Autorin Minka Pradelski stellt zum Auftakt ihr neues Werk "Es wird wieder Tag" vor. 	FOTOS: LOD
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Autorin Minka Pradelski stellt zum Auftakt ihr neues Werk »Es wird wieder Tag« vor. FOTOS: LOD

»Fahrt durch eine grausame Zeit«

  • vonHarald Schuchardt
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Friedberg (har). Der Beginn jüdischen Lebens, aber auch die Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten stehen im Mittelpunkt des Romans »Es wird wieder Tag« der Frankfurterin Minka Pradelski.

Das zweite Buch der studierten Soziologin wurde kürzlich in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt vorgestellt. Mit dabei war auch Joachim Unseld, der seit 1994 die Frankfurter Verlagsanstalt leitet. Der Verleger war jetzt zur ersten öffentlichen Lesung von Pradelski nach der Premiere in das Theater Altes Hallenbad gekommen.

Es war die erste Veranstaltung von »Friedberg lässt lesen«, dem Gemeinschaftsprojekt von Ovag, Buchhandlung Bindernagel, Sparkasse Oberhessen und der Stadt seit dem Corona-Ausbruch. »Wir sind wieder da, ich freue mich«, begrüßte Buchhändlerin Friederike Herrmann die Besucher im - dank neuer Lüftungsanlage - sehr gut durchlüftenden Saal.

»Es ist für mich eine große Ehre, dass Joachim Unseld gekommen ist, dies zeigt, dass wir in der Provinz doch wichtig sind«, meinte Herrmann, worauf Unseld meinte : »Über Generationen hinweg arbeitet der Verlag sehr gut mit der Buchhandlung zusammen.«

In seiner Einführung zu Pradelskis zweitem Buch wies Unseld auf die Zusammenhänge mit deren Erstlingswerk »Und da kam Frau Kugelmann« hin. Darin erzählt eine Jüdin humorvoll Geschichten aus dem »aufregenden jüdischen Leben in einer polnischen Kleinstadt« (Unseld). Warum alle Erzählungen im September 1939 enden, wisse wohl jeder, sagte Unseld.

Der neue nicht autobiografische Roman schließe zeitlich an seinen Vorgänger an, umfasst dieser doch die Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der 1940er Jahre. »Man muss das erste Buch nicht gelesen haben, um das zweite zu verstehen«, ergänzte Unseld.

Der aktuelle Roman beginnt mit der Geburt von Bärel, dem Kind von Klara und Leon Bromberger, die beide die Nazizeit in Lagern überlebt haben. Bärel erblickt ausgerechnet am 24. Dezember 1946 das Licht der Welt. Und es ist ein besonderes Kind: Es ist kräftig, kann schon sprechen und mit sechs Monaten laufen.

Bärel ist die Zukunft

»Bärel weiß schon alles«, sagt Pradelski, die ihre Lesung mit Bärels ersten Satz nach der Geburt beginnt: »Am Tag meiner Geburt hatte ich schon verloren.« Sprach’s und biss seine Nabelschnur durch.

Pradelskis Buch besteht aus drei Biografien, wobei der Mittelteil mit Claras Erlebnissen eine »Fahrt durch eine grausame Zeit« ist«, sagte Unseld. Claras furchtbare Erinnerungen an ihre Flucht als von den Eltern getrennte 15-Jährige und ihr Leben in einem Lager werden durch eine überraschende Begegnung ausgelöst.

Beim Spaziergang mit Bärel in einem Frankfurter Park trifft sie auf »Lilliput«, jener kleinwüchsigen KZ-Oberaufseherin, die sie schikaniert und gedemütigt hat. Diese Begegnung hat Folgen: Clara bricht zusammen, sie versorgt ihr Kind nicht mehr. Ehemann Leon sieht nur eine Chance, wie sie da raus kommt: »Schreib alles auf«.

Unseld sagte dazu: »Pradelski beschreibt, dass es in dieser Zeit ein Nebeneinander von Tätern und Opfern gab, das ist ihr ein Anliegen.« Auch Leon Bramberger hat ein Lager überlebt, geht jedoch mit Optimismus und Tatendrang in die »neue Zeit«, wird Schwarzhändler und sorgt dafür, dass sich »eine ganze Straße in Berlin von einem polnischen Schwein ernährt.« Pradelski, beschreibt das sehr humorvoll.

Doch die Repressalien gegen Juden in Polen nehmen zu, so dass Leon nach Frankfurt kommt, wo er im Zeilsheimer DP-Camp, einem Auffanglager der Amerikaner für Juden, auf Clara trifft. Auch die Autorin wurde 1947 in diesem Lager geboren. Im Lager entwickelt sich wieder jüdisches Leben, sodass viele Juden nicht auswandern, sondern eine Zukunft in Deutschland sehen. »Bärel ist diese Zukunft«, sagt Unseld am Ende des - trotz des ernsten Themas - unterhaltsamen Mix aus Lesung und Zeitgeschichte.

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