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In der Lesung aus Liebesbriefen berühmter Frauen und Männer gewähren die Akteurinnen und Akteure lebendigen Einblick in ein faszinierendes Genre. Nach der Streaming-Veranstaltung kommen alle für ein gemeinsames Foto auf die Bühne.

»Ewig dein, ewig mein, ewig uns«

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Teplitz in Böhmen am 6. und 7. Juli 1812: Aus dem Kurbad schreibt der 42-jährige Ludwig van Beethoven seine drei legendären Briefe an die in Prag weilende Joséphine, Gräfin v. Brunswick. Seit mehr als zehn Jahren wirbt er vergeblich um die kurz zuvor einer unglücklichen Ehe entflohene Frau mit drei Kindern. Im ersten Brief heißt es unter anderem:

»Schon im Bette drängen sich die Ideen zu Dir, meine unsterbliche Geliebte - hier und da freudig, dann wieder traurig, vom Schicksal abwartend, ob es uns erhört. Nie eine andere kann mein Herz besitzen, nie nie. Deine Liebe macht mich zum Glücklichsten und Unglücklichsten zugleich. Welche Sehnsucht nach Dir, Dir, Dir - mein Leben, mein alles. Verkenne nie das treueste Herz deines Geliebten. Leb wohl! Ewig dein, ewig mein, ewig uns.«

Joséphine versagt sich dem leidenschaftlichen Werben des berühmten Tonsetzers nicht länger. Nach zwei gemeinsam verbrachten Tagen und Liebesnächten in Prag trennen sich beider Wege. Sie werden einander nie wieder begegnen.

Die in Friedberg durch zahlreiche Auftritte bekannte Theatercompagnie »Tagträumer« mit Regisseurin Veronika Brendel ließ sich bei ihrem Streaming-Auftritt vor leeren Stuhlreihen im großen Saal des Alten Hallenbads am Samstagabend solche Leckerbissen wie Beethovens billets d’amour nicht entgehen. In ihrer 70-minütigen Lesung aus Liebesbriefen berühmter Frauen und Männer gewährten Gudrun Schnitzer, Ingeborg Amodé, Uta Eckhardt, Armin Hauser und Ralf Birkholz lebendigen Einblick in ein faszinierendes Genre. Dezent begleitet wurden sie dabei von Agi Aregi an der Violine.

Eine andere Joséphine (verwitwete Gräfin v. Beauharnais) war 1796 Adressatin eines von zahllosen Briefen Napoléon Bonapartes. Der zwischen rasender Eifersucht und glühender Liebessehnsucht schwankende, im »Felde« weilende 27-jährige General überschüttete Joséphine mit einer wahren Sturzflut solcher Zeugnisse seines aufgewühlten Inneren zum Beispiel pathostriefenden Phrasen wie: »Eine Million Küsse so heiß wie am Äquator sollen brennen auf deinem Mund.«

Der russische Fürst Potemkin - einer der zahlreichen Günstlinge Zarin Katharinas II. - bleibt in seinem Billet an die hohe Herrin wesentlich dezenter. Es zeugt mehr von kalter Berechnung als aufrichtiger Liebe. Briefe wie dieser konnten seinen späteren Sturz nicht verhindern.

Was den Auftritt der »Tagträumer« auch diesmal wieder so kurzweilig sein ließ, war der Umstand, dass hier weit mehr als nur rezitiert wurde.

Auf der Bühne mangelte es nicht an Dynamik. Monologe, sich teilweise überschneidend-überschlagende, atemlose Dialoge verhalfen den Texten zu prallem, farbigen Leben. Gefühlsaufwallungen fanden adäquaten Ausdruck in Mimik und Gestik.

Eines der eindrucksvollsten, wenn auch todtraurigen Beispiele für die durchdachte Inszenierung war Heinrich von Kleists Briefwechsel mit seiner Freundin (nicht Geliebten) Henriette Vogel - wenige Tage vor ihrem Doppelselbstmord am Kleinen Wannsee im November 1811. Aus diesen erschütternden Briefen spricht nicht Liebes-, sondern Todessehnsucht. Die »Tagträumer« blenden beide Texte gleichsam übereinander - und erzeugen damit eine beklemmende Atmosphäre.

Beklemmende Atmosphäre

Ein Dokument unerschütterlicher Liebe ist Robert Schumanns Brief an Clara Wieck, seine spätere Frau. Selbst der jahrelange erbitterte Widerstand von Claras Vater zerschellt an ihr.

Auf die Rezitation von Adele Sandrocks 1893 zu Papier gebrachtem Liebesbekenntnis an Arthur Schnitzler (»Ich zerbeiße deinen göttlichen Mund«) folgte ein ergreifender Nachruf in Form eines billet d’amour. Alain Delon - ein Mann, dem man diese Zeilen kaum zugetraut hätte - beschwor darin seine Liebe zu früh verstorbenen Romy Schneider.

Nach der Präsentation einer hochkomischen Liebesbrief-Lachnummer Karl Valentins klang der Abend mit rauschendem - leider nur imaginären Beifall - aus.

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