Beim Feuerwehreinsatz (hier eine Aufnahme von einem Brand 2017 in der Gebrüder-Lang-Straße) zählt der Teamgeist, einer muss sich auf den anderen verlassen können. Gibt es Zweifel, wird Feuerwehr-Anwärtern auch schon mal die Aufnahme verweigert. Das sorgt dann für Frust.
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Beim Feuerwehreinsatz (hier eine Aufnahme von einem Brand 2017 in der Gebrüder-Lang-Straße) zählt der Teamgeist, einer muss sich auf den anderen verlassen können. Gibt es Zweifel, wird Feuerwehr-Anwärtern auch schon mal die Aufnahme verweigert. Das sorgt dann für Frust.

Leitung erklärt Entscheidung

„Nicht teamfähig“: Feuerwehr Friedberg weist Anwärter ab – und sorgt so für Frust

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Die Feuerwehr sei sein Leben, sagt der junge Mann. In Friedberg, seinem neuen Wohnort, wurde ihm aber die Aufnahme in die Einsatzabteilung verweigert. Die Leitung der Feuerwehr weiß warum.

Friedberg – Der Dienst bei der Feuerwehr ist kein Zuckerschlecken. Es geht um Hilfe am Nächsten, um Leben und Tod. Man sollte daher froh sein über jeden, der sich für diesen Dienst zur Verfügung stellt. Aber die Feuerwehr nimmt nicht jeden auf. Das musste ein junger Mann erfahren, der nach Friedberg zog. Nach mehreren Wochen Probelauf erfuhr er, dass man auf seinen Einsatz lieber verzichtet.

Wie kann das sein? Das fragt sich Julian Reiter (Name von der Red. geändert). Der 22-jährige Securitymann ist seit zwölf Jahren in der Feuerwehr aktiv, war Mitglied zweier Wehren in Dörfern eines Nachbarkreises. »Ich bin ausgebildeter Feuerwehrmann«, sagt Reiter. Menschen helfen und die Kameradschaft: Das sei sein Ding. Dass er abgelehnt wurde, macht ihn fassungslos. »Das wurde mir in einem Ein-Minuten-Gespräch mitgeteilt. »Ich war zwei Monate zur Probe dort, es war alles okay.«

Feuerwehr Friedberg hat keine Nachwuchsprobleme

Fragt man bei der Leitung der Friedberger Feuerwehr nach, geht die Geschichte etwas anders. »Als wir ihm die Entscheidung mitteilten, ist Herr Reiter rausgerannt, hat sich ins Auto gesetzt und war weg«, sagt Wehrführer Mathias Henritzi. »Wir hätten das gerne geklärt, hatten aber keine Chance«, sagt der jüngst im Amt bestätigte Stadtbrandinspektor Ingo Wißmer.

Kleinere Feuerwehren leben vom Nachwuchs. In der Friedberger Kernstadt ist das anders. »Wir haben eine hohe Fluktuation«, sagt Henritzi. Von 23 Neuzugängen in den letzten beiden Jahren kommen nur sieben aus der eigenen Jugend. Die übrigen sind Quereinsteiger: Studenten der THM und Zugezogene. 70 Einsatzkräfte zählt die Kernstadtwehr. Nachwuchsprobleme gebe es keine, sagt Wißmer.

Eklat um abgelehnten Feuerwehrmann in Friedberg: Einstimmiges Votum gegen Aufnahme

Feuerwehr-Anwärter werden von einem Arzt auf körperliche und geistige Eignung geprüft. Sie machen eine Ausbildung, sind bei Übungen dabei. Nach vier bis sechs Wochen entscheiden Führungskräfte über die Aufnahme. Wißmer: »Es gab ein einstimmiges Votum gegen eine Aufnahme.« Das sei selten. Sämtliche Führungskräfte hätten Bedenken geäußert. Henritzi: »Herr Reiter ist ständig negativ aufggefallen. Er war der einzige, der im Stützpunkt keine Corona-Schutzmaske trug, trotz mehrfacher Hinweise. Er hat einem Neuling ein Fahrzeug erklärt, das er gar nicht kannte, hat sich ständig Kenntnisse angemaßt, die er gar nicht hat.«

