17 Jahre lang hat Elisabeth Müller an ihrem Arbeitsplatz Texte aller Art übersetzt. Liebesbriefe waren dabei, beglaubigte Urkunden oder Zeugnisse. Nun jedoch räumt sie ihr Friedberger Büro im Mainzer-Tor-Weg. Sie hat eine neue Aufgabe. FOTO: SDA
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17 Jahre lang hat Elisabeth Müller an ihrem Arbeitsplatz Texte aller Art übersetzt. Liebesbriefe waren dabei, beglaubigte Urkunden oder Zeugnisse. Nun jedoch räumt sie ihr Friedberger Büro im Mainzer-Tor-Weg. Sie hat eine neue Aufgabe. FOTO: SDA

Übersetzerin

Fasziniert von Sprachen

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Es war keine leichte Entscheidung, sagt Elisabeth Müller. Dennoch hat sie sich nach 17 Jahren entschieden, die Friedberger "Wortschmiede" zu schließen.

Elisabeth Müller hat den Satz schon häufiger gehört: "Wenn Du Spanisch sprichst, bist Du wie ein anderer Mensch." Sie lächelt: Ja, sagt sie, vielleicht ist es das, was sie an Sprachen so sehr liebt. Es ist nicht nur das Übertragen von Wörtern und Sätzen. "Man schlüpft in eine andere Identität, übernimmt ganz viel aus der jeweiligen Kultur."

Genauso ist es auch, wenn sie Bücher für Verlage übersetzt. Romane zum Beispiel. Oder Lyrikbände. "Der Ton, die Stimmung, die kulturellen Kontexte - all das gehört dazu."

Elisabeth Müller hat damit viel Erfahrung. Die Liste der Bücher, die sie übersetzt hat, ist lang. "Drei, vier Seiten", sagt sie. Die meisten der Texte sind in der Originalsprache Spanisch oder Französisch. Aber auch englische Texte hat sie im Laufe der Jahre in ihr Portfolio übernommen. Das muss man, um in der Branche Fuß fassen zu können, sagt sie. Zumal Übersetzungen nicht unbedingt üppig entlohnt werden.

Die Friedbergerin beherrscht vier Sprachen. Deutsch, weil es ihre Muttersprache ist, Spanisch, weil sie im Alter von einem Jahr nach Mexiko "ausgewandert worden ist". Englisch hat sie in der Schule gelernt. Und später, mit 18 Jahren, kam noch Französisch dazu: "Ich habe mich in einen Mann aus Paris verliebt und dort Französisch gelernt."

Ihr berufliches Leben hat sie stets nach den Sprachen gestaltet. Richtig angefangen hat es mit dem ersten Kind. Es war noch klein, die Mutter zu Hause - und sie merkte, dass sich die Übersetzertätigkeit gut mit dem Mutter-Dasein kombinieren lässt. Mit den Jahren sind immer mehr Aufgaben dazugekommen. Elisabeth Müller hat gedolmetscht, etwa für Behörden oder für die Polizei, bei Telefonüberwachungen.

Vor allem aber hat sie Dokumente für Kunden übersetzt, die in ihr Friedberger Büro gekommen sind. Dort, im Mainzer-Tor-Weg, hat Elisabeth Müller vor 17 Jahren mit einer Kollegin die "Wortschmiede" eröffnet. Die Regale des kleinen Büros stehen voller Bücher. In der Mitte des Raums, am Schreibtisch, hat Elisabeth Müller fast alle davon übersetzt. Und mit den vielen Kunden gesprochen, die in all den Jahren mit ihren Anliegen gekommen sind. Beglaubigte Urkunden, die übersetzt werden mussten, Zeugnisse, Briefe.

Wie viele Dokumente es waren, kann die Übersetzerin längst nicht mehr sagen. An manche kann sie sich aber noch gut erinnern. Ein Kunde, erzählt sie, hatte nach vielen Jahrzehnten seine Jugendliebe wiedergetroffen: eine Südamerikanerin, die in Japan lebte. Beide, er und sie, waren wieder ledig, wollten heiraten. Bürokratisch eine große Sache, erinnert sich Elisabeth Müller. "Es ging über drei Kontinente." Die Übersetzerarbeit lief über ein Jahr. Letztlich hat alles geklappt - und Elisabeth Müller ist zur Hochzeit in Friedberg eingeladen worden.

"Die Vielseitigkeit hat mir immer Spaß gemacht", sagt sie. Der Kunde, der seine Aktien verkaufen wollte, dolmetschen im Gefängnis, die Adoptionsurkunden. "Viele haben mir hier auch ihr Herz ausgeschüttet."

All das wird sie vermissen. "Ich habe mich schweren Herzens dazu entschieden, mein Büro zu schließen." Nicht, weil es ihr keinen Spaß mehr macht. "Aber ich verändere mich nun noch einmal." Sie ist ohnehin als Meditationslehrerin tätig, nun ist eine weitere Aufgabe hinzugekommen: An der Uni Göttingen hat sie einen Lehrauftrag bekommen und wird Seminare für fachlich-literarisches Übersetzen aus dem Spanischen geben.

In Friedberg möchte sie dennoch bleiben. "Ich fühle mich nach langen Auslandsjahren inzwischen heimisch in der schönen Wetterau." Übersetzen will sie auch weiterhin - nur eben keine Dokumente mehr, sondern ausschließlich Bücher. Daneben schreibt sie eigene Texte, Gedichte.

Sprache war eben schon immer ihre große Leidenschaft. "Worte sind Energie", sagt sie. "Sie können die schärfste Waffe sein und die größte Heilung bewirken."

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