Lars Koch, hier am Desinfektionsspender, achtet in seinem Edeka-Markt in Friedberg auf die Hygiene- und Abstandsregeln. Das hat er per Aushang und online mitgeteilt.
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Lars Koch, hier am Desinfektionsspender, achtet in seinem Edeka-Markt in Friedberg auf die Hygiene- und Abstandsregeln. Das hat er per Aushang und online mitgeteilt.

Sturm im Netz

Friedberger Edeka-Markt gerät wegen Corona-Regeln in Shitstorm

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Wer als Person oder Firma in sozialen Netzwerken unterwegs ist, kann schon mal in einen Shitstorm geraten. So wie Lars Koch, als er Corona-Regeln für seinen Edeka-Markt in Friedberg veröffentlichte.

Friedberg – Als Lars Koch Abstands- und Hygieneregeln in seinem Edeka-Geschäft in Friedberg aushängte, hätte er nie gedacht, auf Facebook einen Shitstorm auszulösen. Denn nicht nur per Aushang, sondern auch auf seiner Seite in dem sozialen Netzwerk hatte er darum gebeten, das Fiebermessgerät am Eingang zu nutzen. Ferner forderte er dazu auf, die Desinfektionsspender zu verwenden und möglichst kontaktlos zu zahlen. Wie er zudem erklärte, sollten seine Mitarbeiter Kunden nicht mehr ans Regal begleiten, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Kurz darauf hagelte es Hass-Kommentare.

Shitstorm gegen Friedberger Edeka: Antworten stießen auf taube Ohren

»Die Reaktionen waren sehr interessant, zumal wir nichts Negatives gepostet hatten«, sagt Lars Koch. Nirgends habe er ein »Muss« oder einen Zwang vermittelt, etwa zum Fiebermessen. »Es war nur eine Serviceleistung, man konnte auch ohne Fiebermessen rein«, betont er. Die Bitte, möglichst mit EC-Karte und nicht mit Kleingeld zu zahlen, um die Kontaktzeit kurz zu halten, beantwortete ein Facebook-Nutzer mit: »Ich zahle nur in Bargeld - das nimmt mir niemand.« Die Bitte um die Zahlungsart sei aber nicht in Stein gemeißelt, merkt Koch an, ebenso wenig wie der Hinweis, dass seine Mitarbeiter niemanden ans Regal begleiten sollten. »Wenn jemand alt oder hilfsbedürftig ist, dann begleiten wir diese Person«, sagt der Geschäftsmann. Seine Antworten stießen teilweise aber auf taube Ohren, was er unschön fand. »Es gibt viele verständige Menschen, aber es haben sich auch viele angegriffen gefühlt, getreu dem Motto ›Jetzt schränkt er den Service ein‹.« Das Gegenteil sei der Fall - er fühle Verantwortung für die Kunden und Mitarbeiter.

Shitstorm gegen Friedberger Edeka: Kommentare stehen gelassen

Wie der 50-Jährige einräumt, habe er seinen Info-Text vielleicht zu kurz und knapp formuliert. Er wollte allerdings keine Floskeln verwenden, um seine Botschaft klar rüberzubringen. »Und dann gingen auf einmal die Hass-Kommentare los«, sagt Koch. Außer einigen Sprüchen wie »Ich hoffe, du gehst bald pleite« ließ Koch die Kommentare bewusst stehen, um eine Diskussion anzuregen.

»Komischerweise ist es einfacher, aus der Distanz über soziale Medien solche Kommentare zu schreiben«, stellt er fest. Was im Netz geschah, nahm er verwundert zur Kenntnis. »Aber ich wusste aus meinem Inneren heraus, dass es richtig war, was ich geschrieben habe.« Seine Mitarbeiter bestärkten ihn in dieser Sichtweise.

Hass-Kommentare zögen allerdings oft weitere negative Kommentare mit sich. »Es war wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wurde und eine Negativwelle auslöste«, erinnert sich Lars Koch. Daher überlegte er gegenzusteuern und bat 100 Facebook-Freunde schriftlich um Unterstützung, unter anderem die Autorin dieses Artikels. Mehrere Freunde standen ihm bei, worauf der Shit-storm deutlich abebbte. Auch außerhalb von Facebook erhielt Koch positives Feedback.

Wetterauer Expertin rät, zeitnah auf Hasskommentare zu reagieren

Als Inhaberin von Cosmo Concept ist Jessica Kessler (Bad Nauheim) auf Social-Media- und Online-Marketing spezialisiert. Bei einem Shitstorm kommt es ihren Worten zufolge zu massiver negativer Kritik gegen eine Person oder eine Firma, die in sozialen Netzwerken, Blogs oder Kommentarfunktionen auftritt. »Shitstorms haben die Eigenschaft, dass die entsprechenden Beiträge eine hohe Stufe der Eskalation aufweisen, teilweise beleidigend sind und sich alle auf dasselbe Ereignis oder Thema berufen«, sagt sie. Einen Shitstorm könne man nicht verhindern, sondern nur in seiner Entstehung beobachten und auf diesen angemessen reagieren.

»Es empfiehlt sich eine zeitnahe Reaktion«, sagt sie. Wichtig sei, dabei einen klaren Kopf zu behalten. »Man sollte im ersten Schritt immer auf die Kritik der Nutzer eingehen und diese ernst nehmen.« Eine zu förmliche Anrede, anonyme, oberflächliche Floskeln und aggressive Antworten sollten laut Kessler vermieden werden - zugunsten von Empathie, Authentizität und Verständnis. Die betroffene Person oder Firma solle die Verantwortung für die Ursache übernehmen und Lösungen offen kommunizieren. »Das Löschen von Beiträgen sollte nur im Extremfall erfolgen, etwa bei Beleidigungen«, fährt sie fort. Die Nutzer ärgerten sich ansonsten noch mehr und teilten ihren Frust im schlimmsten Fall auf anderen Plattformen.

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