Im Freien darf man auch in Zeiten von Corona singen, und das taten die Kinder mit voller Inbrunst.
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Im Freien darf man auch in Zeiten von Corona singen, und das taten die Kinder mit voller Inbrunst.

Schließung der Kita Wintersteinstraße

Friedberg: Marode Kita Winterstein zwingt Kinder zum Auszug - Gibt es doch noch Hoffnung?

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Die Kita Wintersteinstraße in Friedberg ist Vergangenheit. Die letzten 40 Kinder mussten ihr kleines Paradies verlassen. Die Kirche will das Gelände verkaufen. Entsteht hier doch noch eine neue Kita?

Die knapp 40 Kinder, die sich mit Eltern, Großeltern, Vertretern der evangelischen Kirchengemeinde Friedberg und des Dekanats am Freitag im schattigen Garten der Kita Wintersteinstraße zum Abschiedsfest trafen, dürften sich kaum für die politischen Diskussionen um die Zukunft der Kita interessieren. Einige von ihnen kommen in die Schule, andere wechseln die Kita. »Vieles wird anders, vieles wird neu«, sagte Pfarrerin Claudia Ginkel und gab den Kindern ein »Mutmachwort« mit auf ihren Weg: »Habe Mut! Lass dich nicht erschrecken! Ich bin bei Dir.« Dies, erzählte Ginkel im Wechsel mit Dekan Volkard Guth den Kindern, habe Gott dem Josua gesagt, als er mit den Israeliten nach 40-jähriger Durchquerung der Wüste neues Land betrat.

Zwölf Erinnerungssteine legten die Israeliten am Ufer des Jordans ab, genauso viele Steine lagen auf dem kleinen Altar im Garten der Kita. Was bleibt? Welche Erinnerungen sind in Stein gemeißelt? Die Kinder haben Bilder gemalt, etwa von der beliebten Nestschaukel. Das Kita-Team um Leiterin Elke Holzem hat daraus ein kleines Buch gemacht. Das durften die Kinder mit nach Hause nehmen, genauso wie ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Ich war ein Wintersteinstraßenkind« und ihre Stühlchen. Das restliche Mobiliar wird in den nächsten Tagen ausgeräumt.

Friedberger Kita Winterstein: Freitags kam der »Gitarren-Opa«

Still sitzen und den Erwachsenen zuhören ist für Kinder gar nicht so einfach. Während Reden gehalten wurden, rutschte ein kleines Mädchen quietschend die Rutsche runter, aber dann durften sich alle bewegen. »Gitarren-Opa« Dietmar Heil und Erzieherin Vicky Kettner am Keyboard stimmten Kinderlieder zum Mitsingen an. Beim Hampelmann-Lied durften alle hüpfen, stampfen, klatschen. Heil kam jeden Freitag in die Kita, sang mit den Kindern Lieder, auch nachdem sein eigener Enkel längst in der Schule war. In der Corona-Zeit schickte er seine Lieder per Video. »Die Resonanz der Kinder war unglaublich«, erzählte Heil. Ein Mädchen revanchierte sich mit einem eigenen Video, auf dem es als Dank den Flohwalzer auf dem Klavier spielt.

Die drei Handpuppen »Samira«, »Lotta« und »Tim« schilderten den Kita-Alltag, verrieten, dass auch Kantor Ulrich Seeger regelmäßig zum Singen kam, berichtete von der Verkleidungsecke mit den großen Klapperschuhen, mit denen die Kinder durch den Flur stapften oder von der Vorlese-Oma und dem Vorlese-Opa.

Herzergreifend war der Abschied von Putzfrau Marita Tietz, die nach 34 Jahren in Rente geht und mit Tränen in den Augen die Gladiolen entgegennahm, die ihr die Kinder brachten.

Friedberger Kita Winterstein: Entscheidung fällt allen sehr schwer

»Vor einem Jahr haben wir noch gehofft, dass die Kita bestehen bleibt«, sagte Elenor Fritsch vom Kirchenvorstand. Sie erinnerte daran, dass 1973 zuerst die Kita gebaut wurde, die Fertigstellung von Gemeindesaal und Wohnungen folgte später. Man habe die Kinderbetreuung im damals neuen Stadtteil Friedberg-West als wichtige Aufgabe der Kirche begriffen. Die Offenheit des wellenförmigen Baukörpers, ein Entwurf des Bad Nauheimer Architekten Prof. Johannes Peter Hölzinger, sollte sich damals im Außengelände fortsetzen, daher war kein Zaun geplant. Den erstritten sich dann die Eltern, die, wie sich eine Mutter erinnerte, auch dafür sorgten, dass im Garten Bäume gepflanzt wurden. Bei aller Offenheit: Geborgenheit und Schatten, das zeigte sich gerade am Freitag, sind auch nicht zu unterschätzen. »Die Entscheidung tut allen weh, die Kita wird uns fehlen«, sagte Fritsch.

»Wir sind sehr traurig«, sagte auch Elisabeth Kessler von der Dekanatsverwaltung. Alle Erzieherinnen behielten ihren Arbeitsplatz. Das Dekanat will in einer anderen Kommune eine weitere Kita übernehmen. Dort soll das Team wieder zusammenarbeiten.

Und wie geht es weiter mit dem Wellenhaus? »Der Verkauf ist das oberste Ziel«, sagte Dekan Guth. Das falle der Kirche nicht einfach. Die Idee des Gebäudes, die Offenheit der Architektur, sei großartig. Der bauliche Zustand, vorsichtig ausgedrückt, eher nicht. Die Kirche wird den Gemeindesaal aber weiterhin für Treffen von Gruppen nutzen, bis eine Entscheidung gefallen ist.

Friedberger Kita Winterstein: Sanierung - Spurenleger wollen neue Berechnungen vorlegen

Wie das denkmalgeschützte Gemeindezentrum West künftig genutzt wird, weiß derzeit keiner. Die Gruppe der »Spurenleger« traf sich neulich in der Wintersteinstraße mit Prof. Hölzinger und einem Vertreter der Unteren Denkmalschutzbehörde. Es sollte erkundet werden, ob es doch noch Möglichkeiten gibt, das Gebäude zu sanieren, zu erweitern und auch künftig als Kita zu nutzen - vorausgesetzt, die Kirche rückt von ihrem Kaufpreis (rund 1,1 Millionen) ab. »Die Entscheidung liegt in den Händen der städtischen Gremien«, sagte Erste Stadträtin und Kita-Dezernentin Marion Götz (SPD), die ebenfalls zum Abschlussfest gekommen war. »Die Stadtverordneten haben entschieden.« Sie entschieden sich gegen eine Sanierung, aus Kostengründen. Nur zweifeln die »Spurenleger« die Berechnungen an und gehen von niedrigeren Sanierungskosten aus. Es gilt also abzuwarten, bis die Ergebnisse dieser neuerlichen Untersuchung vorliegen. Eine Bauruine in der Wintersteinstraße will niemand.

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