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Albtraum-Szenario: Ein Mann taucht plötzlich vor einer Frau auf, öffnet seine Hose. Was dann folgt, kann traumatisch sein. Polizeihauptkommissarin Ruth Eismann hat Ratschläge parat, wie eine Frau am besten reagieren sollte, wenn ein Exhibitionist sie belästigt. SYMBOLFOTO: BF

Schock, Ekel und Entsetzen

Exhibitionismus in der Wetterau: Polizistin spricht über Täter, Strafen und Opfer

  • Christoph Agel
    VonChristoph Agel
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Exhibitionisten treiben auch in der Wetterau ihr Unwesen. Was genau steckt hinter solchen Taten? Polizeihauptkommissarin Ruth Eismann hat Antworten.

Friedberg – Vor einigen Jahren hat eine 82-jährige Frau in Bad Nauheim einen Exhibitionisten mit einem Schirm verjagt. Sowas ist untypisch, und Polizeihauptkommissarin Ruth Eismann hält eine solche Reaktion nicht für ratsam. Schließlich kann die Situation auch anders ausgehen. Eismann ist bereits seit 21 Jahren beim Polizeipräsidium Mittelhessen tätig, in dessen Zuständigkeitsbereich auch die Wetterau fällt. Seit zehn Jahren ist Eismann für Präventionsthemen zuständig. Sie arbeitet als Opferschutzbeauftragte. Und sie weiß: Exhibitionismus ist eine Straftat, die in der Seele Spuren hinterlässt.

Definition - Wie die Polizeihauptkommissarin erklärt, kann Exhibitionismus ausschließlich von Männern begangen werden. Der Täter entblößt vor einer anderen Person sein Geschlechtsteil, das nicht zwangsläufig in einem erigierten Zustand ist. Da der Straftatbestand das Recht auf individuelle Selbstbestimmung schützen soll, ist es ein Merkmal des Exhibitionismus, dass eine andere Person auch tatsächlich belästigt wird. Bei ihr werden negative Gefühle wie Scham, Abscheu, Ekel, Schrecken, Entsetzen ausgelöst. Den Straftatbestand gibt es nur bei Männern; läuft eine Frau nackt durch die Stadt, dann fällt das unter »Erregung öffentlichen Ärgernisses«. Verübt ein Exhibitionist seine Tat vor Kindern, so handelt es sich unter Umständen um den Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Exhibitionismus in der Wetterau: Bis zu zehn Jahre Haft drohen

Strafmaß - Das hängt von der Art der Tatbeteiligung, den Folgen für das Opfer und den Vorstrafen des Täters ab. Wie Eismann erläutert, wird eine rein exhibitionistische Handlung mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe geahndet. Wird sexueller Missbrauch von Kindern nachgewiesen, dann liegt die Strafe zwischen sechs Monaten und bis zu zehn Jahren. Dies betrifft Fälle ohne Körperkontakt mit dem Kind. Kommt es zum Körperkontakt, dann sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr vor.

Die Täter - In etwa einem Drittel der Fälle kriege man die Täter, sagt Eismann. Wen hat die Polizei dann vor sich? »Das können Männer jeglichen Alters sein. Unter den Tätern sind sowohl Familienväter, als auch Singles. Es sind meist unsichere Menschen, die in irgendeiner Weise sexuelle Erregung erleben wollen.« Ein gewisses Machtgefühl stehe dahinter, sagt die Polizeihauptkommissarin. »Diese Täter wollen schockieren. Für manche Täter reicht bereits das Öffnen des Reißverschlusses aus, andere gehen weiter und onanieren.« Das Berühren des Opfers und das Auffordern zu sexuellen Handlungen seien eher die Ausnahme.

Die Opfer - »Generell erlebt jede Betroffene eine solche Situation anders«, sagt Eismann. Es gebe Opfer, die lange mit den Folgen einer solchen Tat zu kämpfen hätten. Probleme in Partnerschaft und Beruf und auch emotionaler Rückzug seien zu nennen, Eines betont die Polizistin besonders: »Die Opfer sind niemals schuld an einer solchen Situation, es sind immer die Täter.« Zahlreiche Opfer würden aus Scham keine Strafanzeige erstatten und sich auch keine Hilfe holen. Diese Hilfe sei aber enorm wichtig. Die Polizei vermittele gerne eine Beratungsstelle.

