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Flüchtlingsunterbringung: Orientierung für beide Seiten

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Wollen Ehrenamtliche in die Betreuung der Flüchtlingen einbeziehen (von links): Pfarrer Stefan Wanske (katholische Kirche), Frank Halbritter (Ordnungsamt), Erster Stadtrat Peter Ziebarth, der neue Flüchtlingsbetreuer André Veith und Johannes Hartmann (IZ).
Wollen Ehrenamtliche in die Betreuung der Flüchtlingen einbeziehen (von links): Pfarrer Stefan Wanske (katholische Kirche), Frank Halbritter (Ordnungsamt), Erster Stadtrat Peter Ziebarth, der neue Flüchtlingsbetreuer André Veith und Johannes Hartmann (IZ). © Jürgen Wagner

Friedberg (jw). Kommen Flüchtlinge nach Deutschland, fehlt ihnen zunächst die Orientierung. Das dürfte auch für viele Stadt- und Gemeindeverwaltungen gelten, denen der Wetteraukreis im November eine neue Aufgabe zugeteilt hat: die Betreuung eben jener Flüchtlinge, um deren Unterkunft sich bislang der Kreis kümmerte. Für das Friedberger Rathaus sei dies »absolutes Neuland«, sagt Erster Stadtrat Peter Ziebarth.

»Wir müssen uns da reinarbeiten.« Einiges ist bereits getan, die ersten fünf Flüchtlinge sind untergebracht. Die Stadt hat zum 1. April mit dem Sozialpädagogen André Veith einen Flüchtlingsbetreuer eingestellt, nun soll ein Runder Tisch initiiert werden. Dringlichstes Problem laut Veith: »Wir suchen Ehrenamtliche, die Deutschunterricht erteilen, am besten mit syrischen Sprachkenntnissen.«

Die Stadtverwaltung setzt bei der Unterbringung der Flüchtlinge auf Teamwork. Andere Gruppen und Institutionen sollen mitreden. Neben Ziebarth, Ordnungsamtsleiter Jürgen Schlerf, dessen Stellvertreter Frank Halbritter und dem Flüchtlingsbetreuer, der zum Amt für öffentliche Sicherheit und Ordnung gehört, zählen Pfarrerin Claudia Ginkel von der evangelischen Kirchengemeinde, Pfarrer Stefan Wanske von der katholischen Pfarrgemeinde und Johannes Hartmann vom Internationalen Zentrum zu der Gruppe, die den Runden Tisch vorbereiten.

Derzeit zwei Personen aus Syrien

Wie Ziebarth sagt, leben zur Zeit fünf Flüchtlinge in Friedberg, um deren Betreuung sich die Stadt kümmert. Im Rathaus wurden hierfür in relativ kurzer Zeit die Strukturen aufgebaut, ein Gebäude wurde gesucht und gefunden, renoviert und möbliert, jede Menge Anschaffungen mussten getätigt werden. Demnächst kämen fünf weitere Flüchtlinge hinzu, in der zweiten Jahreshälfte wird noch einmal mit zehn Flüchtlingen gerechnet, dann wären es 20. Von den fünf derzeitigen Flüchtlingen stammen zwei aus Syrien, wo ein Bürgerkrieg tobt. Dazu kommt eine dreiköpfige Familie aus Serbien, deren erwachsener Sohn hier zur Schule ging, folglich gibt es keine Sprachbarrieren. Es handelt sich hier um ein Asylfolgeverfahren, das derzeit noch möglich ist. Laut einem Gesetzentwurf des Innenministeriums sollen Serbien, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Montenegro demnächst als »sichere Herkunftsstaaten« eingestuft werden. Wie der »Spiegel« berichtete, lag die Ablehnungsquote bei Asylverfahren für Menschen aus Ex-Jugoslawien bereits im vergangenen Jahr bei null Prozent. Für die Kommunen ist dies allerdings nicht relevant. Bekommen sie Flüchtlingen zugewiesen, müssen sie sich unabhängig vom jeweiligen Status um die Unterkunft kümmern.

Welche Hilfe brauchen Menschen, die vor dem Krieg in Syrien geflohen sind? Eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. »Wir müssen zunächst einmal die Sprachbarriere überwinden«, sagt André Veith. »›Morgen» sagen sie schon«, berichtet er vom Kontakt mit den Flüchtlingen. Veith schaut jeden Tag im Flüchtlingsheim vorbei, vermittelt Orientierung, gibt Tipps fürs Einkaufen, hilft bei Behördengängen, ist für das Gebäudemanagement verantwortlich und der erste Ansprechpartner. Letzteres gilt auch für die Friedberger. Bei den Nachbarn des Flüchtlingsheims hat er sich schon vorgestellt. »Ich bin herzlich aufgenommen worden, negative Erfahrungen habe ich keine gemacht.«

»Keine Vorschriften machen«

Der Flüchtlingsbetreuer, der in einer Nachbargemeinde von Friedberg lebt und zuvor in der Heimerziehung tätig war, hat eine halbe Stelle. In seiner Diplom-Arbeit hat er sich mit der Fremdheit beschäftigt, die neue Aufgabe sei daher eine spannende Herausforderung, sagt Veith. Bevor die Flüchtlinge ankommen, habe man nur sehr wenige Informationen über sie: »Name, Nationalität, Geburtsdatum, das war’s.« Welche Bedürfnisse sie haben, muss sich dann erst noch zeigen.

Noch zeigen wird sich auch, welche Rolle der Kirche zukommt. Wie Pfarrer Wanske sagt, gibt es eine ökumenische Vernetzung der Kirchen. In den Kirchengremien habe er bislang eine große Offenheit und auch große Motivation bei diesem Thema erlebt. »Das ist ein Thema, bei dem wir über den eigenen Kirchturm hinausblicken.« Wanske hofft, dass die Kirche beispielsweise pensionierte Lehrerinnen oder Lehrer dafür gewinnen kann, Sprachunterricht zu erteilen. »Was genau wir tun können, wird sich noch zeigen. Durch die kirchlichen Wohlfahrtsverbände sind wir aber bereits in dem Thema drin.«

Bei der Hilfe für Flüchtlinge müsse man sensibel vorgehen, weiß Johannes Hartmann. »Es geht zunächst ums Kennenlernen. Man kann den Menschen Anregungen zur Freizeitgestaltung geben, kann ihnen aber nichts vorschreiben.« Auch dürften Außenstehende bei Flüchtlingskindern nicht die Erziehungsfunktion der Eltern übernehmen. Auch er hofft, dass sich durch den Runden Tisch viele Menschen melden, die ihre Hilfe anbieten.

Bei der Frage allerdings, um welche Flüchtlinge sich die Mitglieder des Runden Tisches kümmern sollen, gehen die Meinungen auseinander. Die Stadtverwaltung sagt: Es geht um jene Flüchtlinge, die wir betreuen. Also 20 am Jahresende. Für Hartmann ist das »Behördendenken«. Ein Runder Tisch müsse sich um alle Flüchtlinge in Friedberg kümmern.

Derzeit leben in der Kreisstadt weitere rund 200 Menschen in drei Flüchtlingsunterkünften des Wetteraukreises. Vom Wetterauer Sozialdezernenten Helmut Betschel-Pflügel (Grüne) hat Hartmann erfahren, dass der Kreis für die in Friedberger lebenden Flüchtlinge keinen Runden Tisch eingerichtet habe. »Alle Flüchtlinge haben den gleichen Bedarf. Die Bürger unterscheiden nicht zwischen den Zuständigkeiten von Stadt und Kreis.« Ein Thema, das sicher noch für Diskussionsstoff sorgen wird.

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