an, neben Geldbeuteln aus Feuerwehrschläuchen und Rucksäcken aus Airbags. Auf besondere Dinge hat es Klose-Klatte abgesehen. Die Kaiserstraße mit ihren vielen Traditionsgeschäften hebe sich gegenüber ähnlichen Straßen wohltuend ab, sagt sie. "Das ist ein wunderbarer Kontrast zum Einheitsbrei in den Einkaufszentren."

Filmdreh in Friedberg: Reportage wird 45 Minuten dauern

Seit dem Sommer arbeitet Klose-Klatte an der 45-minütigen TV-Reportage, die Anfang 2020 im HR in der Sendereihe "Erlebnis Hessen" zu sehen sein wird. Auf die Idee habe sie die Friedberger Journalistin und PR-Agentin Jutta Himmighofen gebracht. Klose-Klatte sprach mit Kulturamtsleiterin Christine Böhmerl, traf sich mit dem Friedberg-Forum, recherchierte Geschichten, plante die Drehtage. Das Filmteam war im August bei "Friedberg spielt" dabei, wird bei der "Friedberger Kulturnacht" am 12. Oktober Aufnahmen machen. Am Mittwochabend wurde in einem der Keller unter der Kaiserstraße und in der "Dunkel" gedreht. Drohnenaufnahmen waren für Freitag geplant.

Außerdem fehlt noch eine Einstellung, die Ulf Berger zeigt, wie er mit seinem quietschblauen Lastenrad über die Kaiserstraße fährt. Im Film startet er bei "Friedberg spielt" unter strahlendem Sonnenschein auf dem Elvis-Presley-Platz und kommt nach wenigen Metern vor seinem Laden an. Nur dass es dort am Dienstagvormittag neblig war, von Sonne keine Spur. Ob es Klose-Klatte und ihrem Filmteam gelungen ist, diesen harten Schnitt zu kaschieren?

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