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Kai Euler (l.) und Vater Uwe an der computergesteuerten Kantbank zur Bearbeitung von Blechen. Gut 50 000 Euro hat diese Maschine gekostet. Eine von vielen Investitionen der Butzbacher Firma. An Liquidität fehlt es dem Traditionsbetrieb nicht, aber an qualifiziertem Personal.

Problem für Handwerksbetriebe

Fachkräftemangel in der Wetterau: Selbst „Kopfprämie“ für Dachdecker erfolglos

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Die Auftragsbücher des Handwerks in der Wetterau sind so voll wie seit etlichen Jahren nicht mehr, doch viele Vertreter der Branche malen die Zukunft schwarz. Wegen des Fachkräftemangels.

Butzbach – Zu Beginn des Treffens mit den Chefs der EUBU Dach + Fassade GmbH in Butzbach wird gelacht, die Anekdote steht jedoch als Sinnbild für die Lage im Wetterauer Handwerk. Geschäftsführer Uwe Euler empfängt die WZ-Mitarbeiter auf dem Hof, führt sie zum Hintereingang. »Die vordere Tür ist kaputt, wir warten vergeblich auf einen Handwerker«, sagt der Dachdecker-Meister. Euler bekommt zu spüren, wie sich viele Kunden fühlen.

Der Geschäftsführer nennt ein Beispiel. Im Winter wurde die Firma mit einer Dachsanierung beauftragt, die im März oder April erledigt werden sollte. Tatsächlich begonnen wurde erst dieser Tage. Solche Verzögerungen sind eher die Regel denn die Ausnahme. Firmen aller Branchen fehlt qualifiziertes Personal, um die Auftragsflut zeitnah abarbeiten zu können. »Wir erstellen eine Prioritätenliste. Gebäude, bei denen es reinregnet, kommen zuerst dran. Zum Glück haben wir nur einen Neubau-Anteil von fünf Prozent, denn dort müssen wir Termine genau einhalten«, erklärt Juniorchef Kai Euler.

Kein Dachdecker-Nachwuchs für die Wetterau: Aktion war erfolglos

Liebend gerne würde EUBU zwei oder drei erfahrene Dachdecker-Gesellen einstellen, doch der Markt ist leer gefegt. »Zwei Jahre haben wir einen Kranführer gesucht. Jetzt wurde endlich einer gefunden. Er muss allerdings noch seinen Lkw-Führerschein machen«, sagt Uwe Euler. Über Monate bediente Sohn Tobias Euler den Kran - als Meister überqualifiziert für diese Aufgabe.

Angesichts der dramatischen Lage wurde eine ungewöhnliche Kampagne in Sozialen Medien gestartet: »500 Euro Kopfgeld für einen Dachdecker«. Bezahlt wird für die Vermittlung einer Fachkraft. Auch diese Aktion war erfolglos.

Vor den Betriebsferien gab es scheinbar einen Lichtblick. Sechs Leute wurden eingestellt. Zwei davon hat die Firma selbst ausgebildet. Von den anderen vier wurde einem bereits wieder gekündigt. Insgesamt herrsche große Fluktuation. Aufgrund des Personalproblems könne die Firma bestimmte Aufträge nicht mehr annehmen, etwa das Decken von Schieferdächern.

Handwerk in der Wetterau: Wenn Grundkenntnisse und Motivation fehlen

Das Ausbildungsniveau im Handwerk ist laut Uwe Euler, der lange im Prüfungsausschuss saß, deutlich gesunken. Der Mangel an qualifizierten Lehrkräften in den Berufsschulen und der Lockdown hätten die Lage verschärft. Jeden Tag müssten alle Baustellen kontrolliert werden, um teure Fehler zu vermeiden.

EUBU hat die Ausbildungsbemühungen seit 2017 ausgebaut. Kai Euler kümmert sich um den Nachwuchs, der sehr dünn gesät ist. Die Firma würde zwei, drei Jugendliche pro Lehrjahr einstellen, doch das ist kaum möglich. Einigen fehlten Grundkenntnisse und Motivation, sie erschienen nicht einmal pünktlich zur Arbeit. In Einzelfällen komme es zum Abbruch der Lehre. Als positives Beispiel nennt Kai Euler einen Syrer im zweiten Lehrjahr, der zwar mit Sprachproblemen kämpfe, aber sehr fleißig sei.

