Der vormalige Träger des Montessori-Kinderhauses und der Grundschule ist insolvent, der neue Träger will beide Einrichtungen erhalten. Wird die Stadt Eigentümer des Geländes, soll die Grundschule (im Hintergrund rechts) zur Groß-Kita umgebaut werden.
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Der vormalige Träger des Montessori-Kinderhauses und der Grundschule ist insolvent, der neue Träger will beide Einrichtungen erhalten. Wird die Stadt Eigentümer des Geländes, soll die Grundschule (im Hintergrund rechts) zur Groß-Kita umgebaut werden.

Schule

Montessori-Campus Friedberg: Bangen um Zukunft der Grundschule nach Insolvenz

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Ein eisiger Wind fegt über das Gewerbegebiet West in Friedberg. Die Kinder auf dem Montessori-Campus stört das nicht, sie spielen im frischen Schnee. Den Erwachsenen ist frostiger zumute.

Friedberg – Welche Zukunft hat die Montessori-Grundschule in Friedberg? Im April meldete die Montessori Fördergemeinschaft Wetterau Insolvenz an. Gelände und Gebäude auf dem Campus stehen zum Verkauf (ausgenommen die Sekundarschule). Die Stadt will im Grünen Weg eine Groß-Kita errichten. Die Betreuungsplätze werden dringend benötigt.

Als die Pläne bekannt wurden, hagelte es im Rathaus Protestbriefe von Eltern. Darf die Stadt die Schließung einer Grundschule in Kauf nehmen? Und eine »Mega-Kita« errichten? Die Stadt antwortete den Eltern, der Insolvenzverwalter biete das Gelände bundesweit an. Die Stadt entscheide nicht, wer den Zuschlag erhalte, sei auch nicht Verursacherin des Verfahrens. »Falls die Stadt Eigentümer der Grundstücke werden sollte, können wir Ihnen versichern, dass ein transparenter Umgang mit den städtischen Entscheidungen stattfinden wird.«

Friedberg: Montessori-Unsicherheit setzt Stadt unter Druck

Im Gespräch mit der WZ geben sich Bürgermeister Dirk Antkowiak und Erste Stadträtin Marion Götz bedeckt, wenn sie auf die Zusammenarbeit zwischen Rathaus und Montessori-Kinderhaus angesprochen werden. Das Verhältnis ist nicht gut, viel Vertrauen wurde verspielt. Es gibt Streit über die Höhe der städtischen Zuschüsse (siehe unten). »Die Stadt hat eine langjährige Erfahrungen im Austausch mit der Montessori-Gemeinschaft. Jetzt gibt es eine neue Gesellschaft, die handelnden Personen sind aber weitgehend die gleichen«, sagt Antkowiak.

Die Stadt ist unter Druck. Im Rathaus hält man es für sinnvoller, das Grundschulgebäude als Kita zu nutzen. Andernfalls müsste doch noch ein Acker am Ende der Taunusstraße bebaut werden. Und für Kita-Container, die dann ebenfalls nötig wären, gibt es noch keinen Standort. Anfang 2021 muss eine Entscheidung her.

Montessori-Grundschule in Friedberg: Lob und Kritik

In Leserbriefen loben Eltern das Montessori-Konzept. Lars Müller (Name geändert) kann da nur den Kopf schütteln. Bis 2018 besuchte sein Sohn die Montessori-Grundschule in Friedberg. »Wir waren, wie andere Eltern auch, gezwungen, unser Kind von der Schule zu nehmen, um weiteren Schaden von ihm abzuwenden.« Müllers Vorwurf: Es sei zu Gewalt unter den Kindern gekommen, die Pädagogen hätten weggeschaut. Soziales Miteinander hätte er und seine Frau an der Schule nicht erlebt, sondern »eher ein Klima der Verunsicherung unter den Kindern«. Ein weiterer Vorwurf: Sein Sohn sei nicht beschult worden. Bis zur dritten Klasse habe er nicht schreiben können. Sein Sohn sei ein stilles Kind, falle nicht auf. Er habe »unglaublich gute« Zeugnisse nach Hause gebracht. »Was an Lehrinhalten drin stand, hat aber nicht stattgefunden«, sagt Müller. Das hätten die Lehrer einer »echten Montessori-Schule« festgestellt, nachdem der Sohn gewechselt war.

Auf Eltern sei massiver Druck ausgeübt worden im Bemühen, das Außenbild zu wahren, sagt Müller. Manchen Familien, die kündigten, sei die verpflichtende Einlage nicht zurückgezahlt worden. In der Verantwortung stünden »die gleichen Personen, die bereits den alten Verein in den Ruin getrieben haben«.