Man habe ihm mehr Zeit als üblich gegeben, sich dann aber gegen ihn entscheiden müssen. Wißmer: »Ja, er hat Wissensdurst gezeigt.« Er habe aber die Hinweise der Führungskräfte nicht beachtet. Im Ernstfall (für die Feuerwehr der Normalfall) muss sich jeder auf jeden verlassen können. »Feuerwehr ist Teamarbeit«, sagt Wißmer. Schert einer aus, kann dies das Leben der Kameradinnen und Kameraden gefährden.

Feuerwehr Friedberg: „Das Betriebsklima muss stimmen“

»Wir sind über alle froh, die zu uns kommen. Aber das Betriebsklima muss stimmen«, sagt Wißmer. »Wir kommunizieren hier offen, man kann über alles reden.« Renne jemand weg, sei kein Gespräch möglich. Es sei auch das erste Mal, dass es eine Beschwerde gebe, sagt Henritzi. »Sonst haben wir nur gute Erfahrungen damit gemacht, wie wir mit Neuaufnahmen umgehen.«

Der abgelehnte Feuerwehrmann hatte einen Grundlehrgang absolviert. Das ist der Einstieg bei der Feuerwehr. Danach folgen weitere Ausbildungsgänge: Nach zwei Jahren kann man Truppmann II werden, nach weiteren Lehrgängen (Atemschutz, Sprechfunk, LKW-Führerschein etc.) kann man Truppführer werden. An der Hessischen Landesfeuerwehrschule Kassel folgen Lehrgänge für Gruppenführer, Zugführer und Verbandsführer.

Um sich fit zu halten, treiben die Feuerwehrleute Sport. Sie dürfen kostenlos im Usa-Wellenbad schwimmen, freitags wird in der Steinkopfhalle in Ockstadt Intervalltraining angeboten. Aber auch bei den Übungen im Feuerwehrhaus fließt der Schweiß, wenn die Einsatzkräfte in voller Ausrüstung schwere Kanister quer durch die Halle schleppen. Ein anstrengendes Hobby. Aber ein erfüllendes. »Für die Feuerwehr muss man leben«, sagt Wißmer. »Unser Antrieb ist die Hilfe am Nächsten.«

Das klappe aber nur, wenn das »Betriebsklima« stimme, betonen Wißmer und Henritzi: Einer muss sich auf den anderen verlassen können. Sei das nicht gegeben, müsse man Feuerwehr-Anwärtern auch mal eine Absage erteilen.

Tipps für Feuerwehr-Anwärter

Retten, Löschen, Bergen, Schützen - die Aufgaben der Feuerwehr sind vielfältig. Wer sich bei der Kernstadtwehr in Friedberg um Aufnahme bewirbt, durchläuft eine mehrwöchige Probephase. Alle Anwärter bekommen einen erfahrenen Paten oder eine Patin an die Seite gestellt und erhalten das Feuerwehr-ABC, ein Handbuch über die Vorgehensweise der Feuerwehrleute in den verschiedensten Situationen. Darin wird beispielsweise über die digitale Alarmierung informiert, über Schutzkleidung oder die einzelnen Aufgaben der Einsatzkräfte. Auch die Feuerwehr setzt auf Integration. Wie Stadtbrandinspektor Ingo Wißmer und sein Stellvertreter Mathias Henritzi im Gespräch anhand von Beispielen erläuterten, werden auch Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinschränkung eingegliedert. Sie gehen dann nicht als Atemschutzgeräteträger in brennende Häuser, sondern haben andere Aufgaben, etwa als Unterstützung bei Übungen.

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