Landwirt Matthias Brauner erklärt dem Fachpublikum das Prinzip der Weideschlachtung. FOTO: SAX
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Landwirt Matthias Brauner erklärt dem Fachpublikum das Prinzip der Weideschlachtung. FOTO: SAX

Paradebeispiel Merzehof

EU-Nachbarland hat Interesse an Wetterauer Weideschlachtung

  • vonOliver Potengowski
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So sehr Martina und Matthias Brauner vom Ranstädter Merzehof um die Erlaubnis für die Weideschlachtung kämpfen mussten, so groß ist das Interesse an dem Verfahren - selbst in europäischen Nachbarländern.

An einer Exkursion, bei der die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung über alternative Schlachtverfahren informierte, nahmen nun sogar Mitarbeiter des Luxemburgischen Umweltministeriums teil. Die Teilnehmer, darunter Landwirte aus der ganzen Bundesrepublik, zeigten sich von den Erläuterungen zur Weideschlachtung auf dem Ranstädter Merzehof sehr beeindruckt.

Durch die Pandemie und den jüngsten Skandal um die Zustände in Schlachthöfen hat das Interesse an Produkten von regionalen Landwirten einen zusätzlichen Schub bekommen. "Die Nachfrage steigt, das hört man überall, dass die Leute sich eher selbst was gönnen, als in Urlaub zu fahren", erklärt der Dauernheimer Bio-Landwirt Matthias Brauner. Seine Frau Martina und er haben jedoch erlebt, dass die Rechtslage und vor allem die Genehmigungspraxis vor Ort nicht immer mit dieser Entwicklung Schritt hält.

Auf dem Merzehof und auf dem Hof von Philipp Weber in Kaichen, wo ein Schlachtanhänger für eine teilmobile Rinderschlachtung besichtigt wird, erhalten die Teilnehmer Infos über hofnahe Schlachtverfahren, die eine Voraussetzung für kurze Wertschöpfungsketten sind. Damit soll es den Landwirten erleichtert werden, Fleisch und Wurst direkt auf ihrem Hof oder regional zu vermarkten.

Da kann der Merzehof durchaus als Modellprojekt gelten. Brauners berichten, wie sie eher zufällig zu Rinderzüchtern wurden. In mehr als 25 Jahren haben sie ein schlüssiges Konzept entwickelt, das neben dem eigenen Lebensunterhalt vor allem das Wohlergehen der Tiere im Blick hat. Deshalb werden die Rinder möglichst ganzjährig auf mehreren Weiden gehalten. Um den Tieren Stress durch eine ungewohnte Umgebung und den Transport ins Schlachthaus, das sie auf ihrem Hof gebaut haben, zu ersparen, werden die Rinder seit Mitte 2017 durch einen Jäger Vor Ort geschossen. Dafür hatte der Wetteraukreis eine Dauergenehmigung erteilt.

Ärger über Anordnung

Brauner berichtet, dass vereinzelt auch Käufer des Fleisches, das er mit seiner Frau in Fünf-Kilo-Paketen bis nach Frankfurt verkauft, auf den Hof kämen, um sich die Rinder anzusehen. "Die Schlachtung will keiner sehen", vermutet ein Teilnehmer. "Doch, das gibt’s auch", widerspricht Brauner. Das gehörte dazu, wenn man Fleisch isst. Besucher der Schlachtung seien beeindruckt, "wie ruhig das abläuft."

Das ist das wichtigste Argument der Brauners: Wenn Tiere schon getötet werden, um Nahrungsmittel für Menschen zu produzieren, dann soll das so schonend wie möglich passieren. Deshalb hatten sich die Brauners vergangenes Jahr auch vehement gegen neue Auflagen des Wetteraukreises gewehrt. Danach sollten die zu tötenden Tiere in einem 15 mal 15 Meter großen Pferch von der Herde abgesondert werden. "Wenn man anfängt, mit einem Zaun zu denen hin zu laufen, um die abzutrennen, das ist absolut sinnfrei" ärgert sich Brauner noch immer über die ""praxisfremde Anordnung, die für den Hof dann aber nicht zur Anwendung kam. Zeitweise sah das Landwirtspaar seine Existenz bedroht, berichtete der Gastgeber.

Dr. Veronika Ibrahim, die als Veterinärfachberaterin für mobile Schlachtung für die Exkursion engagiert wurde, betont, dass gerade auch durch Fleischskandale das Klima für solche alternativen Schlachtmethoden besser geworden sei. Im Wetteraukreis könne man alle Formen der mobilen Schlachtung besichtigen, nicht nur die Weideschlachtung, sondern auch die sogenannte teilmobile Schlachtung. "Es gibt einen sehr großen politischen Willen, die kleinen Schlachtbetriebe zu stärken." Noch vor wenigen Monaten hätten viele Landwirte immer weniger Überlebenschancen durch ein Netz aus nur schwer erfüllbaren Vorschriften gesehene. "Es gibt andere Bundesländer, wo es deutlich schwieriger ist", weiß Bettina Rocha von der Vernetzungsstelle Ländliche Räume in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, die zur Exkursion eingeladen hatte.

Auch deshalb sind viele Teilnehmer an den positiven Erfahrungen auf dem Merzehof interessiert. Aus Luxemburg kommen sogar gleich drei Teilnehmer der Exkursion. "Wir haben diese Naturschutzflächen, wo die Tiere ganzjährig auf der Weide sind", erklärt Sonja Thill, Mitarbeiterin des grün geführten Umweltministeriums. Dort sehe man die Vorteile, dass durch die Weideschlachtung Stress vermieden werden könne. "Luxemburg will das umsetzen."

"Noch kein Fehlschuss"

Die Weideschlachtung sorgte bei der Exkursion für viele Nachfragen. Bio-Landwirt Matthias Brauner erläuterte dem Fachpublikum das Verfahren, bei dem der Jäger am Rande der Weide auf einem Pritschenwagen steht und mit ihm gemeinsam die Herde beobachtet. Im Unterschied zu konventionellen Schlachtverfahren träfen sie erst jetzt in Absprache miteinander die Auswahl, welches Tier getötet werde. Dabei achte er auch auf die Größe des Tieres.. "Wir suchen sie danach aus, wer abseits steht", betonte Brauner, dass die günstige Schussposition das Hauptkriterium sei. Auch deshalb habe es bisher noch nie einen Fehlschuss gegeben. Die Vorstellung, ein Tier aus der Herde neben den anderen Rindern zu töten, sorgte für Verwunderung. Ob mit Schalldämpfer geschossen werde, ob die anderen Tiere nicht wegen des Schusses erschrecken, wollten Teilnehmer wissen. "Die checken das nicht, wenn der Wagen da kommt und dann jemand oben drauf steht", staunte eine Teilnehmerin.

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