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Familienprojekt

Friedberger Schauspieler gibt Jack London eine Stimme

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
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Kino im Kopf - das schaffen Hörbücher. Der Friedberger Schauspieler Mathias Herrmann hat gerade Geschichten von Jack London eingelesen. Im Tonstudio seines Bruders Moritz und in Zusammenarbeit mit seiner Schwester Friederike.

Das neue Hörbuch ist ein Familienprojekt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Schon in meiner Jugend hatte ich zwei der großen Romane von Jack London gelesen, »Der Seewolf« und »Ruf der Wildnis«. Vor einigen Jahren hat mir mein Vater dann einen Band mit Meistererzählungen zu Weihnachten geschenkt. Die Lektüre hat mich umgehauen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Diese Erzählungen schrien förmlich nach Publikum, und ich wollte meine Begeisterung teilen. Also habe ich eine Lesung konzipiert. Zwei der Geschichten habe ich daraufhin in der Buchhandlung Bindernagel in Friedberg sowie in Butzbach live gelesen. Die Reaktionen darauf waren so überwältigend - da lag die Idee nahe, auch ein Hörbuch aufzunehmen.

Es wurde im Tonstudio Breadmaker Ihres Bruders Moritz in Friedberg produziert. Wie klappte die Zusammenarbeit der Brüder?

Moritz und ich sind ja mittlerweile ein eingespieltes Team. Die Texte Jack Londons sind unser fünftes gemeinsames Hörbuch. Für mich als Schauspieler ist es natürlich ein großes Glück bei dieser Art von Arbeit einen kompetenten Tontechniker an der Seite zu haben.

Welche Impulse gibt Ihnen Moritz, wenn Sie die Texte einlesen?

Wenn ich nach intensiver Vorbereitung ins Studio gehe, habe ich sehr genaue Vorstellungen davon, was ich und wie ich es erzählen möchte. Und dann ist mein Bruder zunächst einmal mein erster unbefangener Zuhörer. Den muss ich mit auf die Reise nehmen, ihn fesseln. Wenn das an manchen Stellen nicht überzeugend ist, kommt selbstverständlich Feedback und dann wird ein bisschen »geschraubt«.

Kommt Ihnen Ihre Arbeit und Ausbildung als Schauspieler beim Einsprechen zugute?

Ohne Frage. Der Beruf erfordert doch das Einfühlen in Situationen und die überzeugende Gestaltung unterschiedlichster Figuren. Die Sprache ist eins unserer wichtigsten Ausdrucksmittel. Für mich als Schauspieler ist eine lebenslange Beschäftigung damit unerlässlich.

Was ist im Tonstudio im Vergleich zur Arbeit im Film oder im Theater besonders schwierig?

Vor der Kamera oder auf der Bühne kann ein Blick mehr sagen als tausend Worte. Diese Möglichkeit hat man nicht, wenn man vor einem Mikrofon sitzt. Es geht also um Reduktion, um eine Verdichtung auf das Wort und dessen Klang.

Wie muss man sich das beim aktuellen Hörbuch vorstellen?

Auf unserer Jack-London-CD hören Sie seine Biografie und drei Geschichten, die vom Charakter her sehr unterschiedlich sind. »Chun Ah Chun« hat einen leicht märchenhaften, ironisierenden Ton. »Das Gesetz des Lebens« erzählt aus der Sicht eines alten Mannes, der kurz vor seinem Tod sein Leben Revue passieren lässt. Das braucht eine ganz andere Haltung, einen ganz anderen Klang. Und »Der Mexikaner« lebt vom Geheimnis und einer Fülle von Figuren, die genau getroffen sein wollen.

Wie ist das bei der Biografie?

Die Biografie wollte ich nicht in irgendeinem Booklet beilegen, sondern habe sie ebenfalls eingesprochen, weil das viel zu kurze Leben Jack Londons so unglaublich aufregend war. So voller Ereignisse, Anstrengungen, Erfolgen und Abstürzen, dass andere Menschen vier Leben gebraucht hätten um all das hineinzupflanzen. Jack London war »wie eine Kerze, die an zwei Enden brennt«, das kann man sicher über ihn sagen.

Was reizte Sie an Jack London?

Es ist dieses enorme literarische Pfund, mit dem er wuchert. Mitreißend, direkt und kraftvoll sind diese Erzählungen, wie ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte?

»Das Gesetz des Lebens« ist in meinen Augen eine echte »Weltgeschichte«. Da ist alles drin über das Leben. Alles, was es bedeutungsvoll und nichtig macht. Das hat mich tief berührt und umgetrieben. Schon während meiner Live-Auftritte hätte man bei dieser Erzählung eine Stecknadel fallen hören können.

Wie lange hat es gedauert, bis das Hörbuch fertig war?

Es ist ja das Schöne an der Arbeit mit meinem Bruder, dass ich mir Zeit lassen darf. Zu Hause kann ich das Material noch mal in Ruhe nachhören und gegebenenfalls entscheiden, einen neuen Versuch zu starten. Ich glaube, wir hatten vier Aufnahmesitzungen.

