Tilman Weber (l.) von der Bad Nauheimer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit diskutiert mit Autor Ronen Steinke (r.). 	FOTO: GK
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Tilman Weber (l.) von der Bad Nauheimer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit diskutiert mit Autor Ronen Steinke (r.). FOTO: GK

Erschreckende Wahrheiten

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Wer die Gefahr eines ideologischen Antisemitismus, der sich immer häufiger in rechtsterroristischen Anschlägen gegen Juden in unserem Land (und andernorts) niederschlägt, ignoriert oder verharmlost, kann sich von dem neu erschienenen Buch »Terror gegen Juden« eines Besseren belehren lassen. Soweit er oder sie noch bereit ist, den erschreckenden Tatsachen ins Gesicht zu sehen.

Der deutsch-jüdische Autor Ronen Steinke war am Donnerstagabend auf Einladung der Bad Nauheimer »Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit« ins Alte Hallenbad gekommen, um aus seinem Buch »Terror gegen Juden« zu lesen und im Gespräch mit Tilman Weber die Facetten des Terrors gegen Juden zu beleuchten.

Der - glücklicherweise misslungene - Anschlag auf die Hanauer Synagoge vom 9. Oktober letzten Jahres und der tätliche Angriff auf einen Kipa tragenden Juden in Hamburg vor einigen Monaten seien »nur« die letzten in einer langen Reihe solcher Untaten in Nachkriegsdeutschland. In aufwendiger Recherche hat der studierte Jurist Steinke nicht nur die Blutspur dieser Terrorakte (zum Beispiel des Anschlags auf ein jüdisches Altenheim im Jahr 1970, bei dem sieben Menschen ihr Leben verloren) nachgezeichnet, sondern auch zahlreiche Prozessakten beziehungsweise Gerichtsurteile studiert.

In den 20 von ihm besuchten jüdischen Gemeinden wachse die Angst vor weiteren Gewalttaten. Jüdische Schulen seien zu »Hochsicherheitstrakten« mit ständigem Polizeischutz geworden. Nicht nur auf der Berliner Heinz-Galinsky-Schule (die seine Söhne besuchen) üben die Schüler regelmäßig ihr Verhalten bei potenziellen Terrorangriffen ein. Eine Religionsgemeinschaft, die ihre Gottesdienste nicht mehr ohne Polizeischutz abhalten könne: »Diesen Zustand dürfen wir nicht dulden!«, sagte der Autor.

Neben dem wachsenden Terror von rechts habe es vor allem in den 1960/70er Jahren auch einen militanten Antisemitismus von links gegeben, der sich bis heute meist hinter dem Begriff »Antizionismus« verberge. Hier werde, so Steinke, die legitime Kritik an der (Außen-)Politik des Staates Israel als Deckmantel für die prinzipielle Negation seiner Existenzberechtigung missbraucht.

Kritik an »milden Strafen«

Bereits Karl Marx hatte um 1850 in seiner Schrift »Zur Judenfrage« das Zerrbild des ausbeuterischen jüdischen Kapitalisten gezeichnet. Der bis heute nicht aufgeklärte Mord am ehemaligen jüdischen hessischen Finanzminister Heinz Herbert Karry in den 1980er Jahren habe sich aus dieser falsch verstandenen »antikapitalistischen« Ideologie gespeist. Ein aktuelles Beispiel für linken Antisemitismus sei der ehemalige Vorsitzende der Labour Party, Jeremy Corbin.

»Die ›antizionistische‹ Kritik Israels laufe in unserem Land schon deshalb ins Leere, weil die meisten deutschen Juden keine Zionisten sind, sondern sich bewusst für das Leben in Deutschland - und nicht in Israel - entschieden haben.«

In das Spektrum des militanten Judenhasses gehöre auch der Islamismus, dessen erklärtes Ziel die Zerstörung des Staates Israel sei.

Sein Studium von Urteilsbegründungen in Prozessen gegen antijüdische Straftäter habe - so Ronen Steinke - ergeben, dass deren Vergehen hierzulande insgesamt zu milde bestraft würden. Vielen Richtern falle es offenbar schwer, Antisemitismus als Verbrechensursache genügend zur Kenntnis zu nehmen.

Aber die deutschen Juden seien weit mehr als nur - potenzielle - Opfer von verblendeten Fanatikern jeglicher Couleur; trotz des millionenfachen Mordes im »Dritten Reich« seien sie längst wieder aktive Mitgestalter des kulturellen Lebens: Mit diesem mutmachenden »Dennoch« endete ein Abend, der den (leider zu wenigen) Zuhörern wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird.

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