Vor dem rückwärtig gelegenen Eingang der Hollarkapelle wurde Erde abgetragen. Hier soll ein kleiner Vorplatz entstehen. Bei den Erdarbeiten kamen Skelette des früheren Friedhofs von Hollar zum Vorschein.
+
Vor dem rückwärtig gelegenen Eingang der Hollarkapelle wurde Erde abgetragen. Hier soll ein kleiner Vorplatz entstehen. Bei den Erdarbeiten kamen Skelette des früheren Friedhofs von Hollar zum Vorschein.

Bauarbeiten für Vorplatz

Menschliche Überreste bei Grabungen gefunden

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
    schließen

An der Hollarkapelle im Ockstädter Kirschenberg wird die Erde aufgegraben. Die Kripo war dort, menschliche Knochen waren gefunden worden. Was ist da los?

Friedberg – Das Dorf Hollar bei Friedberg-Ockstadt gibt es schon lange nicht mehr. In einer Urkunde von 817 wird es erwähnt, spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde es aufgegeben, zerfielen die Häuser und die Kirche. 1722, vor bald 300 Jahren, begann unter dem Freiherrn von Frankenstein der Bau der heutigen Kapelle, die für Hochzeiten, Taufen und die Prozession der Ockstädter Christen an Christi Himmelfahrt genutzt wird.

Friedberg: Skelettfunde in Ockstadt „keine Überraschung“

Für viele Spaziergänger ist die Hollarkapelle ein wichtiger Anlaufpunkt im Kirschenberg. Vor einigen Jahren gründete sich der Hollar-Kapellen-Kulturverein, sammelte Ideen und Spenden der Ockstädter, entwarf Modelle, holte Genehmigungen ein und legte nun los: Der Vorplatz der Hollarkapelle wird umgestaltet. Entstehen soll ein naturnaher Platz, der zum Verweilen einlädt, Gottesdiensten und kulturellen Veranstaltungen einen würdigen Rahmen gibt und das historisches Kleinod wieder ins Zentrum rückt.

Nachdem das Fundament der Kapelle abgedichtet war, übernahm ein örtliches Bauunternehmen mit Unterstützung einiger Vereinsmitglieder das Abtragen der Erde. Das Gelände wurde modelliert. »Es war keine Überraschung, dass bei den Bauarbeiten auch historisch und archäologisch Interessantes zu Tage kam«, schildert Matthias Schäfer, der 2. Vorsitzende des Vereins. Früher war es Sitte, die Toten in unmittelbarer Nähe zur Kirche zu beerdigen. So wurden bei den Bauarbeiten unter archäologischer Aufsicht nach und nach über 20 Skelette in teilweise hervorragendem Erhaltungszustand ausgegraben, kartographiert, katalogisiert und archäologisch untersucht. Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal und zwei Grabungstechniker beaufsichtigten die Grabungen.

Kripo: Knochen aus Friedberg-Ockstadt sind über 500 Jahre alt

Das erste gefundene Skelett, berichtet Schäfer, wurde sogar von der Kripo untersucht. Nachdem festgestellt wurde, dass es zwischen 500 und 800 Jahre alt sein dürfte und kein strafrechtlich verfolgbarer Tatbestand vorliegt, wurden die Arbeiten fortgesetzt (siehe Info-Box).

Ludwig Witzenberger, Vorstandsmitglied und in der Bauleitung erfahrener Ockstädter, ist täglich vor Ort. Stolz zeigt er auf die erste, mit Bruchsteinen gemauerte Sitzreihe, die halbkreisförmig den Platz vor dem Kapellenportal einrahmt. Witzenberger: »Wir haben sogar noch einige Mauerreste aus Hollar gefunden, die Kreisarchäologe Dr. Lindenthal sorgsam kartografiert und dann zur Verwendung für die Bruchsteinmauer freigegeben hat.« Drei Sitzreihen sollen sich am Ende harmonisch ins Gelände einfügen und optisch das Fundament der Hollarkapelle aufnehmen. »Dass wir hierfür Bruchsteine verwenden dürfen, die wahrscheinlich schon in Hollar als Friedhofsmauer dienten, ist eine großartige historische Verbindung zu den Wurzeln der Gemeinde«, sagt Schäfer.