Das Hörbuch wird über die Buchhandlung Bindernagel vertrieben. Welchen Einfluss hat Ihre Schwester als Inhaberin der Buchhandlung auf das Projekt?

Wir beide sind seit Jahren kontinuierlich im Gespräch über gemeinsame neue Projekte. Denken Sie nur an die unzähligen Lesungen, die meine Schwester mit mir veranstaltet hat. Nachdem wir vor zwei Jahren »Die schönsten Balladen« für Bindernagel aufgenommen hatten, die weiterhin auf große Nachfrage stoßen, wünschte sich Friederike ein neues Hörbuch für ihren Verlag. Sie war ein Fan meiner Lesung und da landeten wir ganz schnell bei der Idee, das Ganze noch auszuweiten.

Und dann kamen Sie beide schnell auf Jack London?

Wir wollten Jack London einer größeren Hörerschaft zugänglich machen. Sie ist natürlich der Auftraggeber, und sämtliche Details werden mit ihr abgesprochen. Sie ist es auch, die die grafische Darstellung absegnet, nur inhaltlich, da lässt Sie mir freie Hand.

Hat das Hörbuch wieder an Popularität gewonnen? Wenn man an aufstrebende Anbieter wie Audible denkt.

Ich glaube nicht, dass das Hörbuch jemals an Popularität verloren hat. Es ist doch eher so, dass es sich mittlerweile zu einem festen Bestandteil unseres Nutzungsverhaltens entwickelt hat. Und das ist ja auch gut so. Das Bedürfnis nach aufwühlenden Geschichten, toll erzählt, wird immer ungebrochen bleiben. Die Seele braucht schlicht Nahrung.

Gerade in der aktuellen Situation können Hörbücher eine willkommene Abwechslung sein, oder?

Bei der vielen Zeit, die wir gezwungenermaßen in unseren eigenen vier Wänden verbringen - aber klar doch.

Hören Sie selbst gerne Hörbücher?

Ja. Ich bin ein »Auto-Hörer« und liebe es, mir die Fahrzeit mit einer guten Geschichte zu vertreiben.

Haben Sie ein Lieblingshörbuch oder einen Lieblingssprecher?

Ich bin ein großer Fan des leider verstorbenen Hans Korte. Sein Hörbuch mit Erzählungen von Somerset Maugham habe ich mehrfach gehört, es bleibt unvergesslich. Aber es gibt selbstverständlich eine ganze Reihe von glänzenden Kolleginnen und Kollegen, denen es ebenfalls gelingt, Erzählungen einen ganz eigenen, faszinierenden Atem einzuhauchen.

Welches Buch würden Sie gerne noch einlesen?

Jede neue Lektüre überprüfe ich unbewusst auch aufs Einlesen. Es gibt also vieles. Im Moment lese ich »Löwen wecken« der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen. Glänzend geschrieben, sehr bewegend. Das würde mir Freude machen, aber ich weiß gar nicht, ob es das nicht schon als Hörbuch gibt.

Wie geht es Ihnen als Schauspieler in der aktuellen Situation?

Das ist natürlich immer wieder bedrückend. Die finanzielle Situation wird prekärer. Wenn man bedenkt, dass unsereins durch den vermaledeiten Virus im vergangenen Jahr monatelang de facto mit einem Berufsverbot belegt war. So viele Auftritte sind weggebrochen. Ganz zu schweigen von dem fehlenden Kontakt zum Publikum, den ich schrecklich vermisse. Aber ich will nicht klagen.

Können und dürfen Sie derzeit arbeiten?

Zum Glück darf ich im Moment wenigstens probieren. Mit »3 Männer und 1 Baby« werde ich auf Theatertournee gehen. Unsere Premiere Ende Januar wird zwar sicher noch nicht stattfinden können, aber wir sind gespannt, ob und wann und auch vor wie vielen Zuschauern wir letztendlich auftreten dürfen. Mal sehen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf und wer weiß, vielleicht spielen wir ja dann auch in Friedberg.

Bis dahin kann man sich hier in die aufregende Welt des Jack London stürzen. Also, auf zu Bindernagel oder einer anderen Buchhandlung des Vertrauens.

Jack London: Der meistgelesene Autor seiner Zeit

Als der Schriftsteller Jack London 1916 verstarb, war er gerade mal 40 Jahre alt. Und doch liest sich sein kurzes Leben wie ein Roman: Er war Vagabund, Gold- sucher, Seemann, Bohemien, Journalist, Bauer und Sozialist - und er war der meistgelesene Autor seiner Zeit. Über 50 Bücher hat er in seinem kurzen Leben veröffentlicht wie »Der Seewolf«, »Ruf der Wildnis« oder »Wolfsblut«.

Die zwei CDs mit Erzählungen des Autors, die Schauspieler Mathias Herrmann eingelesen hat, sind kürzlich erschienen. Über 150 Minuten kann man tief in die Welt von Jack London eintauchen. Jede der Erzählungen zeugt auf ihre Art von der großen Erzählkunst des Schriftstellers.

Bestellungen bei der Buchhandlung Bindernagel werden derzeit per E-Mail, im Internet oder telefonisch angenommen. www.bindernagel.com, buecher@bindernagel.com. Telefon 0 60 31/73 23 0. pm

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