Fachkräftemangel in der Wetterau: Verweis auf ordentliches Gehalt

Die Eulers, sie führen den Familienbetrieb mit 25 Beschäftigten in vierter Generation, rätseln, warum Handwerksberufe so unattraktiv sind. Direkt nach der Prüfung werde ein Stundenlohn von 17 bis 19 Euro gezahlt. Erfahrene Gesellen kämen auf 22, 23 Euro. Mit Prämien und Überstunden-Zuschlägen könnten Dachdecker 4500 Euro brutto im Monat einstreichen. »Ich kenne Ingenieure oder Architekten, die weniger verdienen«, sagt Kai Euler. Manche Gesellen arbeiteten als »freischaffende Künstler«, seien einige Monate für die meistbietende Firma tätig, zögen dann weiter. Andere machten sich selbstständig, ein Meistertitel sei dafür nicht mehr nötig.

Zur schwierigen Lage trügen Lieferengpässe und Preisexplosion bei. So warte man vier bis fünf Monate auf Dämmmaterial. Uwe Euler nennt ein weiteres Beispiel: »2020 hat eine Dachlatte 50 Cent gekostet, jetzt sind es 1,50 oder 1,60 Euro. Ein Anstieg von über 300 Prozent.« Angesichts hoher Lohn- und Materialkosten berechnet EUBU Stundensätze bis zu 72 Euro, plus Mehrwertsteuer. Die Eulers wundern sich selbst, dass bei solchen Preisen so viele Aufträge eingehen. »Für das Decken eines normalen Satteldachs werden etwa 50 000 Euro fällig«, sagt der Juniorchef.

Nach den Worten von Uwe Euler kämpft die Familie darum, den traditionsreichen Betrieb aufrechtzuerhalten. Sohn Kai ist skeptisch: »Was sollen wir machen, wenn es so weitergeht? Schließlich haben wir Jungen noch 40 Jahre zu arbeiten.«

Wetterauer Kreishandwerkerschaft: Corona hat Fachkräftemangel befeuert

Nicht ganz so pessimistisch wie die Familie Euler vom Butzbacher Dachdecker-Betrieb schaut die Kreishandwerkerschaft Wetterau in die Zukunft. Der Fachkräftemangel wird von Geschäftsführer Matthias Fritzel allerdings bestätigt. »Die konjunkturelle Belebung führt leider nicht dazu, dass weit verbreitet die Zahl der Beschäftigten steigt. Vermutlich hat die Corona-Krise den Fachkräftemangel sogar noch befeuert, wenn Mitarbeiter in Zeiten der Betriebsstilllegung abgewandert sind und nun den Handwerksbetrieben nicht mehr zur Verfügung stehen.«

Die Pandemie habe es Betrieben und Schulabgängern zudem extrem schwierig gemacht zusammenzufinden. Ausbildungsmessen, Infotage oder Berufspraktika seien ausgefallen. Fritzel: »Es braucht dingend ein zusätzliches ›Praktikumsfenster‹ zu Beginn des neuen Schuljahrs, um den Schülerinnen und Schülern Einblick in das praktische Berufsleben zu geben.« Prinzipiell müssten Kammern, Kreishandwerkerschaften, Verbände und Innungen noch viel mehr auf die Ausbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten im Handwerk aufmerksam machen. Uwe Euler von der Firma EUBU nennt ein weiteres wichtiges Argument, das für das Handwerk spricht: Nur 1,7 Prozent der Meister seien arbeitslos.

Eine zunehmende Entspannung sieht der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft bezüglich der Lieferengpässe. Große Probleme gebe es nach wie vor bei Holz, Dämmung und Farbe. »Bleibt zu hoffen, dass auch bei der Entwicklung der massiven Preissteigerungen für Material und Rohstoffe die Kehrtwende gelingt, so dass Bauen auch für die Privathaushalte erschwinglich bleibt.«

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