Als die Schulen geschlossen waren, sollten Schüler Aufgaben über eine Lernplattform herunterladen. Das klingt erst einmal einfach - nur gibt es auch Schüler, die keinen Zugang zum Internet haben.
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Als die Schulen geschlossen waren, sollten Schüler Aufgaben über eine Lernplattform herunterladen. Das klingt erst einmal einfach - nur gibt es auch Schüler, die keinen Zugang zum Internet haben.

Kein Internet

Friedberg: Homeschooling und Hartz IV? „Klamotten, Essen – das geht erst mal vor“

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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15 Euro im Monat für Hobbys - reicht das? Für Kinder von Hartz-IV-Empfängern scheinbar schon. Zumindest laut Sozialgesetzbuch. Jenny, sie ist 16 und lebt in Friedberg, hat sich damit mehr oder weniger arrangiert.

Friedberg – Mit der Schulschließung kamen die Probleme. Keine unlösbaren zwar, aber dennoch stellten sie Jenny (Name geändert) vor eine organisatorische Herausforderung. Sie und ihre Klassenkameraden mussten sich die Hausaufgaben, ob Mathe, Deutsch oder Bio, aus dem Internet besorgen - über die Lernplattform »wtkedu«. An sich keine große Sache im digitalen Zeitalter - wenn alle Schüler die gleichen Zugangsvoraussetzungen hätten. »Wir haben kein Internet, weil es echt teuer ist«, sagt die 16-Jährige.

Sie lebt mit ihrer Mutter in Friedberg und geht in die zehnte Klasse. Mit dem bisschen Geld, das im Monat vom Hartz-IV-Satz der Mutter und vom Kindergeld übrig bleibt, beschränken sie sich auf das Nötigste. »Klamotten, Essen - das geht erst mal vor.«

Friedberg: Ohne Geld, kein digitaler Unterricht

Als im Frühling die Schulen geschlossen wurden und der Unterricht zum Teil ins Internet verlagert worden ist, musste die Zehntklässlerin anfangen, sich gut zu organisieren. Zwar habe sie ein Smartphone mit einem geringen monatlichen Datenvolumen, das allerdings sei sehr schnell aufgebraucht gewesen. Überhaupt: Das Handy hat einige Funktionsprobleme, Dokumente darauf zu speichern, geht nicht, weil zu alt, um eine externe Speicherkarte zu verwenden. »Wenn es den Laden nicht gäbe, hätte ich ein echtes Problem gehabt«, sagt die Zehntklässlerin. Sie meint den »Roten Laden« der Linken in der Usagasse in Friedberg. Dort stehen Computer mit Internetverbindung für Menschen, die keinen eigenen haben. Als es keinen Präsenzunterricht gab, ist Jenny regelmäßig dorthin gegangen, hat sich ihre Aufgaben heruntergeladen oder die fertigen Arbeitsaufträge an die Lehrer geschickt: In Mathe zum Beispiel Rechenaufgaben aus dem Lehrbuch. Oder in Englisch sollten sie ein Plakat gestalten, abfotografieren und an die Lehrerin schicken.

Klar, sagt Jenny, sie hätte auch Mitschüler oder Nachbarn fragen können, ob sie für eine Weile den PC nutzen kann. »Das wäre mir aber sehr unangenehm gewesen.« Wer hat heutzutage schon kein Internet, hätten sie dann bestimmt gefragt. Oder über sie getuschelt. »Ich komme damit mittlerweile ganz gut klar und habe mich daran gewöhnt, aber trotzdem ist es blöd, wenn man ausgeschlossen wird.«

Friedberg: 16-Jährige will nach Corona-Schuljahr Ausbildung machen

Die 16-Jährige erlebt das oft. Es fängt bei den scheinbar kleinen Dingen an. Einkaufen zum Beispiel. Sie spricht das Thema Bioprodukte an und sagt: »Ich bin eigentlich ein Umwelt-Freak.« Schiebt jedoch direkt hinterher: Aber dann sollte das Essen nicht so teuer sein. »Ich glaube, jeder will Fleisch von glücklichen Tieren essen.« Nur ist das vor allem eine Budget-Frage. »Wenn ich im Supermarkt sehe, wie Leute teure Produkte in ihren Wagen packen, als wäre nichts dabei, bekomme ich große Augen.« Die 16-Jährige zuckt mit den Schultern. »Das ist eben der Kapitalismus.«

Nach diesem Schuljahr und mit dem Realschulabschluss möchte Jenny eine Ausbildung machen. Ihre Mama habe ihr vorgeschlagen, sich nach einem Ausbildungsplatz als Verwaltungsfachangestellte umzuschauen. Vielleicht aber auch als Sekretärin, zum Beispiel in einer Anwaltskanzlei. Weil solche Berufe relativ sicher seien und ein festes Einkommen garantierten - »mit dem ich Essen, Trinken, Kleidung und Internet habe.« Das sei ohnehin das Wichtigste. »Die Arbeit muss mir keinen Spaß machen.«

Kind von Harzt-IV-Empfängerin aus Friedberg: „Mittelschicht-Freunde helfen“

Geld könne sie sich gut einteilen. »Ich weiß, dass man damit vorsichtig umgehen muss.« 15 Euro, erzählt sie, bekommen Kinder von Hartz-IV-Empfängern pro Monat als Zuschuss für Hobbys. Hätte Jenny keine Freundin, die ein Pferd hat, könnte sie nicht reiten. »Viele Mittelschicht-Freunde helfen mir.« Aber irgendwann möchte sie ein eigenes Pferd haben. »Ich habe mich in Kaltblüter verliebt, und mein Ziel ist es, mir irgendwann einen zu kaufen.«

Sich selbst etwas dazuzuverdienen ist für Kinder von Hartz-IV-Empfängern, die noch zur Schule gehen, aber quasi unmöglich: Gesetzlich ist festgelegt, dass sie mit einem Neben- oder Ferienjob nicht mehr als 100 Euro im Monat verdienen dürfen. Wenn doch, wird vom monatlichen Satz der Eltern gekürzt.

»Es ist bescheuert«, sagt Jenny. Solche Regelungen genauso wie die vielen Klischees, mit denen sie nicht selten konfrontiert werde: »Dass wir zu faul sind zum Arbeiten. Es gibt schon einen Grund, warum jemand ist, wie er ist. Ich bin dafür, dass Hartz IV abgeschafft wird.«

Friedberg: Tablets von der Schule?

Im Moment läuft der Präsenzunterricht an den Schulen wieder. Der Wetteraukreis, so hat Jenny es gehört, hat Tablets angeschafft und an Schulen verteilt. Die sollen an Schüler übergeben werden, die Zugangsprobleme haben. Jenny erzählt, sie war deswegen bei einem ihrer Lehrer, hat nachgefragt, zumal gerade diskutiert wird, ob Schulen teilweise Präsenz- und teilweise Zu-Hause-Unterricht anbieten sollen. Der Lehrer habe von nichts gewusst, wolle sich aber kümmern.

So oder so: Ihre Weihnachtswunschliste ist schon eine Weile fertig. »Tablet« steht darauf. Für die Schule einerseits. Aber andererseits auch, um mit einem digitalen Zeichenprogramm zu arbeiten, das auf ihrem Handy nicht richtig läuft. »Zeichnen, ob mit der Hand oder digital, ist mein großes Hobby«, sagt sie. Ob sie das irgendwann einmal zu ihrem Beruf machen möchte? Sie schüttelt den Kopf. Daran denkt sie nicht einmal. Zuerst will sie Geld verdienen. »Wenn ich in dieser Welt überleben will, muss ich mich darauf konzentrieren.«

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