Die 41-Jährige - hier mit Verteidiger Jürgen Häller - versteckt sich zum Prozessauftakt unter einem Regenschirm vor den Kameras der Journalisten. Sie soll ihrem zweiten Ehemann schmerzhafte Brandwunden zugefügt und ihn mit einem Besen verprügelt haben. ARCHIVFOTO: SAX
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Die 41-Jährige - hier mit Verteidiger Jürgen Häller - versteckt sich zum Prozessauftakt unter einem Regenschirm vor den Kameras der Journalisten. Sie soll ihrem zweiten Ehemann schmerzhafte Brandwunden zugefügt und ihn mit einem Besen verprügelt haben. ARCHIVFOTO: SAX

Extreme Qualen aus Liebe ertragen

  • vonOliver Potengowski
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Wetteraukreis(sax). Im Berufungsverfahren gegen eine 41-Jährige, die beschuldigt wird, ihren zweiten Ehemann (insgesamt hatte sie vier) misshandelt zu haben, wurden vor dem Schöffengericht am Landgericht Gießen die Kripo-Beamten, die den Rockenberger vernommen hatten, gehört. Durch die Aussagen der Polizisten und eines psychiatrischen Gutachters soll geklärt werden, ob sich das mutmaßliche Opfer die schweren Verbrennungen freiwillig zufügen ließ und wie weit er in der Beziehung zu der mutmaßlichen Sadistin, die ihren ersten Ehemann mit Heißkleber gequält hatte und dafür im Gefängnis saß, zu einer freien Entscheidung fähig war. Die 41-Jährige war 2019 vom Amtsgericht Friedberg zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Sie bestreitet die Taten und sieht sich selbst als Opfer.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau dem Mann mit einer heißen Suppenkelle die Haut versengte, ihm Haare im Genitalbereich abbrannte und ihn mit einem Besenstiel verprügelte. Die Aussagen der Polizisten waren notwendig geworden, weil der Rockenberger, der sich im Verfahren durch eine Anwältin als Nebenkläger vertreten lässt, die Aussage verweigert und auch der Verwendung früherer Prozessakten überraschend widersprochen hatte.

Beide Polizisten beschreiben den früheren Ehemann, seit 2012 von der Angeklagten geschieden, als "zurückhaltend, in bestimmten Situationen fast schon unterwürfig", schildert ihn der eine. "Ich habe noch nie einen Mann erlebt, der so devot rüberkommt", ergänzt der zweite Beamte.

Dies steht im Gegensatz zu den Schilderungen der Angeklagten, die den Mann in ihrer Ehe und auch den folgenden zwölf Jahren, in denen der Kontakt trotz ihrer anderen Partnerschaften und Ehen nie abriss, als dominant beschreibt. Zwei ihrer noch lebenden Ex-Partner sprachen dagegen vor Gericht von gewalttätigen Ausbrüchen der 41-Jährigen, von Demütigungen und schweren körperlichen Misshandlungen.

Exkremente verzehrt

Auch die Beziehung zu ihrem vierten Ehemann folgte offenbar diesem Muster. Der Bad Nauheimer war unter bisher ungeklärten Umständen 2018 gestorben, nachdem er zuvor immer schwächer geworden war. Gemeinsam mit Ehemann Nummer zwei hatte die Angeklagte seine Leiche in einem Waldstück abgelegt. Als der Rockenberger dies bei der Polizei meldete, bemerkten die Beamten an seinem Körper zahlreiche, zum teil frische Narben. Erste Erklärungsversuche, er habe sich heiße Suppe übergeschüttet und eine Heizdecke sei in Brand geraten, gab er schnell auf.

Stattdessen erzählte er den Beamten von den Bestrafungen, die von Anfang an Teil der Beziehung gewesen seien und immer extremere Formen angenommen hätten. Anfangs sei er nur mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen worden, später habe die Angeklagte einen Besenstiel verwendet, ihn gebissen oder ihm Verbrennungen zugefügt. Auch Exkremente der Angeklagten habe er essen und trinken müssen. "Warum lässt ein gestandener Mann das mit sich machen?", wunderte sich der Polizist im Zeugenstand. Ausdrücklich erklärt der Beamte, dass ihm der Rockenberger auch von teilweise körperlicher Gegenwehr gegen die "Bestrafungen" erzählt habe. Doch ohne Widerstand sei das "Programm" manchmal auch verkürzt worden. Eine sexuelle oder masochistische Komponente habe er nicht erkannt, so der Beamte. Er verglich die ritualisierten Bestrafungen mit Kindesmisshandlung. "Wo das Kind weiß, ich habe einen Fehler gemacht und jetzt kommt der Gürtel vom Papa und das Kind zieht schon mal die Hose runter."

Die Demütigungen und Misshandlungen habe der Mann ertragen, "um zu zeigen, dass er es wirklich ernst meint", gibt der Polizist eine Erklärung des mutmaßlichen Opfers wieder. "Ich habe immer gedacht, dass wir das mit Liebe schaffen", zitiert er dessen Aussage aus der polizeilichen Vernehmung.

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