Cricket als Freizeitspaß: Der Bowler im Hintergrund (weißes T-Shirt) hat den Ball geworfen, der Batsman (Mitte, mit Schläger) schlägt ihn möglichst weit weg. Trifft er den Ball nicht, fängt der Wicket-Keeper (r.) diesen auf.
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Cricket als Freizeitspaß: Der Bowler im Hintergrund (weißes T-Shirt) hat den Ball geworfen, der Batsman (Mitte, mit Schläger) schlägt ihn möglichst weit weg. Trifft er den Ball nicht, fängt der Wicket-Keeper (r.) diesen auf.

„Roter Platz“

Cricket: Nationalsport aus Pakistan sorgt auch in Friedberg für einen Boom

Cricket sei ein Gentleman-Spiel, sagt Sharjeel Nawaz. Es gibt keine wilden Raufereien, kein Getrete und keine Fouls. Flüchtlinge haben den Sport nach Deutschland gebracht, auch nach Friedberg.

Hinter der Henry-Benrath-Schule befindet sich ein eingezäunter Sportplatz. Der »Rote Platz« wird täglich gut frequentiert. Fußballer und Einradfahrer nutzen ihn, hier wird Federball gespielt, Gymnastikgruppen machen Dehnübungen, kleine Kinder lernen auf dem Gummibelag Fahrrad fahren. Regelmäßig treffen sich dort abends junge und jung gebliebene Männer, offensichtlich mit Migrationshintergrund, und betreiben eine Sportart, die an das amerikanische Baseball erinnert.

»Die Regel sind einfach«, sagt ein Spieler. Es gibt den Batsman, den Bowler, den Striker und den Wicket-Keeper sowie die übrigen Spieler, die Fielder genannt werden und den geschlagenen Ball zurück ins Spielfeld werfen. Je nachdem, wie weit der Ball fliegt, werden Punkte verteilt. Dies erfolgt offenbar unabhängig davon, ob die drei Holzstäbe (Wickets), die der Wicket-Keeper bewacht, umgeworfen werden oder nicht. Meistens bleiben sie das ganze Spiel über stehen. Die Punkteverteilung ist noch komplizierter, aber als Grundregel gilt: Je länger der Gegner braucht, um den Ball zurückzuwerfen, desto mehr Punkte gibt’s.

Der »Rote Platz« ist für Cricket-Spiele eigentlich zu klein und die Umzäunung stört, sagt Sharjeel Nawaz. Man wolle im Rathaus beim Bürgermeister vorstellig werden. Vielleicht gibt es einen geeigneteren Platz in Friedberg. Auch auf der Seewiese sieht man hin und wieder beim Cricket-Spiel. Das ist nicht ganz ungefährlich, auch weiche Bälle können Zuschauer hart treffen.

Gespielt wird mit weichen Bällen

Der 29-jährige Nawaz gehört der Friedberger Ahmadiyya-Gemeinde an, ist dort Leiter der Sportabteilung. »Was wir hier machen, ist Freizeitsport.« Gespielt wird mit einem weichen Tennisball. In der Wettkampfversion (»Hard Cricket«) wird mit härteren Bällen und Schutzausrüstung gespielt.

Die meisten Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde kommen aus Pakistan. Beim Cricket seien Nationalität oder Religion aber unwichtig, sagt Nawaz. »Es haben auch schon Deutsche mitgespielt.« Genauso wie Türken, Afghanen oder wer auch immer mitspielen wolle. Auch die Jüngeren werden ins Spiel eingebunden. »Wir wollen Kindern und Jugendlichen ein Freizeitangebot machen. Besser, sie treiben Sport, als wenn sie den ganzen Tag vorm Computer sitzen.«

Nur Frauen fehlen. Weder bei den Gruppen von Jugendlichen, die hier oft Cricket spielen, noch bei den Ahmadiyyas stehen Frauen auf oder - als Zuschauerinnen - neben dem Platz. »Die treiben auch Sport, aber das machen sie unter sich«, sagt Nawaz. So sei das nunmal. Für deutsche Spiel-Beobachter ist das irritierend.

Wurftechnik ist genau festgelegt

Cricket-Spiele können sich in die Länge ziehen. Es gibt eine Version, die fünf Tage dauert. »So lange spielen wir hier nicht«, lacht Mudasser Ahmed. Er lebt seit 30 Jahren in Deutschland, hat 20 Jahre lang Fußball gespielt. Cricket sei ganz anders. »Da muss man nicht 90 Minuten lang rennen.« Beim Cricket gehe es um das Duell zwischen dem Werfer (»Bowler«) und dem Schlagmann (»Batsman«), der die drei Holzstäbe verteidigt und den Ball mit dem Cricketschläger möglichst weit schlägt. Dabei ist die Wurftechnik des »Bowlers« bis hin zur Haltung des Wurfarmes durch die Regeln vorgeschrieben.

Einer, der dies meisterlich beherrscht, ist Shahid Ahmed. Der 32-jährige, der in Friedberg und in Frankfurt Taxiunternehmen betreibt, spielt wie drei andere Mitspieler in der Bundesliga-Mannschaft des FC Türk Hattersheim. »In Pakistan spielen fast alle Kinder Cricket«, erzählt Ahmed. Das sei dort der Nationalsport, ähnlich wie Fußball in Deutschland.

In Pakistan spielte Ahmed in der Regionalliga. »Durch die Flüchtlinge, die hierher kamen, ist die deutsche Nationalmannschaft viel besser geworden.« Das Team, trainiert von einem englischen Trainer und gespickt mit ehemaligen pakistanischen und afghanischen Profis, hat sich von den hinteren Rängen der Weltrangliste auf Platz 33 vorgekämpft.

Die Ahmadiyya-Gemeinde organisiert gerade ein großes Sportfest. Der Termin stehe noch nicht fest, sagt Sharjeel Nawaz. »Das soll aber noch im August stattfinden.« Dann wird auf und neben dem »Roten Platz« Fußball, Volleyball und Basketball gespielt und natürlich Cricket, zum Reinschnuppern für Jedermann.

Einer, der auf jeden Fall beim Sportfest im August dabei ist, ist der vierjährige Shazil Ahmed. Während die Großen Bälle schlagen, flitzt er auf dem Dreirad über den Platz. »Ich habe auch schon einen Ball geschlagen«, erzählt er stolz. Wie weit der geflogen sei? »Gaaaanz weit«, sagt Shazil und breitet die Arme aus.

Es fehlen geeignete Sportplätze

Seit 2015, als die Flüchtlinge kamen, boomt Cricket in Deutschland. Die Flüchtenden aus Pakistan, Afghanistan, Bangladesh oder Sri Lanka brachten ihren eigenen Sport mit. Langsam öffnen sich auch heimische Vereine dem Cricket, bieten diese Sparte an. Aber es fehlt an geeigneten Plätzen. Das Spielfeld ist größer als ein Fußballplatz, hat eine ovale Form und in der Mitte einen breiten Streifen, die »Pitch«. Hier stehen sich Werfer und Schlagmann gegenüber. Am »Roten Platz« hinter der Friedberger Henry-Benrath-Schule dient eine Baumreihe jenseits der Umzäunung als Begrenzung des Spielfeldes.

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