Friedberg: Arbeiten in Ockstadt sollen Mitte 2022 beendet sein

Durch die archäologischen Untersuchungen seien die Kosten der Baumaßnahme gestiegen. Schäfer: »Wir hoffen, dass nicht nur die Ockstädter weiterhin großzügig spenden, sondern dass auch der ein oder andere Sponsor hilft, die Kosten zu tragen.« Mittlerweile ist das Fundament für die zweite Sitzreihe fertig, das dritte und letzte soll folgen. Wegen des Frosts müssen die Maurerarbeiten wahrscheinlich bis ins Frühjahr ruhen, der Vorplatz wird aber weiter Gestalt annehmen.

»Wir freuen uns riesig auf unser Jubiläumsjahr 2022 mit vielen Veranstaltungen, die bereits geplant sind«, sagt Dr. Heiko Schuck, Vorsitzender des Hollar-Kapellen-Kulturvereins. An Veranstaltungen auf dem neuen Vorplatz sind unter anderem eine Bibel-Lesung und eine Dia-Show über die Sixtinische Kapelle geplant. Schuck: »Dass Mitte des Jahres die Arbeiten abgeschlossen sein werden, muss mit einem großen Fest gefeiert werden, hoffentlich ohne Corona.« (Jürgen Wagner)

Werden auf Baustellen Knochen oder ganze Skelette gefunden, muss die Kriminalpolizei informiert werden. Nicht auszuschließen, dass ein Verbrechen begangen wurde. Im Umfeld von alten Kirchen ist dies freilich nicht zu erwarten, sagt Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal. Bei den Bauarbeiten an der Hollarkapelle sei die Sachlage von vorneherein klar gewesen: Das sind Leichen, die hier vor 500 oder mehr Jahren bestattet wurden, die ehemaligen Bewohner von Hollar (und keine »alten Ockstädter«, wie ein Anrufer meinte). Lindenthal: »Gräbt man rund um alte Kirchen, stößt man unweigerlich auf Gräber.« Man sei sehr respektvoll mit den Knochen umgegangen, sagt Matthias Schäfer vom Hollar-Kapellen-Kulturverein. Lindenthal bestätigt, dass die Knochen wieder bestattet werden. Sie werden nicht weiter untersucht, was theoretisch möglich wäre.

Forscher können anhand der Knochensubstanz mit Hilfe der Isotopenanalyse feststellen, wie sich die damalige Bevölkerung zusammengesetzt hat, woher die Menschen kamen und ob sie miteinander verwandt waren. Freilich sind solche Untersuchungen sehr kostspielig, weshalb sie bislang nicht in der Wetterau zur Anwendung kommen. Neben den Skeletten wurden bei den Erdarbeiten »lediglich vereinzelt Mauerreste angeschnitten«, sagt Lindenthal. Würde man weitergraben, könne man ältere Baustrukturen freilegen und dann auch sagen, wie groß die ehemalige Kirche war und wo genau sie stand. Das ist rund um die Hollarkapelle aber nicht geplant.

Hollar ist eine Wüstung bei Ockstadt, ein wohl im 17. Jahrhundert aufgegebenes Dorf. Der erste Wortteil deutet auf einen Hohlweg hin, die Endsilbe »-lar« könnte auf ein germanisches Wort für Gatter zurückgehen.

Auch in Wölfersheim (Wetterau) wurden vor wenigen Wochen menschliche Überreste bei Bauarbeiten gefunden*. Abermals hatte die Polizei schnell eine Erklärung parat. *wetterauer-zeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare