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Ein Bild, das man im Sommer spätabends in der Friedberger Altstadt regelmäßig beobachten kann: Männergruppen stehen zusammen, unterhalten sich laut und bereiten den Anwohnern schlaflose Nächte.

Ein Paar klagt an

Friedberger Altstadt: Keine Hilfe von der Polizei

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Immer Ärger mit der Altstadt. Für Friedberg könnte man eine ganze Serie über dieses Thema schreiben: Müll, Lärm, Falschparker, Drogenhandel. Ein Paar fühlt sich von der Polizei im Stich gelassen.

Er sei nie ein richtiger Stadtmensch gewesen, sagt Alfonso Paredes. "Aber als meine Freundin mir diese Wohnung in der Altstadt gezeigt hat, war ich begeistert." Von den alten Holzbalken, den schiefen Wänden, dem Flair. Er und seine Partnerin Liana Gigineishvili hatten vor ihrem Einzug zwar gehört, wie es in der Altstadt zugehen soll. Sie hielten das aber für übertrieben. Die Verlockung, eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, war zu groß. Paredes: "Es ist schön zu sehen, wie beliebt Altstädte sind, wo sich Menschen treffen und Kinder spielen."

Nach vier Monaten weiß das Paar, das dieses Urteil auf die Friedberger Altstadt eher nicht zutrifft. Paredes und Gigineishvili wohnen in der Nähe des Fünf-Finger-Platzes. "Was wir hier jeden Tag erleben, ist von dem, was wir uns vorgestellt haben, weit entfernt", sagt Paredes. Männergruppen, die auf dem Fünf-Finger-Platz vor Lokalen rauchen und laut diskutieren, sieht man dort oft. Mindestens einer aus der Gruppe spuckt Schalen von Sonnenblumenkernen auf den Boden. Müll fliegt in den Brunnen oder daneben. Die Stadtreinigung sammelt jeden Morgen Zigarettenkippen, Bierflaschen und Verpackungen ein.

Oft sei es richtig unangenehm, an diesen Gruppen vorbeizulaufen, sagt Paredes. Die richtige "Party" aber beginne erst spät am Abend: "Aus den Kneipen dröhnt die ganze Nacht lang laute Musik." Im Sommer stehen die Fenster der Kneipen offen. "Öffnen wir unsere Fenster, dringt Zigarettenrauch rein. Manchmal lehnen sich die Männer auch an unsere Fenster", erzählt Gigineishvili. Die Gespräche direkt vorm Wohnzimmerfenster seien nicht zu überhören. "Spricht man die Leute an, sind sie freundlich, entschuldigen sich und gehen weiter. Dann kommt die nächste Gruppe und es geht von vorne los."

Ärger mit der Altstadt: Gespräche direkt vor dem Fenster

Eine frustrierende Situation. Ihren Ärger hat Gigineishvili in einem Facebook-Eintrag niedergeschrieben. Im Mittelpunkt der Kritik steht eine Shisha-Bar: "Erneut haben wir uns gestern in einer Kneipe … wegen Lärmbelästigung beschwert. So was demütigendes habe ich noch nie erlebt", schreibt sie. "Sie haben mich als Frau und als Mensch beleidigt. Ich habe mich bedroht gefühlt. Ich weiß nicht, wie weit alles gegangen wäre, wenn mein Freund nicht aufgetaucht wäre, um mich abzuholen. Ich bin zusammengebrochen, habe die ganze Nacht nur geheult. Mein Freund sollte schon um 6 Uhr auf der Arbeit sein. Wir haben kein Auge zugemacht. Wir hatten Angst vor Repressalien."

Vor dem Besuch verständigten Paredes und Gigineishvili die Polizei. Das haben sie schon öfter getan, mittlerweile aber fühlen sie sich von den Ordnungshütern "im Stich gelassen". Einige Polizeibeamte seien "ziemlich frech" gewesen, hätten ihnen "schlaue Ratschläge" gegeben, die alles, nur nicht schlau waren: "Gehen Sie erst mal selbst raus und reden Sie mit den Leuten, dann erst rufen sie Polizei an", hätten sie zu hören bekommen. Mit dem Ergebnis, dass einer der Gäste sie habe angreifen wollen.

Oder sie bekamen am Telefon zu hören: "Gehen sie einfach schlafen oder von mir aus eine Runde spazieren" - ein Vorschlag, der ihnen gegen 2 Uhr in der Nacht unterbreitet wurde. Ein Beamter habe während des Telefongesprächs einfach aufgelegt. Beim jüngsten Ärger über den Lärm aus der Shisha-Bar sei eine Polizeistreife nach zwei Anrufen erst 40 Minuten später vorbeigekommen. Die Beamten hätten keine Ruhestörung feststellen können und seien wieder losgefahren, ohne die Kneipe zu betreten. "Wir sind ziemlich enttäuscht", sagt Gigineishvili.

"Seit wir hier am Fünf-Finger-Platz wohnen, hassen wir Wochenenden, Feiertage und den Sommer." Und unter der Woche sei es auch oft laut. "Unsere Gesundheit ist gefährdet. Unser berufliches und privates Leben ist beeinträchtigt. Die Polizei hilft uns nicht, im Gegenteil, sie schicken uns raus zu betrunkenen und respektlosen Leute." Immerhin habe sie im Ordnungsamt ein offenes Ohr gefunden, sagt Gigineishvili. So ganz ist die Hoffnung auf ruhige Nächte noch nicht gestorben.

Ärger mit der Altstadt: Polizeistreifen unterwegs

Die Polizei hat zu dem Facebook-Post über Probleme in der Friedberger Altstadt Stellung bezogen. Ruhestörungen und andere Vorkommnisse in Zusammenhang mit Altstadt-Kneipen stünden "grundsätzlich auf der Agenda" der Polizeistation Friedberg, teilt Pressesprecherin Corinna Weisbrod mit. Es gebe einen Kontaktbeamten zur Stadt Friedberg, der in regelmäßigem Austausch mit den Mitarbeitern des Ordnungsamtes stehe. Ebenso gibt es vom Ordnungsamt Friedberg einen Quartiersbeauftragten für die Altstadt. "So sollen, ohne lange Meldewege, zeitnah Probleme thematisiert und gelöst werden." Die angesprochene Shisha-Bar sei jedoch "noch nicht in den Fokus geraten". Der Stadt sei das Lokal aber bekannt. Weisbrod: "Das Thema ›Ruhestörung‹ gehört zu den Aufträgen, die uns als Polizei insbesondere in den warmen Sommermonaten häufig gemeldet werden. Die Kollegen arbeiten diese Aufträge im Rahmen ihrer Streifen ab. Es kann allerdings vorkommen, dass aufgrund der Priorisierung von Aufträgen diese hintenan stehen." Dies könne der Fall sein, wenn zeitgleich Verkehrsunfälle oder Körperverletzungsdelikte gemeldet werden. "Es kann dann auch mal zu Wartezeiten kommen." Im speziellen Fall der jungen Anwohnerin sei es jedoch nicht möglich, konkret nachzuvollziehen, wann und wo die Meldungen eingingen. "Die Polizei in Friedberg und auch auf anderen Dienststellen der Wetterau ist für die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger da. Wir bitten um Mitteilung von Sachverhalten. Die Aufforderung, sich selbst um Angelegenheiten zu kümmern, bezieht sich lediglich auf solche, die durch ein Gespräch zu klären sind und in denen man sich keiner Gefahr aussetzt."

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