Zwei Männer sitzen mit Maske hinter einem Tisch mit Haushaltswaren. Eine Frau steht mit Henkelkorb und Müslipackung in der Hand davor.
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Bei einem Beispieleinkauf lernen (v. l.) Lukas Szardin, Sam Hermani und Julia Rolle mit Geld umzugehen und was man im täglichen Bedarf benötigt. Die drei sind die ersten Teilnehmer am Projekt »abBi« einer inklusiven Berufsausbildung.

Inklusives Berufsbildungsprojekt

Friedberg: Projekt »abBi« ermöglicht jungen Erwachsenen inklusives Arbeiten

  • VonSophie Mahr
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Nach der Förderschule möchten nicht alle in einer »Werkstatt für Menschen mit Behinderung« arbeiten. Denen hilft das Projekt „abBi“ in Friedberg.

Friedberg – Wir sind selbstständig geworden«, sagt Julia Rolle begeistert. Sie ist eine der drei Teilnehmer des Projekts »alternative berufliche Bildung« (abBi). »Das Programm richtet sich an junge Erwachsene mit Behinderung, die den Berufsalltag auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt kennenlernen wollen«, sagt Nadja Hoss, Ausbilderin und Teamleiterin der Beruflichen Bildung des Internationalen Bundes (IB) in Friedberg. »AbBi« gibt es seit Mitte September, es ist eine Alternative zu den Angeboten der Werkstätten für Menschen mit Einschränkungen. Bundesweit gibt es nur ein vergleichbares Projekt.

Julia Rolle trifft sich jeden Freitag mit den anderen Teilnehmern Sam Hermani, Lukas Szardin und der Ausbilderin Nadja Hoss sowie Sozialpädagogin Tabea Trapp in der Alten Bahnhofstraße in Friedberg. Den Weg dort hin legen sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Damit dieser und auch der Weg zur Praktikumsstelle ohne größere Schwierigkeiten verläuft, haben sie zu Beginn von »abBi« ein »Mobilitätstraining« gehabt. Dabei wurden Fragen wie »Wie komme ich zur Arbeit? Was muss ich im Straßenverkehr beachten?« oder »Was bedeutet dieses Verkehrszeichen?« beantwortet.

Projekt für inklusives Arbeiten in Friedberg: Unterstützung in Kita und Altenheim

Da alle Teilnehmer unterschiedliche Voraussetzungen mitbrächten, sei es wichtig, die Informationen auf verscheidenen Wegen zu vermitteln, sagt Hoss. Der Fokus liege auf einer individuellen Förderung. »Wir finden gemeinsam mit den jungen Erwachsenen heraus, wo ihre beruflichen Fähigkeiten und Talente liegen und unterstützen sie dabei, diese auszuprobieren.« Dabei seien auch die enge Zusammenarbeit mit den Betrieben und die Beratung der Teilnehmer und ihrer Eltern im Vorfeld wichtig.

Hermani, Rolle und Szardin befinden sich derzeit in ihrem zweiten Orientierungspraktikum. Grundsätzlich könne jeder Beruf ausprobiert werden, sagt Hoss. Rolle und Szardin haben sich für Senioreneinrichtungen entschieden, Hermani arbeitet im Kindergarten. Sie bringen sich in der Hauswirtschaft, dem Service, der Betreuung oder der Wäscherei ein.

Sam Hermani hilft in seinem Praktikum im Kindergarten »Schatzkiste« in Assenheim viel in der Küche. Er bereitet zum Beispiel Obst für die Kinder vor. Julia Rolle hat viel Spaß an den Aufgaben im Betreuungsbereich der Seniorenresidenz im Park in Bad Nauheim. Sie ist sich jetzt schon sicher: »Da möchte ich auch später arbeiten. Ich arbeite lieber mit älteren Menschen als mit Kindern.« Auch Lukas Szardin fühlt sich bei seiner Praktikumstelle im Bad Nauheimer Elisabethhaus wohl.

Projekt für inklusives Arbeiten in Friedberg: Individuelle Vorbereitung auf Berufsalltag

Neben der Unterstützung durch Hoss und Trapp gibt es einen Mentor im Praktikumsbetrieb. »Gemeinsam werden Ziele vereinbart und individuelle Arbeitshilfen vor Ort entwickelt. Das könnte etwa ein Bilderablaufplan sein oder auch die Entwicklung eines Zeitmanagements«, sagt Hoss. Bei Fragen und Problemen sind sie und Trapp stets zur Stelle. »Wir helfen so viel wie nötig und so wenig wie möglich.« Langfristig sei das Ziel, nicht mehr gebraucht zu werden.

Freitags ist »Reflektionstag«, da werden die Erfahrungen der Woche besprochen, es wird an der Praktikumsmappe gearbeitet, aber auch die Fächer Mathe, Deutsch und Englisch werden unterrichtet. »Es werden Themen aus dem Berufsalltag der jungen Erwachsenen aufgegriffen und praktisch umgesetzt: Dazu gehören beispielsweise das Wissen um Waschzeichen ebenso wie das Falten von Wäsche, die Hygienevorschriften in der Küche sowie das Krankmelden am Arbeitsplatz«, sagt Hoss. »In Rollenspielen werden soziale Kompetenzen geübt. Wir sammeln Ideen in einer Mindmap und trainieren so auch Schreib- und Lesefähigkeit.«

Projekt für inklusives Arbeiten in Friedberg: Vom Praktikum zum Arbeitsvertrag

Der Umgang zwischen den Teilnehmern ist familiär. Zu dem Projekt gehört auch, freitags gemeinsam zu kochen und zu essen.

Das Programm ist auf 27 Monate ausgelegt und umfasst zwölf Wochen Unterricht sowie drei Praktika. Das dritte Praktikum ist ein Orientierungspraktikum und dient als Übergang in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis.

Am 13. September startet der nächste »abBi«-Jahrgang. Trotz Einschränkungen durch Corona konnte der erste Jahrgang bisher stattfinden. »Ich bin froh, dass wir unsere Jobs behalten konnten«, sagt Lukas Szardin und freut sich auf seinen nächsten Arbeitstag.

Projekt für inklusives Arbeiten in Friedberg kooperiert mit der Agentur für Arbeit

»AbBi« ist ein Projekt der Internationalen Bund Südwest gGmbH. Die Teilnahme wird über das persönliche Budget durch die Agentur für Arbeit finanziert.

Stefan Leyerer und Rainer Kupka von der Behörde unterstützen mit ihrem Team der Reha-Berater das Projekt. »Es ergänzt in toller Art und Weise das bisherige Angebot«, sagt Leyerer. »Es profitieren alle Seiten davon. Die jungen Leute können sich ausprobieren, und der Arbeitgeber kann sich durch das Praktikum ein Bild von seinem zukünftigen Mitarbeiter machen.«

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