Anfang April hat Prof. Reimer Gronemeyer das Projekt "Corona und Demenz" mit einem Team auf die Beine gestellt. Mittlerweile haben die Sozialwissenschaftler zahlreiche Erfahrungsberichte aus Pflegeheimen gesammelt.	ARCHIVFOTO: SCHEPP
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Anfang April hat Prof. Reimer Gronemeyer das Projekt »Corona und Demenz« mit einem Team auf die Beine gestellt. Mittlerweile haben die Sozialwissenschaftler zahlreiche Erfahrungsberichte aus Pflegeheimen gesammelt. ARCHIVFOTO: SCHEPP

Corona und Demenz

„Corona und Demenz“: Die Folgen der sozialen Abschottung

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Der Gießener Soziologe Prof. Reimer Gronemeyer hat im April mit dem Projekt »Corona und Demenz« begonnen und mit vielen Angehörigen von Pflegeheimbewohnern über die Folgen der Isolation gesprochen. »Es sind erschütternde Berichte.«

Mit dem Lockdown kam die Einsamkeit. Besuchsverbote. Ausgangssperre, abgesagte Gruppentreffen. Im März wurden alle Pflegeheime geschlossen - das Virus sollte draußen bleiben.

Doch kann soziale Isolation für Menschen mit Demenz der richtige Weg sein? Damals schon zeigte sich der Gießener Soziologe Prof. Reimer Gronemeyer besorgt über die Situation. In einem Interview im April sagte er: »Es ist jetzt unsere Aufgabe als Sozialwissenschaftler zu schauen, was die Anforderung an die Gesellschaft ist, die vielleicht im Moment zu sehr durch die Virus-Infektions-Brille schaut.«

Das Thema Demenz ist ohnehin schon lange ein Schwerpunkt in seiner Arbeit. Deswegen hat er im April mit einem Team das Projekt »Demenz und Corona« auf die Beine gestellt. Mit einem Aufruf haben sie Betroffene - sowohl Angehörige als auch Heimmitarbeiter - gebeten, von der Situation, den damit einhergehenden Problemen und Schwierigkeiten zu erzählen.

Nun, fünf Monate später, berichtet Gronemeyer: »Wir sind überrascht gewesen über die große Resonanz. Es sind ganz viele Briefe, Mails und Anrufe gekommen.« Und: »Es sind erschütternde Berichte. Wir haben die soziale Seite der Situation von Menschen mit Demenz unterschätzt. Was wir heute wissen: Die soziale Abschottung ist für sie dramatischer als für alle anderen Menschengruppen gewesen.« Die Erfahrung, plötzlich keinen Besuch mehr zu bekommen, die Pflegerin nur noch mit Maske zu sehen, nicht einmal mehr die Bewohnerin im Zimmer nebenan besuchen zu dürfen - »das ist für viele Menschen mit Demenz eine überhaupt nicht nachvollziehbare Sache gewesen.«

Ein Beispiel, das Gronemeyer nennt, ist die Geschichte einer Frau, die ihre Mutter unter den Kontaktbeschränkungen besucht hat. Die Tochter stand draußen - vor einem Fenster, an dem ein Gitter angebracht ist -, und die demente Mutter saß drinnen. Sie sagte zu ihrer Tochter: »Ich will jetzt nicht mehr mit Dir reden. Ich weiß zwar nicht, warum Du im Gefängnis bist, aber ich kann das nicht ertragen.«

Ein Beispiel von vielen, das zeige, dass Menschen mit Demenz die Situation oft nicht verstanden haben. Überhaupt die soziale Isolation. Eine Frau habe von ihrer Mutter erzählt, die nur noch im Rollstuhl das Heim verlassen könne. Deswegen sei sie nur vor die Tür gekommen, wenn ihre Tochter zu Besuch da gewesen sei. »Die Frau ist infolge der Tatsache, dass das nicht mehr stattgefunden hat, deutlich verfallen. Jetzt kann sie fast nichts mehr, was sie vorher noch gekonnt hat«, berichtet Gronemeyer. »Das ist eine Mahnung an uns.«

Der Soziologe betont: Trotz der fatalen Entwicklung dürfe es jetzt in keinem Fall um Schuldzuweisungen gehen. »Es war eine Situation der Panik und eines großen Entsetzens. Da ist vielleicht manches auch zu radikal gemacht worden.« Umso wichtiger sei es, nun Wege zu finden. »Ich glaube, es ist ein Augenblick gekommen, an dem wir gemeinsam darüber nachdenken müssen, wie es anders aussehen könnte. Wir sind gerne bereit, das in Gang zu setzen, aber die Bereitschaft müsste da sein.«

Wenn der Wunsch der Angehörigen da sei, die Unterstützung wieder aufzunehmen, müssten Wege gefunden werden. Auch um den Preis eines Restrisikos einer Infektion.

Eine Aussage, die Gronemeyer immer wieder gehört hat: Die Angehörigen wollen in vielen Fällen helfen. Ebenso die vielen Ehrenamtlichen, die in Heimen unterstützen, mit dem Lockdown aber ausgeschlossen worden sind.

Gronemeyer weiß, dass das Thema kein einfaches ist. Und dass es letztlich eine Abwägung ist: »Es muss geschaut werden, wie viel Beschädigung es durch diese Isolation gegeben hat.«

Künstliche Ernährung, die Verabreichung von Beruhigungsmitteln - von all diesen Maßnahmen infolge der sozialen Isolation hat er in den vielen Gesprächen gehört. Und, sagt er mit Verweis auf den im Bereich Demenz tätigen Anwalt Thomas Klie: »Manche Maßnahmen waren Menschenrechtsverletzungen.«

Egal, wie sich die Situation entwickelt: »Es darf sich unter keinen Umständen wiederholen, dass das fundamentale Bedürfnis nach Nähe und Kontakt einfach abgeschaltet wird.«

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