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Weitgehend gelähmte Beine, aber laut Medizinischen Dienst durchaus mobil: Der Friedberger Armin Wagner kann über die Gutachten nur den Kopf schütteln. Foto: Wagner

Streit mit Krankenkasse

Ärger mit Krankenkasse: 83-Jähriger ist behindert und soll mobil sein

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Was das eine Gutachten sagt, muss das andere nicht bestätigen: Das musste Armin Wagner aus Friedberg-Bruchenbrücken erfahren, dessen Pflegegrad neu festgestellt wurde.

Friedberg - Armin Wagner leidet unter erheblicher Steh- und Gehbehinderung, benötigt ständige Begleitung. So steht es auf seinem Schwerbehindertenausweis. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Hessen hat dem 83-jährigen Bruchenbrückener - der sich nur mit Stock oder Rollator fortbewegen kann, und dies auch nur für kurze Strecken - eine selbständige Mobilität bescheinigt. Seinen Protest gegen die Begutachtung hat er vorerst aufgegeben. Aber Wagner will andere Betroffene warnen und die Krankenkassen zum Umdenken bringen.

Armin Wagners Ehefrau öffnet die Tür, er selbst kommt dem Besucher zur Begrüßung langsam entgegen, gestützt auf zwei Stöcke. 1997 erlitt der ehemalige Pharmareferent einen Rückenmarksinfarkt. Seither sind beide Beine teils gelähmt, das Gehen bereitet ihm große Mühe, ist mit Schmerzen und Atemnot verbunden. Im Alter kamen eine chronische Bronchitis und eine Herzklappenverkalkung hinzu. Aufgrund einer Niereninsuffizienz im Jahr 2014 muss er außerdem drei Mal in der Woche nach Bad Nauheim in die Dialyse.

Wagners Frau pflegt ihn, dafür gibt es von der Krankenkasse Pflegegeld. Im August kündigte die DAK den Besuch eines Gutachters an. Dies erledigen die Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der gesetzlichen Krankenkassen (MDK). Die Einstufung ergab den Pflegegrad 2, was 316 Euro Pflegegeld entspricht.

Widerspruch gegen Gutachten

Was Wagner wundert: Obwohl der Gutachter äußert, es liege eine starke Beeinträchtigung der Selbständigkeit vor, hat dies kaum Einfluss auf die Punktewertung. Wagners Diagnose-Liste umfasst 15 Einträge. Die S-Bahn kann er nur mit Hilfe nutzen. Selbst Autofahren kann er nicht mehr. Kulturelle oder religiöse Veranstaltungen kann er nur in Begleitung besuchen. Wagner legte Widerspruch gegen das Gutachten ein, Anfang November schickte der MDK einen zweiten Gutachter.

In einem Beschwerdebrief an den MDK berichtet Wagner, der Pflegegutachter sei "arrogant, bestimmend, rechthaberisch und einschüchternd" gewesen. Er habe keine Manieren gehabt, sei ihm ständig ins Wort gefallen. Er habe keine Erklärung zu seiner Pflegebedürftigkeit abgegeben können, sagt Wagner. Das habe der Gutachter abgewürgt. Die Begutachtung sei "oberflächlich" gewesen. Er sei etwa nach Größe und Gewicht gefragt worden, was bereits dokumentiert war. Als fragwürdig betrachtet Wagner die Ergebnisfindung durch ein Multiple-Choice-Verfahren, bei dem abgefragt wird, ob er im Bett einen Positionswechsel vornehmen könne. "Was hat das Liegen im Bett mit Mobilität zu tun?" Beim Punkt "Treppensteigen" wurde zu Wagners Verwunderung "überwiegend selbständig" angekreuzt. "Ich halte mich mit zwei Händen am Geländer fest, gehe seitlich herunter, habe aber Angst, weil ich mich nicht lange halten kann." Bei den Gutachtern handele es sich nicht um Ärzte, sondern um Krankenpfleger, für eine fachärztliche Diagnose fehle ihnen die Qualifikation.

Im zweiten Gutachten wurde Wagner sogar eine etwas geringere Pflegebedürftigkeit bescheinigt. Der 83-Jährige kann nur den Kopf schütteln und zeigt seinen Schwerbehindertenausweis. Das Versorgungsamt bescheinigte ihm bereits am 12. Mai 1998 eine "erhebliche Steh- und Gehbehinderung". "Wie passt das zusammen?", fragt Wagner. "Gar nicht."

MDK: Alles gesetzlich geregelt

Wagner legte bei der DAK Widerspruch gegen den neuerlichen Bescheid ein, zog diesen aber zurück. Das bringe nichts, er komme auch so zurecht. "Aber andere Leute werden auf diese Weise übers Ohr gehauen." Das gehe alle Pflegebedürftigen an. Er hat seinen Fall dem VdK gemeldet. Auch der Sozialverband kritisiert den MDK, fordert mehr Mitsprache der Patienten, was mit der neuen Gesetzeslage aber nicht gegeben sei (siehe Kasten).

Nicht der Schweregrad einer Erkrankung bestimme den Grad der Pflegebedürftigkeit, sondern der dauerhafte Bedarf an Hilfe, teilt der MDK in Oberursel mit. Der MDK verweist auf die Bestimmungen im Pflegeversicherungsgesetz. Maßgeblich für das Vorliegen von Pflegebedürftigkeit seien Beeinträchtigungen in sechs Bereichen, von Mobilität (Wie selbstständig kann sich der Mensch fortbewegen und seine Körperhaltung ändern?) über Selbstversorgung bis zu sozialen Kontakten. "Bei der Feststellung eines Grades der Behinderung werden demnach andere Voraussetzungen geprüft als bei der Begutachtung der Pflegebedürftigkeit", teilt eine MDK-Sprecherin mit. Zur Begutachtung durch Pflegekräfte heißt es: "Die Pflegebegutachtung beim MDK Hessen wird von speziell ausgebildeten und entsprechend geschulten Pflegefachkräften oder Ärzten durchgeführt." Das Verfahren zur Ermittlung der Pflegegrade sei den MDK-Gutachter gesetzlich vorgegeben und genau definiert.

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