Exhibitionismus in der Wetterau: Schnell weg und dann „110“ wählen

Wie reagieren? - Ruth Eismann rät Opfern eines Exhibitionisten, den Täter nicht zu beachten, weiter zu gehen, sich schnellstmöglich aus der Situation zu entfernen, dann die »110« zu wählen. Letzteres sei schon deshalb wichtig, um weitere potenzielle Opfer zu schützen. Außerdem habe die Polizei dann die Chance, den Täter noch vor Ort anzutreffen. Grundsätzlich empfehle sie, Anzeige zu erstatten, sagt Eismann. Komme das Opfer nicht weg, dann sei es wichtig, Ruhe zu bewahren und selbstsicher aufzutreten. »Man sollte immer Distanz zum Täter wahren«, rät Eismann, Komme er näher, dann solle man ihm mit kurzen Sätzen deutlich machen, dass man nicht einverstanden ist - etwa durch den Satz »Unterlassen Sie das«. Duzen sollte man den Täter nicht, damit Außenstehende die Situation nicht als Privatangelegenheit abtun. Wichtig ist auch, dass sich das Opfer Merkmale wie Statur, Haarfarbe, Größe, Kleidung, Auffälligkeiten merkt.

Passanten ansprechen - Eine weitere Option: Gezielt Passanten ansprechen - zum Beispiel so: »Sie in der gelben Jacke, helfen Sie mir bitte, ich werde belästigt.«

Handy-Foto - Das sollte das Opfer nur aus sicherer Entfernung machen. Nach der Tat ist es wichtig, das Bild der Polizei zur Verfügung zu stellen, es aber nicht zu veröffentlichen. Tut man das, dann kann einem nämlich sogar eine Klage des Exhibitionisten drohen - Stichwort »Recht am eigenen Bild«.

Pfefferspray - Davon rät Ruth Eismann ab. Der Umgang sei nicht geübt, es bestehe die Gefahr, dass der Täter dem Opfer das Spray abnehme und gegen das Opfer einsetze. Abgesehen davon könne die Windrichtung wechseln, Unschuldige könnten das Spray abbekommen.

31 Fälle von Exhibitionismus 2020 in der Wetterau

Wer glaubt, Exhibitionisten sind eher im Sommer aktiv, weil es dann wärmer ist, liegt falsch. Polizeihauptkommissarin Ruth Eismann sagt, es komme das ganze Jahr über zu solchen Straftaten. 2020 waren es im Bereich der Polizeidirektion Wetterau 31 Fälle, im Gebiet, für das die Polizeidirektion Gießen zuständig ist, 40 Fälle. Beim Blick auf zurückliegende Exhibitionismus-Fälle entdeckt Eismann ganz verschiedene Orte, an denen die Täter ihr Unwesen getrieben haben: Friedhof, in der Nähe eines Spielplatzes, Fußweg, im Park, vor der Sporthalle, nahe eines Sees, in der Bibliothek, in der Fußgängerzone oder im Bus.

Hier findet man Hilfe

Ruth Eismann geht es bei Opfern von Exhibitionismus insbesondere darum, ihnen aufzuzeigen, wie sie Anzeige erstatten und woher sie für das Verarbeiten der Tat Hilfe bekommen können. Wer Hilfeeinrichtungen sucht, dem empfiehlt die Polizeihauptkommissarin die Website www.odabs.org. Die Abkürzung »ODABS« steht für »Online-Datenbank für Betroffene von Straftaten«. Auch die Seite www.hilfe-info.de wird von Eismann empfohlen. Informationen zum Opferschutz beim Polizeipräsidium Mittelhessen findet man, wenn man die Seite www.polizei-hessen.de aufruft, dann den Reiter »Schutz & Sicherheit« wählt, auf »Opferschutz«, zu finden in der Kategorie »Rat und Vorsorge«, klickt und dann links auf »Opferschutz und Opferhilfe« geht. Dann kann man die entsprechende Region, also in dem Fall Mittelhessen, anklicken. Wer eine Mail an die Opferschutzbeauftragte Ruth Eismann senden möchte, kann dies an praevention.ppmh@polizei.hessen.de tun.

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