Dass die Familie Müller keine Rückzahlung erhalten hat, können Nadja Krümmel, Philipp Seidenberger, Maren Kirch und Daniela Hildebrand von der neu gegründeten »Gemeinsam Montessori Leben« im Gespräch mit der WZ bestätigen. Die Einlage der Familie sei mit den Elterngebühren verrechnet worden, nachdem die Müllers diese Zahlung eingestellt hätten. Es gebe Kündigungsfristen, an die sich die Familie nicht gehalten habe.

Alternativvorschlag in Friedberg: Neue Kita nebenan

Das Schulamt habe die Gewalt-Vorwürfe geprüft und als haltlos angesehen, das Kind habe sich später nicht mehr an die Vorfälle erinnern können, und ein Gericht habe die Klage der Familie in allen Punkten abgewiesen. Krümmel: »Das ist ein Einzelfall, solche Probleme gibt es aber auf allen Schulen.« In der Pädagogik sei Vertrauen wichtig, sagt Kirch. »Das System funktioniert nur mit den Eltern.« Und die hätten mitunter Erwartungshaltungen, die nicht erfüllt würden. Was zu Frust und Verärgerung führe.

Diese Woche trafen sich Stadt und Montessori-Gemeinschaft im Rathaus. Seidenberger: »Dabei haben wir einen Vorschlag gemacht, wie die Grundschule erhalten bleibt und trotzdem neue Kita-Plätze geschaffen werden.« Ein Investor, der wie die Stadt Interesse am Kauf der Immobilie hat, will auf dem angrenzenden Parkplatz eine Kita bauen. Die Montessori-Gemeinschaft, so stellen es sich die Verantwortlichen vor, wäre Träger der Kita und die Stadt würde viel Geld sparen.

Montessori: Zusammenarbeit mit der Stadt Friedberg klappt nur bedingt

Am 1. April meldete die Montessori Fördergemeinschaft Wetterau Insolvenz an, der Träger des Kinderhauses mit 87 Plätzen und der Grundschule (derzeit rund 60 Kinder) war zahlungsunfähig. Wie aus Unterlagen, die der WZ vorliegen, hervorgeht, gibt es seit Jahren Probleme bei der finanziellen Abwicklung. So treffen bei der Beantragung von Fördermitteln schon mal formlose Schreiben ohne Unterschrift im Rathaus ein. Auf korrekte Anträge muss die Stadt mitunter lange warten. Auch sind die Forderungen der Montessori-Gemeinschaft aus Sicht der Stadt viel zu hoch. So sollte die Stadt auch für knapp 30 unbelegte Plätze Zuschüsse zahlen.

Was im Rathaus ebenfalls irritiert: Einerseits fehlen in Friedberg Kita-Plätze, andererseits gibt es auf dem Montessori-Campus ein Auswahlverfahren; die Kinder mehrerer Eltern seien trotz freier Kapazitäten nicht aufgenommen worden. Ein weiterer Punkt: Die Stadt sollte auch für ortsfremde Kita-Kinder zahlen. Zwischen Mai und September 2020 lag die Zahl der Friedberger Kinder im Montessori-Kinderhaus zwischen 23 und 32, von 87 ausgewiesenen Plätzen (durch Integrationskinder sind es derzeit nur 81). Die Kinder kommen aus rund 15 verschiedenen Kommunen. Die Stadt hat Rechtsauskünfte eingeholt, wonach sie nicht verpflichtet ist, Plätze für ortsfremde Kinder finanziell zu fördern. Der Kostenausgleich mit den Wohngemeinden der Kinder sei sehr personalintensiv und nicht kostendeckend. Die Montessori Fördergemeinschaft hatte mit Klage gedroht, dies aber nicht umgesetzt. Im Rathaus liegen trotz mehrfacher Aufforderung auch keine Jahresabschlüsse ab 2018 vor.

Nur durch Zufall erfuhr die Stadt, dass der monatliche Kostenbeitrag der Eltern rückwirkend geändert wurde. Damit änderte sich auch die Berechnungsgrundlage der Zuschüsse. Die Montessori Gemeinschaft macht Gegenrechnungen zu Zuschüssen und Personalbedarf auf, weist in Briefen an die Fraktionen darauf hin, dass der neue Träger des Kinderhauses eng mit Fachaufsicht und Jugendamt zusammenarbeite, legt Berechnungen für die Anzahl der aufzunehmenden Kinder vor. Nadia Krümmel sagt: »Ab Sommer/Herbst 2021 ist das Kinderhaus voll belegt.« In der Corona-Pandemie könne man leider keine Kinder aufnehmen. »Wir wollen keine Klagen vor Gericht, wir wollen eine Einigung im Guten«, sagt Seidenberger.

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