Die Braut sieht aus wie ein Mann? Das ist Regisseur Johannes Pfeiffer, der mit Textbuch für eine erkrankte Kollegin einspringt. Was die großartige Vorstellung keineswegs trübt. FOTO: EMMINGER
+
Die Braut sieht aus wie ein Mann? Das ist Regisseur Johannes Pfeiffer, der mit Textbuch für eine erkrankte Kollegin einspringt. Was die großartige Vorstellung keineswegs trübt. FOTO: EMMINGER

Wie der Finanzcrash begann

  • vonHaimo Emminger
    schließen

Friedberg(emh). Zum Schluss - wir schreiben den 15. September 2008 - warten die vor der Pleite stehenden Herren erstmals nach zweieinhalb hysterisch-turbulenten Stunden betroffen schweigend auf den erlösenden Anruf. Doch niemand rettet sie, die Lehman-Banker. Im Publikum weiß jeder: Der Welt-Finanzcrash hat begonnen. Aber noch bevor der verdiente Beifall sich Bahn bricht und das Ensemble mit drei "Vorhängen" für seine enorme Leistung belohnt wird, drängt sich der jüngste Börsenskandal ins Bewusstsein: Wirecard!

Akteure schlüpfen in mehrere Rollen

Zum ursprünglichen Aufführungstermin im März wäre diese Assoziation unterblieben. Aktueller geht es nimmer. Das Münchener "a.gon Theater" (benannt nach dem griechischen Theaterwettstreit "agon") hat diesmal (nach zum Beispiel "Das Boot") eine Mischung aus gespielter und erzählter Familienchronik auf die Volksbühne nach Friedberg gebracht. Mit fünf hervorragenden Schauspielern und einer Kollegin. Die aber war indisponiert, und auch die Zweitbesetzung konnte leider nicht auftreten. So übernahm deren Rolle hilfsweise Regisseur Johannes Pfeiffer, was er mit Perücke und Textbuch in der Hand mehr als überzeugend meisterte.

Um die Vielzahl der Personen dreier Generationen zu verkörpern, schlüpfte jeder Akteur in zahlreiche Rollen. Die Requisiten waren griffnah am Rand der Bühne aufgestellt, die sparsam mit vielseitig nutzbaren Holzblöcken und einer Filmleinwand ausgestattet war. Man denkt an Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony", als der Weg der streng jüdischen, ungemein tüchtigen Lehman Brothers aus dem fränkischen Nest Rimpar ins gelobte Land nach Montgomery/Alabama steil nach oben führt. Ein langer Weg, den gerafft wiederzugeben am Montagabend bei zweieinhalb Spielstunden in der coronagerecht bestuhlten Stadthalle sowohl für die Akteure wie für das Publikum eine Pause zwingend machte.

Hier nur ein kleiner Auszug: Nach Henry (1844) kommen seine Brüder Emanuel und Mayer, Söhne eines Viehhändlers, in die USA und arbeiten gemeinsam in der von Henry aufgebauten Tuchhandlung, die rasch auf Baumwolle erweitert wird. In rund 40 Stationen erleben die Zuschauer in teils aberwitzig, schnellen und schrillen Szenen ("American Life"!), wie Welt- und Familiengeschichte verbunden sind und wie die Brüder und deren Nachkommen ticken. Oft ertönt dazwischen "die Spieluhr, die man Amerika nennt".

Das Geschäft ist hart, um 5 Uhr morgens beginnt der Arbeitstag. Doch nach dem gelungenen Aufstieg sind die Lehmans, die sich mehr und mehr als "Mittler" sehen, zu fein, um Verträge selbst zu unterzeichnen. Das überlassen sie Angestellten, denn sie sind "etwas Höheres", entscheiden im Verwaltungsrat über Investitionen. Kauf und Verkauf, Kreditvermittler für den Staat Alabama, die Bank entsteht, es geht ins Börsengeschäft.

Alle Lehmans sind zähe Burschen

Zähe Verhandler und selbstbewusst sind alle Lehmans: Geschäftlich, wenn es etwa um die Finanzierung der Eisenbahn geht oder bei der Partnerwahl, wenn Emanuel seiner Angebeteten sechsmal vergeblich einen Strauß bringt und schließlich doch erhört wird. Sie verbünden sich für 20 Jahre mit ihrem Rivalen Goldman Sachs. Den schwarzen Börsen-Freitag 1929 überstehen sie, wenn auch knapp, doch weiterhin gilt: Geld regiert die Welt!

Sie haben Albträume (gut dargestellt durch Filmeinspielungen) und investieren in Kriegswaffen, fragen sich aber nur nebenbei, ob sie damit vielleicht ihre Heimat Rimpar zerbombt haben. Ein spannender, informativer und so ganz anderer Theaterabend als sonst. Man kann nur sagen: Danke liebe Volksbühne, die Arbeit hat sich gelohnt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare