Heizen ist teurer geworden und wird noch teurer werden. Beim Blick auf den Winter dürfte so mancher Wohnungsbesitzer oder Mieter die Hand nicht mehr allzu locker am Thermostat haben. SYMBOLFOTO: IMAGO
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Heizen ist teurer geworden und wird noch teurer werden. Beim Blick auf den Winter dürfte so mancher Wohnungsbesitzer oder Mieter die Hand nicht mehr allzu locker am Thermostat haben. SYMBOLFOTO: IMAGO

Energiepreis-Krise

Ovag stoppt Gas-Kundenaufnahme - „Momentan kein seriöses Angebot“

  • Christoph Agel
    VonChristoph Agel
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Gas- und Strompreise sind in Deutschland gestiegen und steigen weiter. Die Ovag in Friedberg nimmt derzeit keine neuen Gaskunden auf. Vertriebsleiter Holger Ruppel sagt, warum das so ist.

Friedberg - In Deutschland, ja in Europa ächzen Menschen und Unternehmen unter steigenden Gas- und Strompreisen. Die Wirtschaft hat nach der Corona-Delle wieder Fahrt aufgenommen, die Nachfrage ist enorm, das Angebot überschaubar. In dieser Gemengelage dürften auch viele Wetterauer sorgenvoll auf den Winter schauen und die Nebenkostenabrechnung vor Augen haben, wenn sie die Heizung aufdrehen.

Das Problem ist eines der Endkunden, aber auch eines der Energieversorger. Das macht Holger Ruppel, Vertriebsleiter der in Friedberg ansässigen Ovag, deutlich. Das Unternehmen hat die Notbremse gezogen, nimmt vorerst keine neuen Gaskunden an.

Wie kam es zu der Entscheidung, keine neuen Gaskunden mehr anzunehmen?

Ruppel: Die Entwicklung der Großhandelspreise hat derzeit einen derart schnellen Anstieg, dass Gastarife von heute auf morgen bereits kostenunterdeckend würden. Daher kann momentan kein seriöses Angebot - also ohne exorbitanten Risikoaufschlag - gemacht werden. Dies entspricht nicht der Einstellung der Ovag zum nachhaltigen Umgang mit unseren Kunden.

Wie lange werden Sie keine neuen Gaskunden mehr annehmen?

Ruppel: Das kommt darauf an, wie lange diese Preisentwicklung noch besteht. Wir wollen schnellstmöglich wieder seriös anbieten und beobachten den Markt jetzt jeden Tag genau, entscheiden dann kurzfristig, d. h. Angebote werden bei entsprechenden Voraussetzungen sofort wieder verfügbar gemacht.

Ovag (Friedberg) zu Preisen: „Strom hat sich etwa verzweieinhalbfacht, Gas sogar vervierfacht“

Können Sie sich einen solchen Schritt auch beim Strom vorstellen?

Ruppel: Eher weniger, allerdings ist das nicht ganz ausgeschlossen. Derzeit müssen wir davon ausgehen, dass Anbieter, die sich ausschließlich kurzfristig eindecken, Kunden nicht mehr finanzieren können, sie daher abstoßen und diese dann in die Grund- oder Ersatzversorgung kommen, also u. a. zu uns. Den Strombedarf für diese Kunden haben wir allerdings langfristig nicht beschaffen können, da wir eine solche Situation nicht voraussehen konnten. Wir müssen den Bedarf für diese Kunden dann also selbst noch nachkaufen und dafür dann auch den aktuell hohen Marktpreis bezahlen. Welche Ausmaße das annimmt, kann derzeit niemand vorhersagen.

Wie haben sich die Strom- und Gaspreise entwickelt und von welcher Entwicklung gehen Sie für die nächsten Monate aus?

Ruppel: Strom hat sich etwa verzweieinhalbfacht, Gas sogar vervierfacht, und das innerhalb eines Jahres nach einer langen Phase relativ stabiler Großhandelspreise. Das kann nicht mehr alles mit Fakten wie gestiegenen Kohlepreisen oder der CO2-Bepreisung begründet werden, da steckt auch einiges an Spekulation drinnen. Man muss wissen, dass Strom und Gas nicht mehr ausschließlich zur Kundenbelieferung von Energieversorgern gehandelt werden, sondern auch von Spekulanten, die hier ausschließlich Gewinne erzielen wollen und mit dem Strom- bzw. Gasgeschäft überhaupt nichts zu tun haben. Daher fällt es auch schwer, zu sagen, wie die Preisentwicklung weiter geht.

Welche Rolle spielen Netzentgelte?

Ruppel: Diese wirken sich ebenfalls 1:1 auf die Strompreise aus, von der Dimension derzeit aber eher untergeordnet.

Welche Schritte würde sich die Ovag von der Politik wünschen - und warum -, um die angespannte Lage auf dem Energiesektor zu entlasten?

Ruppel: Klarheit und Planbarkeit für die Energieversorger, sodass z. B. auch wieder Tarife mit Preissicherheit über einen längeren Zeitraum angeboten werden können. Letzteres liegt nach unseren Erfahrungen insbesondere im Interesse der Kunden.

Stadtwerke-Vertriebsleiter: Kunden kaum betroffen

Klaus Tripke wählt den Vergleich mit einem Kuchen, der aus 36 Stücken besteht. Der Vertriebsleiter der Stadtwerke Bad Nauheim erklärt anhand dieses Bildes, wie sein Unternehmen Gas einkauft: Nicht auf einmal, sondern in einzelnen Portionen erwerben die Stadtwerke den Rohstoff für 36 Monate im Voraus. Beim Strom sind es 24 Monate. Diese Strategie habe zur Folge, dass das Unternehmen und damit auch die Kunden nicht so sehr von der aktuellen Preisexplosion betroffen seien. Es werde zwar auch für Kunden der Stadtwerke Bad Nauheim eine Gaspreiserhöhung kommen, doch werde - Stand jetzt - zum 1. Januar 2022 der Strompreis wahrscheinlich sinken. Ein Aufnahmestopp für Neukunden sei weder beim Gas, noch bei Strom zu befürchten, sagt Vertriebsleiter Tripke, die Mengen für die Versorgung stünden bereit. Wäre es so, dass sich Gas- und Strompreise auf einem extrem niedrigen Niveau bewegen würden, stünden die Stadtwerke eher ungünstig da, weil sie dann eventuell so manches teueres »Kuchenstück« auf Lager hätten - und verkaufen müssten. Die aktuelle und die künftige Lage auf dem Weltmarkt spielt dem heimischen Unternehmen allerdings in die Karten. Wobei Tripke versichert, dass nicht die Stadtwerke, sondern die Kunden profitieren. Fairerweise muss man allerdings dazusagen: Wenn die Kunden zum Unternehmen strömen, schadet das dem Unternehmen nicht. Preislich lägen die Stadtwerke aktuell noch vor den günstigsten Anbietern, die auf diversen Internetportalen zu finden seien, sagt Pressesprecherin Annette Wetekam und fügt hinzu: »Das hatten wir noch nie.«

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