Jede Wette: Wenn Sie dieses Bild betrachten, ist die blanke Metalltafel längst beklebt. Die neue Wandtafel präsentieren (v. l.): Stefan Schulz (Bauhof), Erste Stadträtin Marion Götz, Andreas Balser (Antifa-BI) und Hubert Andratzek (Bauhof). FOTO: NICI MERZ
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Jede Wette: Wenn Sie dieses Bild betrachten, ist die blanke Metalltafel längst beklebt. Die neue Wandtafel präsentieren (v. l.): Stefan Schulz (Bauhof), Erste Stadträtin Marion Götz, Andreas Balser (Antifa-BI) und Hubert Andratzek (Bauhof). FOTO: NICI MERZ

Wandtafel auf Elvis-Presley-Platz

In Friedberg gibt es jetzt einen Platz für Sticker

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Im Sommer wurde in Friedberg über Sticker gestritten. Jetzt haben Erste Stadträtin Marion Götz und Andreas Balser von der Antifa-BI die Lösung des Konflikts präsentiert: Eine Sticker-Wandtafel.

Als die Stadt Friedberg im Juli eine Aktion zur Stadtreinigung startete, erntete sie viel Zuspruch. Zahlreiche Bürger machten mit, schrubbten Mülleimer und Parkscheinautomaten, entfernten mit Putzschwamm und Spachtel alte, zerfledderte und unleserlich gewordene Aufkleber von Laternenmasten. Damit das keine vergebliche Mühe war, brachten Mitarbeiter des städtischen Bauhofs einen Speziallack auf die Laternen- und Ampelmasten auf. Der bewirkt, dass die Aufkleber nicht mehr halten und sich Graffitis leicht abwischen lassen.

Wer im Anschluss über die Kaiserstraße lief, traf tatsächlich auf ein "Sauberhaftes Friedberg". Aber die Freude über die Putz-Aktion war nicht ganz ungeteilt. So kritisierte die Antifaschistische Bildungsinitiative (Antifa-BI), dass Aufkleber ein Teil der Jugendkulturszene seien und auch und gerade auf der Kaiserstraße erhalten werden müssten. In den sozialen Medien entspann sich eine teils hitzige Diskussion. Die Antifa-BI präsentierte auf ihrer Internetseite eine "Online-Ausstellung zur politischen Kunst, Bildung und Jugendkultur" mit Stickern.

Bereits zum Start der Reinigungsaktion hatte Erste Stadträtin Marion Götz (SPD) den Kontakt zu den Kritikern gesucht und sie ins Rathaus eingeladen. Bei einem Gespräch im August machte sie dann einen Kompromissvorschlag: Auf dem Elvis-Presley-Platz wird eine öffentlich zugängliche Fläche oder Tafel her- oder aufgestellt, so können sich junge Menschen weiterhin mit Aufklebern an zentraler Stelle der Stadt ausdrücken.

Auch Werbung für Veranstaltungen

Der Vorschlag sei auf einhellige Zustimmung gestoßen, sagte Götz am Mittwochvormittag auf dem Elvis-Presley-Platz. Andreas Balser, Vorsitzender der Antifa-BI, bestätigte das: "Das ist eine gute Idee." Mitarbeiter der Bauhofs waren gerade damit beschäftigt, die Stellwand mit Bohrmaschine, Muskelkraft und Augenmaß an einer Wand des "Café Rund" zu befestigen. "Man kann die Wand auch nutzen, um für Veranstaltungen zu werben", sagte Balser. Natürlich erst dann, wenn wieder Veranstaltungen erlaubt sind.

Die Sticker-Wandtafel entstand im Bauhof. Es handelt es sich um eine Holz-Metall-Konstruktion mit den Maßen 2,15 mal 1,50 Meter. Die Metallfläche kann nach starker Nutzung immer wieder abgeschliffen und neu lackiert werden. Der Elvis-Presley-Platz steht unter Ensembleschutz. Wie Christine Böhmerl vom Amt für soziale und kulturelle Dienste berichtete, war daher eine Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde erforderlich; es habe aber keine Einwände gegeben.

Spielregeln müssen beachtet werden

"Informationen für Friedberg (Hessen)" steht auf dem Kopf der Wandtafel. In der Sticker-Kultur sind solche offiziellen Titel eher unüblich. Damit soll aber hervorgehoben werden, dass jeder Friedberger und jede Friedbergerin die Tafel nutzen kann - sofern die Spielregeln beachtet werden. Diese lauten: Es muss einen freien Platz geben und veraltete Informationen sollen wieder entfernt werden; Partei-politische Werbung ist nicht erlaubt; oberste Prämisse ist ein "wertschätzendes Miteinander". Wer Fragen zur Wandtafel hat, kann sich im Rathaus ans Amt für soziale und kulturelle Dienste und Einrichtungen wenden (E-Mail: soziales@friedberg-hessen.de). Marion Götz hofft, dass die Wandtafel angenommen wird. "Das ist besser als öffentliches Eigentum zu beschädigen."

Info: Sticker-Kultur

Die Kunst ist wie das Leben wandelbar und nicht festgelegt. Ständig tauchen neue Ausdrucksformen auf, und nicht immer ist den Betrachtern klar, dass es sich um eine Kunstform handelt. Was zugegebenermaßen schwer fällt, wenn ein Laternenmast mit zerfledderten und unleserlich gewordenen Aufkleber zutapeziert wurde; schön ist anders und der Sinn solcher Klebe-Aktionen erschließt sich nicht jedem. Die Stickerkunst zählt zur Streetart, die im öffentlichen Raum stattfindet. Wikipedia schreibt: "Besonders seit Anfang der 2000er ist diese Erscheinung häufig in Großstädten auf zum Beispiel Mülleimern, Verkehrsschildern oder Hauswänden zu sehen." Viele Aufkleber enthalten politische Botschaften, manche geben sich aber auch bewusst rätselhaft und wollen die Betrachter anregen, selbst darüber nachzudenken, wie die Botschaft lautet. Seit 2008 gibt es in Berlin das "Hatch Stickermuseum", das weltweit erste Museum, das sich mit der Stickerkultur auseinandersetzt. Über 30 000 Sticker aus der ganzen Welt gehören zum Bestand des Museums, 5000 werden in einer Ausstellung gezeigt.

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